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Zockerjagd für Anfänger: So will Europa den nächsten Finanzcrash vermeiden

Von und Alexander Trempler (Grafik)

Für die Rettung taumelnder Banken soll nicht mehr nur der Steuerzahler geradestehen: Die EU-Kommission will Geldkonzerne künftig an den Kosten der Krise beteiligen - mit einer "Finanzstabilitätsabgabe". Doch was steckt dahinter? SPIEGEL ONLINE erklärt den Rettungsplan.

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Corbis

Banken-Skyline: Vorsorge gegen den nächsten Crash

Hamburg - Die Finanzkrise hat eines gezeigt: Kommt es hart auf hart, können sich viele Banken nicht aus eigener Kraft retten. Zwar gibt es Vorschriften, wonach die Institute jedes Finanz- und Kreditgeschäft mit einem bestimmten Anteil Eigenkapital hinterlegen müssen. Dieser ist umso höher, je riskanter das Geschäft ist.

Doch werden die Ausfälle zu groß, versagt das System irgendwann. Griechenland etwa hat bei Geldkonzernen rund um den Globus knapp 270 Milliarden Euro Schulden. Hätte Europa das Land nicht gerettet, würde eine Kettenreaktion drohen: Erst würden die Banken pleitegehen, die zu viele griechische Staatsanleihen besitzen. Dann die Institute, die den insolventen Konkurrenten zu viel Geld geliehen hatten. Die Kreditwirtschaft wäre zusehends gefährdet - und damit auch die Geschäfte in anderen Branchen.

Um eine solche Kettenreaktion künftig auszuschließen, macht die EU sich für eine sogenannte Finanzstabilitätsabgabe stark. Institute sollen Geld in einen Notfalltopf einzahlen. Droht einer Bank die Pleite, könnte sie vom Kollektiv gestützt werden.

Wie das funktioniert, zeigt die folgende Grafik.

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3  Bilder
Erklärgrafiken: So funktioniert die Bankenabgabe
Die Finanzstabilitätsabgabe unterscheidet sich deutlich von den anderen diskutierten Steuerkonzepten: Bei Finanzaktivitätssteuer und Finanztransaktionssteuer (siehe Video links) geht es vor allem darum, Erlöse aus Zockereien abzuschöpfen. Bei der Bankenabgabe geht es vor allem um Vorsorge. Bei einem möglichen neuen Bankencrash soll nicht mehr nur der Steuerzahler die Zeche zahlen.

Ende Juni auf dem Gipfel der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt (G20) will EU-Kommissar Michel Barnier deshalb eine Finanzstabilitätsabgabe durchsetzen. Einzahlen sollen die Banken in nationale Fonds, das Vorgehen soll aber staatenübergreifend abgestimmt werden - möglichst weltweit.

Eine Finanzstabilitätsabgabe darf dabei keine Ausfallgarantie für Zocker sein. Aktionäre und unversicherte Kreditgeber sollen laut EU-Konzept weiter die ersten sein, die die Konsequenzen einer Schieflage tragen. Aufgabe des Fonds soll es dagegen sein, Übergangshilfen zu leisten, eine Zerschlagung der angeschlagenen Banken zu erleichtern oder die Auslagerung fauler Wertpapiere in eine sogenannte Bad Bank zu ermöglichen.

Bad-Bank-Modell der Bundesregierung
Was ist eine Bad Bank?
Eine Bad Bank ist eine Zweckgesellschaft, in der Institute Papiere, deren Wert stark verfallen ist, für einen bestimmten Zeitraum auslagern können. Im Gegenzug erhalten sie gegen eine geringe Gebühr staatlich gesicherte Anleihen.
Was passiert mit den ausgelagerten Papieren?
Die giftigen Papiere werden von Experten realistisch neu bewertet. Die Differenz zwischen diesem Wert und dem (um zehn Prozent geminderten) Buchwert müssen die Banken über 20 Jahre abstottern, sobald sie eine Dividende ausschütten. Stellt sich nach 20 Jahren heraus, dass die ausgelagerten Aktiva noch weniger wert sind als ihr zuvor ermittelter Wert, muss die Bank auch diese Differenz ausgleichen.
Der Vorteil
Abschreibungen werden über einen längeren Zeitraum gestreckt - die Pleitegefahr einer Bank wird dadurch abgemildert.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) begrüßt das Konzept - und hat bereits erste Schätzungen veröffentlicht, wie groß ein entsprechender Rettungsfonds sein müsste. Bis Ende 2009 seien den G-20-Staaten durch die Krise Kosten von rund 862 Milliarden Dollar entstanden, schreibt der IWF. Das wären im Schnitt 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dieser Staaten. In einigen Ländern hätte die Belastung sogar bis zu fünf Prozent des BIPs betragen. Würden die Banken der G-20-Staaten einen gemeinsamen Notfalltopf einrichten, sollte dieser laut IWF entsprechend groß sein: Angemessen seien zwei bis vier Prozent der gemeinsamen Wirtschaftsleistung.

Noch allerdings ist die Bankenabgabe nur eine vage Idee. Und unter den G-20-Staaten ist der Vorschlag umstritten. Sympathie findet er bei der Europäischen Kommission und in den USA. Kanada dagegen sieht keine Notwendigkeit, Milliarden in einen internationalen Bankenfonds einzuzahlen: Die Institute des Landes waren von den Finanzbeben der vergangenen Jahre kaum betroffen. Sie stehen äußerst stabil da. Auch Brasilien steht dem Vorschlag skeptisch gegenüber.

Experten sehen einen kollektiven Nottopf ebenfalls kritisch. "Eine Bankenabgabe ist die schlechtere Lösung", sagt etwa Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. "Besser und leichter umsetzbar wäre es, die bereits bestehenden Einlagensicherungssysteme für Anleger auszubauen und die Eigenkapitalvorschriften für Banken zu verschärfen."

Haben Sie etwas dazugelernt? Dann lesen Sie weiter: Im dritten und letzen Teil der Serie geht es um die Frage, wie man Superspekulanten das Handwerk legen kann.

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Forum - Mehr Regulierung für Banken?
insgesamt 1433 Beiträge
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1.
AndyH 23.01.2010
Zitat von sysopWeniger Eigenhandel, eine Strafsteuer und - im Extremfall -Zerschlagung: US-Präsident Barack Obama will die Banken zügeln. Braucht die Finanzbranche wirklich mehr Regulierung?
Ja, braucht. Und ja, Obama wird auch damit scheitern.
2. Nix mit Regulierung
Klaus.G 23.01.2010
solange die Parteien am Tropf der Banken hängen und von deren Spenden abhängig sind wird sich nie was ändern. Alle außer der Linken werden gut dotiert und darum wird sich nix ändern denn dann würde man den Banken in die Quere kommen was ja niemand will.Auch Obama wird scheiten, zu groß die Macht der Banken und deren Verflechtung mit der Politk. Glückauf.
3. Ein bisschen regulieren wird nicht reichen
soziale qualität 23.01.2010
Um aus der Boom - Krise - Falle auszubrechen wird es klare Grenzen brauchen. Ganz wichtig wäre ein Verbot der Kickbacks und Boni. Die Banker haben sich mit diesen 'Tools' eine Schmiergeldlegalisierung herausgenommen die sich zum erfolgreichen Erpressungswerkzeug entwickelt hat. Es wird auch eine Steuer auf internationalen Finanztransaktionen brauchen und einen globalen Plan zur Austrocknung der Steueroasen. Weitere wichtige Grundlagen zum Thema: www.oekonomiefueralle.blogspot.com
4.
Adran, 23.01.2010
ist nur die Rückkehr zum *Glass-Steagall Act* klick (http://de.wikipedia.org/wiki/Glass-Steagall_Act) also nichts neues, sondern ehr sehr altes..bewertes..
5. Die Zerschlagung droht so oder so!
Jordan Sokoł 23.01.2010
Zitat von sysopWeniger Eigenhandel, eine Strafsteuer und - im Extremfall -Zerschlagung: US-Präsident Barack Obama will die Banken zügeln. Braucht die Finanzbranche wirklich mehr Regulierung?
Bezogen auf unsere bundesdeutschen Verhältnisse, muß den Bankmanagern und deren Unterstützern in der Politik klarge- macht werden, daß sie unter Umständen von einem entfessel- ten Volk (z)erschlagen werden, wenn sie sich nicht endlich vernünftigen Beschränkungen und strafbewährten Regeln unterwerfen. Unsere Bundeskanzlerin kann sich bezüglich ihrer unver- zeihlichen Zurückhaltung gegenwärtig nur auf ein einziges Argument berufen: "Ich/wir halten uns zurück, bis die Verursacher der Finanzkrise (USA, GB) regelnd in die Finanzmärkte eingreifen." Frau Merkel, die USA, England und Frankreich sind im Gegen- satz zu Ihnen sichtlich bemühter, um dem ausufernden Ge- schäftsgebaren der Finanzmanager die notwendigen Stop- zeichen vor die Nasen zu setzen. - Nun lassen Sie mal den Koch mit seinen bewußt nicht publizierten bankspezifischen Regionalinteressen rechts liegen und besinnen sich auf das Wohl des Volkes in seiner Gesamtheit! Jordan Sokoł
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Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

Darüber hinaus versprechen sich die Staaten auch von der Einführung eines "Stabilitätsbeitrags" der Banken und einer weltweiten Abgabe auf Finanztransaktionen eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.


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