Ärger mit dem Zoll Des Kaisers Paketkontrolle

Eines meiner Päckchen landet beim Zoll. Als ich es abholen möchte, mache ich Bekanntschaft mit einer längst verschwunden geglaubten Bürokratie. Fehlt nur noch ein Porträt von Kaiser Wilhelm.

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Ich bekomme Post vom Zoll. Ein Paket aus den USA sei "aufgrund fehlender Unterlagen" nicht ausgeliefert, sondern beim Zollamt hinterlegt worden. Dort liegt es "für Sie bereit". Ich mache mich auf den Weg zum Zollamt. Man sollte meinen, dass es in einer Millionenstadt wie München eine Abholstelle innerhalb der Stadtgrenzen gibt - aber Pustekuchen. Sämtliche abgefangenen Sendungen landen stattdessen in dem Vorort Garching-Hochbrück, 20 Kilometer vom Zentrum entfernt. Als ich dort aus der U-Bahn steige, glaube ich zunächst an einen Fehler. Vor mir erstrecken sich Felder, und sonst nicht viel. Hier ist die Welt zu Ende.

Doch nach einem guten Kilometer Fußmarsch sehe ich es tatsächlich vor mir: das Zollamt. Ich gehe hinein. Die Paketausgabe hat den Charme einer Ausnüchterungszelle. Der Mann hinter dem Schalter schnarrt: "Die Unterlagen, bitte!" Nach deren Prüfung weist er mich an, im Wartebereich Platz zu nehmen. Dort sitzen bereits einige Bittsteller. Die meisten schauen, als müssten sie gleich vor den Kadi.

Tigerfelle und Schlangenledergürtel

Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich eine Vitrine beäuge, in der die Zöllner ihre Fundstücke präsentieren: Gefälschte Rolex-Uhren, nachgemachte Turnschuhe, eine Packung voller chinesischer Schriftzeichen. "Rheumapflaster mit Leoparden-Knochen" steht darunter.

Nach einiger Zeit ruft man mich auf. Ich gehe zum Schalter.

"Was ist in dem Paket?", fragt mich der Zöllner.

"Ein Buch", antworte ich wahrheitsgemäß. "Fantasyzeugs. Kostet 30 Dollar." Der Beamte nickt und lässt sich von mir einen Ausdruck des Zahlungsbelegs zeigen. Das war's auch schon. Er will nicht einmal meinen Personalausweis sehen. Gegen Unterschrift händigt er mir das Paket aus, mit den Worten: "Zahlen müssen Sie da nix."

Behörde simuliert Betriebsamkeit

Ich stapfe die Schnellstraße entlang. Vier Stunden Lebenszeit wird mich diese Aktion am Ende gekostet haben. Und es stellt sich die Frage: Was sollte das Ganze? Dass sich in meinem Paket weder Plastiksprengstoff noch getrocknete Leopardenpenisse befanden, wusste der Zoll bereits. Er hatte das Paket schließlich schon geöffnet. Und meine Identität musste ich auch nicht nachweisen.

Ein Sprecher des Zolls erklärt auf Anfrage, man habe die Abholstelle vor einigen Jahren nach Garching verlegen müssen. Jene Lkw, die dem Zoll die Sendungen anlieferten, dürften nämlich nicht mehr in die Stadt fahren. Allerdings könne man seine Belege auch schriftlich einreichen.

Dieser Hinweis findet sich freilich erst auf der zweiten Seite des Zollschreibens. Die schriftliche Freigabe hat außerdem den Nachteil, dass die abgefertigte Sendung zunächst zum Frankfurter Flughafen zurückexpediert wird, bevor die Post sie ausliefert. Das kann ein paar Wochen dauern.

Man fragt sich, ob es überhaupt Sinn macht, ungefährliche private Buchsendungen von niedrigem Warenwert abzufangen, weil diese die "Voraussetzungen der Art. 9 und 10 des Vertrages zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nicht erfüllen" (Zollaufkleber).

Macht es natürlich nicht. Ich vermute ohnehin, dass es bei diesem Zirkus weniger um Pakete geht als vielmehr um den Zoll selbst. Wir haben es hier mit einer Behörde zu tun, die nach einer Existenzberechtigung sucht. Denn wir leben in einem Land, das de facto keine Außengrenzen mehr besitzt.

Ich hatte bereits des Öfteren mit dem Zoll zu tun. Dort weht noch der Geist des vorvergangenen Jahrhunderts, mit all dem obrigkeitsstaatlichen Getue, das sich kaum noch eine andere deutsche Behörde leistet. Diesem Geiste eingedenk ist es (auf eine verquere Weise) ganz logisch, dass abgefangene Pakete nicht im Stadtzentrum landen, sondern im Nirgendwo. Es ist wie in Kafkas "Das Schloss": Der beschwerliche Weg ist Teil des Programms und führt dem Supplikanten die Herrschaftlichkeit der Hohen Behörde vor Augen.

Auf dem gesamten Rückweg muss ich immer wieder lachen, so absurd kommt mir das alles vor - das Zollamt im Nirgendwo, das grimmige Getue der Zöllner, die zur Schau gestellte Konterbande. Mich wundert nur, dass nirgendwo ein Porträt von Kaiser Wilhelm hing.

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insgesamt 198 Beiträge
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Seite 1
SPONU 27.05.2015
1. Dankbarkeit?
Dass Sie ihre Kolumne auf einem Laptop schreiben können dessen Netzteil nicht unmittelbar nach dem Einstecken explodiert haben Sie unter anderem auch der Arbeit des Zolls zu verdanken. Ich bin auch froh dass Importeuren von gefährdeten Arten, Waffen, bleihaltigen Spielzeug, Plagiaten, gefährlichen Elektrogeräten etc etc etc der Spass verdorben wird. Da habe ich kein Mitleid für ihre kleine Bahnreise.
Ri Chie 27.05.2015
2.
und wenn es Ihnen wegen einer einfachen privaten Postsendung schon so geht, dann können Sie sich vorstellen wie es mir und vielen anderen Menschen geht die Tag täglich auf berufsebene mit diesen Beamten zu tun hat...
Andraax 27.05.2015
3. Zweierlei Maß?
Aus meinen Erfahrungen mit dieser Behörde stimmt mich vor allem ein Sachverhalt nachdenklich: Ich bekomme oft Warenlieferungen aus dem Ausland aufgrund meiner eBay Aktivitäten. Interessanterweise wurden Lieferungen aus den U.S.A. auf das Genaueste beäugt, auch wenn sie klar einen geringen Verkehrswert(< 50 Euro kein Einfuhrzoll oder so) hatten (Außen sichtbar, aber kein expliziter Lieferschein). Andererseits wurden Lieferungen aus China, die klar nach Warenlieferung aussahen, große Pakete, auch ersichtlich relativ teuer, nie kontrolliert. Ergibt in der Häufung, die ich erfahre habe, den Anschein von Absicht bzw. Steuerung. Wen haben die Chinesen denn da geschmiert?
bonngoldbaer 27.05.2015
4.
"Denn wir leben in einem Land, das de facto keine Außengrenzen mehr besitzt." Umso wichtiger ist es darauf zu achten, dass nicht alles auf dem Luftweg hereinkommt. Bestellen Sie Ihre Bücher künftig lieber im United Kingdom.
mmnw 27.05.2015
5. Andere Erfahrung gemacht ...
Zwar liegt auch mein Zollamt fast auf der grünen Wiese in einem Gewerbegebiet zu dem ich gut 20 Minuten mit dem Auto fahren muss (per öffentlichem Verkehr nur umständlich erreichbar), aber von fehlender Servicementalität kann ich nicht berichten. Die Mitarbeiter dort waren immer sehr freundlich und zuvorkommend. In einem komplizierten Fall waren sie sogar extrem hilfreich. Und von fehlenden Außengrenzen zu sprechen ist sogar sachlich falsch. Die Bundesrepublik grenzt an die Schweiz, die zwar Schengen 1, aber nicht Schengen 2 Mitglied ist. Damit haben wir was den Warenverkehr (und damit den Zoll) angeht eine echte Außengrenze. Im Übrigen haben wir in Zeiten des weltweiten Warenverkehrs den Zoll nötiger denn je. Gerade was den gigantischen Warenverkehr mit dem asiatischen Markt angeht verteidigt der Zoll jeden Tag die auch auf dieser Seite immer wieder hervorgehobenen hohen deutschen Standards.
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