DDR-Häftling: "Ich war Zwangsarbeiter für Ikea"

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Die Erinnerungen an Knast, Schläge und Schikanen verfolgen ihn noch heute: Vor 25 Jahren saß Dirk Maschke als politischer Gefangener im DDR-Gefängnis und wurde zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die Auftraggeber, sagt er, saßen im Westen - beim sympathischen Möbelhaus aus Schweden.

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Dirk Maschke: Zwangsarbeit als politischer Gefangener in der Ex-DDR

Berlin - Dirk Maschkes neue Wohnung sieht ziemlich unfertig aus: Die Türen noch ausgehängt, der Fernseher nicht angeschlossen. Immerhin stehen die Möbel schon an ihrem Platz - Ikea allerdings wird in Maschkes Wohnung niemals einziehen. Die Erinnerungen sind noch zu präsent: Vor 25 Jahren saß Maschke als politischer Gefangener in der DDR im Gefängnis und musste Zwangsarbeit leisten - Zwangsarbeit für Ikea, wie er selbst sagt. Bis heute leidet der 48-Jährige an Schlafstörungen, Folge der Haft. Und auch Maschkes jüngster Umzug hängt mit alten Erinnerungen zusammen.

Ausgerechnet in seinem alten Kiez im tiefen Berliner Osten traf er vor kurzem jene Person wieder, die am Anfang seines Leidenswegs stand - da konnte er nicht mehr im Viertel wohnen bleiben. "Da ha' ick meinen alten Schließer wiederjesehen." Maschke ist in Berlin geboren und so redet er auch: Klare Sätze ohne Schnörkel, ohne Bitterkeit und ohne Mitleid zu heischen. Jeden Namen, der ihm auf seinem Weg ins Gefängnis und dann in der Freiheit wieder begegnet ist, hat der Mann mit dem Bürstenschnitt parat; nicht ein Mal muss er überlegen.

"Schon in der Schule hatte ich Probleme", erzählt Maschke heute. Statt mit einem Ranzen kam er schon mal mit einer West-Plastiktüte zum Unterricht. "Ob Rewe, Aldi oder Lidl war ejal, Hauptsache Plastik und ausm Westen." Er hatte Verwandschaft in der BRD, sein Vater hatte in Westberlin gewohnt und war nur der Liebe wegen in den Ostteil der geteilten Stadt gezogen.

Auf Ausreiseantrag folgte U-Haft

Dirk Maschke stellte direkt nach seiner Ausbildung zum Montageschlosser 1985 einen Ausreiseantrag, der umgehend abgelehnt wurde. Er stellte weitere Anträge, immer erfolglos. Sechs Mal ging das so, erzählt er, dann wurde er abgeholt. Stundenlang habe die Stasi ihn verhört, ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt, "die Schmerzen können Sie sich nicht vorstellen." Danach kam er in U-Haft. Sein Wärter: der spätere Nachbar in Berlin-Kaulsdorf.

Maschke trinkt einen Schluck Cola und erzählt weiter. "Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass ich jetzt hier wohne, in der früheren Stasi-Hochburg Hellersdorf, oder?" Natürlich hat er Gründe dafür: Seine Kinder gehen hier zur Schule, seine Frau arbeitet in der Nähe - trotzdem. Noch eine Ironie des Schicksals: Vor einem knappen Jahr eröffnete nicht weit von Maschkes neuer Wohnung entfernt der vierte Ikea-Markt in Berlin. Betreten hat er ihn nie.

Aus der U-Haft heraus wird Dirk Maschke, damals 22 Jahre alt, zu 19 Monaten Haft verurteilt, wegen "Beeinträchtigung staatlicher Organe bei ihrer Tätigkeit", wie er sagt - er landet in der Strafvollzugsanstalt Naumburg an der Saale. "Am Salztor 5, das Gefängnis gibt es auch heute noch!" 15 Gefangene waren sie, in einem kleinen Raum. Fünf Mal drei Betten übereinander, in der Mitte nur Platz für einen kleinen Tisch.

In der Zelle waren nur politische Gefangene, im gesamten Gefängnis schätzt Maschke das Verhältnis "Politische" zu "Kriminellen" auf 80 zu 20. Einige fuhren täglich als "Außenkommando" in "Haftbussen" in eine ausgelagerte Produktionsstätte, wo sie laut Maschke und anderen Zeitzeugen Stühle für Ikea zusammenschweißten. "Die größten Querulanten wie ich mussten im Gefängnis bleiben" - und dort für den Möbelkonzern produzieren.

Scharniere für Schweden

Maschke wird einsilbiger, wenn er über die Haft redet, er zählt vor allem Fakten auf. In einer großen Halle arbeiteten sie, ungefähr 50 Mann, jeden Tag. "Um 7 Uhr mussten wir antreten, in der Mittagspause gab es meistens Essen, aber nicht immer, um 15.30 Uhr war Feierabend." Er berichtet von Schlägen und Misshandlungen, wenn nicht ordentlich gearbeitet oder die Arbeit verweigert wurde.

Maschke selbst musste Scharniere zusammenbauen. Jene Scharniere, mit denen bei Ikea-Schränken die Türen eingebaut werden. Bis heute bekommt er Schweißausbrüche, wenn er Schranktüren anbringt - der Umzug hat alles wieder hochgespült. "Wie soll das erst werden, wenn die Kinder ausziehen und ich allen beim Aufbau der Möbel helfen soll?" Maschke sagt es nur halb im Scherz.

Dass er indirekt für das schwedische Möbelhaus arbeitete, hatten ihm damals die Aufseher erzählt: "Ihr arbeitet für Ikea", hätten sie gehöhnt, "die Sachen gehen dahin, wo Ihr niemals hinkommen werdet." Ikea selbst betont, dass die Anschuldigungen "sehr ernst" genommen würden, allerdings sei eine Aussage von Wärtern allein noch kein Beweis. Dass politische Gefangene in der DDR zum Arbeiten gezwungen wurden, gilt allerdings als sicher, und unbestritten ist auch, dass Ikea Aufträge in die DDR vergeben hat. Ob Ikea indes von der Zwangsarbeit in der Möbelproduktion gewusst hat, ist noch unklar.

Maschke selbst war nicht überrascht, dass er in der Haft für die Ikea-Zulieferung arbeitete. Schon als 14-Jähriger hatte er einen Ferienjob "im VEB Fortschritt", direkt gegenüber der elterlichen Wohnung. Dort wurde Kleidung genäht, er erkannte die Etiketten: "C&A stand darauf, das kannte ich durch meine Westverwandtschaft." Von da an sei ihm klar gewesen, dass etwas im System nicht stimmte.

Auf die Freiheit folgte die Enttäuschung

Nach 14 Monaten Haft und Scharnierbauen kam Maschke aus dem Gefängnis - die Bundesrepublik hatte ihn und die ganze Gruppe aus Naumburg freigekauft. Nach mehreren Umwegen landete Dirk Maschke wieder in Berlin, dieses Mal im Westen der Stadt. Dort erzählte er schon 1986, gemeinsam mit einem Leidensgenossen, die gesamte Ikea-Geschichte zwei Reportern: "Einem schwedischen und einem deutschen. Von denen habe ich nie wieder etwas gehört." Dass die Geschichte nicht erzählt wurde, hat ihn enttäuscht - deshalb hat er bis heute geschwiegen.

Erst als SPIEGEL ONLINE in der vergangenen Woche über die Zwangsarbeits-Anschuldigungen gegen Ikea berichtete, entschloss Maschke sich, mit seinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen.

In Westberlin lief zunächst alles gut für den DDR-Flüchtling: Er fand eine Stelle in seinem Beruf und baute sich eine Existenz auf. Als aber die Mauer fiel, kam alles wieder hoch: Alpträume, Angstzustände. Ärzte diagnostizierten ein posttraumatisches Belastungssyndrom. Er musste sich krankschreiben lassen, ging in Frührente. Maschke wollte Gerechtigkeit: Er ließ sich als politischer Häftling anerkennen, versuchte, die alten Peiniger zu belangen, sogar eine Klage reichte er ein. Passiert sei aber nichts. Von allen, die für sein Leiden verantwortlich waren, sagt er leise, sei nur ein einziger verurteilt worden - der Rest lebt unbehelligt. So wie sein ehemaliger Schließer, der ihm in Kaulsdorf über den Weg lief.

Dass die Geschichte jetzt noch einmal hochkocht, nach so langer Zeit, freut ihn zwar - eine wirkliche Aufarbeitung erwartet Dirk Maschke von Ikea aber nicht mehr. Überhaupt ist er eigentlich nur noch seiner Kinder wegen im Land. Wenn die aus der Schule sind, möchte er auswandern: "Lachen Sie jetzt bitte nicht. Ich möchte gerne nach Schweden."

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Grundgesetz
Rotbert 08.05.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Erinnerungen an Knast, Schläge und Schikanen verfolgen ihn noch heute: Vor 25 Jahren saß Dirk Maschke als politischer Gefangener im DDR-Gefängnis und wurde zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die Auftraggeber, sagt er, saßen im Westen - beim sympathischen Möbelhaus aus Schweden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,831437,00.html
[QUOTE=sysop;10147046]Die Erinnerungen an Knast, Schläge und Schikanen verfolgen ihn noch heute: Vor 25 Jahren saß Dirk Maschke als politischer Gefangener im DDR-Gefängnis und wurde zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die Auftraggeber, sagt er, saßen im Westen - beim sympathischen Möbelhaus aus Schweden. Ist nach Art. 12 GG Zwangsarbeit nicht auch in bundesdeutschen Gefängnissen möglich?
2.
DJ Doena 08.05.2012
OK, er war politisch Gefangener und saß aus neutraler Sicht wahrscheinlich unschuldig im Gefängnis. Aber das im Knast gearbeitet werden muss, hat prinzipiell nichts mit dem Grund zu tun, warum man einsitzt. Kennt man ja schließlich auch aus jedem amerikanischen Krimi, wo die Insassen entweder in der Wäscherei schuften oder Kennzeichen stanzen. Selbst wenn ich mal unschuldig im Knast landen würde, würde ich wahrscheinlich arbeiten wollen. Was wäre denn die Alternative? 7h schlafen und 17h die Zellendecke betrachten und auf die Nacht warten?
3. Was für eine Heuchelei
ma_fer 08.05.2012
Zitat von Rotbert[QUOTE=sysop;10147046]Die Erinnerungen an Knast, Schläge und Schikanen verfolgen ihn noch heute: Vor 25 Jahren saß Dirk Maschke als politischer Gefangener im DDR-Gefängnis und wurde zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die Auftraggeber, sagt er, saßen im Westen - beim sympathischen Möbelhaus aus Schweden. Ist nach Art. 12 GG Zwangsarbeit nicht auch in bundesdeutschen Gefängnissen möglich?
[QUOTE=Rotbert;10147144] Nicht nur möglich, sondern auch tägliche Praxis. Wobei die Arbeiten lange nicht so anspruchsvoll sind wie Ikea-Regale zu bauen. Das Mittelalterlich "Büße und arbeite" hat sich in die bundesdeutsche Zeit gerettet. Über Resozialisierung sprechen nur abgehobene Richter, die Gefängnisalltag aus Erzählungen, der Phantasie oder den Gesetzestexten kennen. Und der Ort der Haft, Naumburg, steht auch in der bundesdeutschen Geschichte für ein Oberlandesgericht an dem ein ganzer Senat Rechtsbeugung begeht und dafür (vom gleichen Gericht) nicht bestraft.
4. Doch leider....
KARTOFFELACKER 08.05.2012
Den Artikel kenn ich leider schon, ist leider eine Wiederholung....
5.
_ab 08.05.2012
Gab es schon von der SED^W der Linken eine kleine Anfrage im Bundestag zu diesem Skandal? Ach nee, moment, nicht von, sondern BEI den Linken?
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