Sexy Konkurrenzkampf BHs für Börsianer

Um die ehrwürdige New York Stock Exchange steht es schlecht. Immer mehr Firmen scheuen die strengen Regeln der Traditionsbörse, lassen sich lieber woanders handeln - weshalb der Handelsplatz heute eine anzügliche Eigenreklame startet: Er buhlt mit Reizwäsche-Models um Aufmerksamkeit.

Von , New York


New York - Wenn die Broker und Händler heute auf dem Parkett der New York Stock Exchange Chart zeigen (NYSE) ihren Montagsdienst verrichtet haben, erwartet sie eine Überraschung. Oben auf dem Balkon, wo oft handverlesene Ehrengäste die Börsenglocke läuten, wird ihnen rechtzeitig zum Feierabend eine Art Fata Morgana erscheinen: zwei exotische, dunkle Schönheiten, eine aus Brasilien, die andere von den Cayman Islands.

Die Damen, brüstet sich die NYSE, seien "Supermodels". Adriana Lima und Selita Ebanks heißen sie, und sie sind die Stars der alljährlichen "Modenschau", die der Unter- und Reizwäschekonzern Victoria's Secret passend zum Nikolaustag morgen live im US-Fernsehen gibt - "eine der meistgefeierten Modenschauen der Welt", wie eine Börsensprecherin hechelt. Zur Feier des Tages dürften die BH-Ladys - dann allerdings züchtig beschürzt - anschließend den Weihnachtsbaum vor der Börse mit anknipsen.

So weit ist es gekommen. Die Börse buhlt mit Bustiers und Busen. Solche Verjüngungstricks sind der 124-jährigen NYSE zwar nicht fremd; zu den diesjährigen Balkongästen zählten Bugs Bunny, der rosarote Panther und "Mr. Miau", das Maskottchen eines Tierfutterhauses. Doch angesichts der jüngsten Schlagzeilen über den dräuenden Kundenschwund an den US-Börsen wirkt der BH-Gag eher wie ein verzweifelter Striptease für flüchtige Freier.

Exorbitante Aufsichtskosten

Die Metapher ist gar nicht abwegig: Auf dem internationalen Parkett drohen Amerikas Börsen zu verkümmern. Zwar bleiben die USA weltweit Marktführer, mit 46 Prozent aller Aktienwerte und 44 Prozent aller Investmentbankgebühren. Doch das Blatt wendet sich spürbar: Während Ende der neunziger Jahre noch fast jede zweite aller globalen IPO-Börsenpremieren in den USA stattfand, waren es dieses Jahr gerade mal noch acht Prozent.

Neun der zehn größten IPOs in 2006 wurden in Europa oder Asien gezeichnet. London Chart zeigen macht der Wall Street dabei am meisten Konkurrenz. Kein Wunder, dass die US-Techbörse Nasdaq Chart zeigen gierig nach ihrer Rivalin an der Themse schielt.

"Ist eine US-Börsennotiz noch die Mühe wert?", nörgelt selbst das "Wall Street Journal". Die Schlagzeile ist weniger eine Frage als bereits die Antwort. Heute in New York an die Börse zu gehen, rentiert sich für ein Unternehmen immer weniger - während die internationalen Konkurrenzmärkte, allen voran London und Hongkong, zusehends attraktiver werden.

Als Hauptgrund nennen die betroffenen Firmen die exorbitanten Kosten, die allen hier börsennotierten Konzernen durch das Sarbanes-Oxley-Gesetz (kurz: Sox) gegen Aktien- und Bilanzbetrug entstehen. Allein die belaufen sich auf durchschnittlich 4,3 Millionen Dollar im Jahr. Das "killt die Listing-Dominanz der USA völlig", sagt Harvard-Jurist Hal Scott.

"Wir selbst haben die Kosten erhöht"

Viele Unternehmen aus dem In- und Ausland beklagen auch, dass das eng geschnürte Sox-Regelkorsett - das der US-Kongress 2002 nach den vielen großen Konzernskandalen (Enron, WorldCom etc.) erlassen hatte - ihnen die Luft abschnürt. Alvaro de Molina, der Finanzchef der Bank of America Chart zeigen, schmeißt aus diesem Grund nun sogar zum Jahresende nach nur 18 Monaten schon wieder die Brocken hin: Die Sox-Vorschriften seien "erstickend". Andere verzweifeln an der erhöhten Ermittlungslust der US-Justizbehörden gegen Firmen und der wachsenden Zahl lästiger Aktionärsklagen.

Die Platzhirsche fürchten um ihr Revier. Ein Gremium aus 22 Finanzexperten mit dem bombastischen Titel Committee on Capital Markets Regulation legte deshalb jetzt einen voluminösen Bericht vor, wie der Listing-Flucht beizukommen sei. "Wir selbst haben die Kosten einer US-Börsennotierung erhöht", klagt Glenn Hubbard, der Co- Vorsitzende der Runde und Wirtschaftsdekan an der Columbia University. "So etwas hat langfristige Konsequenzen."

Der Rat des Rats - zum Schrecken aller Aktionärsaktivisten: Sox wieder abmildern. Das bürokratische Gestrüpp, in dem sich Firmen und Kontrollinstanzen verhedderten, müsse entforstet werden. Vorbild: das flexiblere Aufsichtssystem in London. Auch das rüde An-den-Pranger-Stellen suspekter Firmenchefs müsse enden - das könne Konzerne zerstören.

Doch der Teufel steckt wie immer im Detail. Finanziert wurde die "unabhängige" Studie nämlich von der New Yorker Starr-Stiftung. Und deren Vorsitzender ist Hank Greenberg, der 2005 unter Betrugsverdacht als CEO des Versicherungsgiganten AIG Chart zeigen geschasst worden war - also selbst einer derjenigen, die am Pranger landeten. Ob verdientermaßen, ist strittig: Die Justiz ließ später alle Vorwürfe gegen ihn fallen - doch AIG musste eine "Reparation" von 1,6 Milliarden Dollar blechen.

Dass Greenberg hinter dem Vorstoß zur Lockerung der Börsenkontrollen steckt, überrascht Skeptiker nicht. "Dieser Vorschlag ist eine Attacke eines diskreditierten CEOs gegen jene Überwachungsgesetze, die seine Herrschaft an der Spitze von AIG beendet haben", erklärte Verbraucheranwältin Carmen Balber von der Foundation for Taxpayer and Consumer Rights. Die Wall Street nutze "das Deckmäntelchen akademischer Forschung", um sich weiter zu Lasten der Bürger zu bereichern.

Auch ein Blick in die Mitgliedsliste des hohen Komitees lässt Zweifel an dessen Objektivität aufkommen. Das finden sich Branchen-Insider wie Kenneth Griffin, CEO der Investmentfirma Citadel, NYSE- Präsidentin Cathy Kinney und Steve Odland, der Chef von OfficeDepot - allesamt potentielle Leidtragende der strengen Sox-Regulierungen. Und der zweite Co-Vorsitzende des Gremiums ist John Thornton - der ehemalige Präsident von Goldman Sachs Chart zeigen.

Mit Beststeller-BH's zum Börsenerfolg

Auch war eine andere Studie erst vor einem Jahr zu einem konträren Ergebnis gekommen. Demnach zahle sich es, ganz im Gegenteil, für Unternehmen "trotz der zunehmenden Kosten von Sarbanes-Oxley" sogar noch aus, ihre Aktien an US-Börsen listen zu lassen. "Ein US-Listing hat weiter einen bedeutenden Vorteil", schrieb Finanzprofessor Andrew Karolyi von der Ohio State University in der Untersuchung - und NYSE- Vizepräsident Noreen Culhane sekundierte flott: "Ein US-Listing ist es wert."

Fest steht: Das Interesse schrumpft, aus welchem Grund auch immer. Weshalb der NYSE-Clou mit Victoria's Secret am Ende doch nicht so dumm ist. Der Wäscheweber ist ein Musterbeispiel für den US-Börsenerfolg: Die Aktie seines Mutterhauses Limited Brand hat seit Jahresbeginn um 50 Prozent zugelegt. Und zwar auch dank des Bestseller-BH's "Very Sexy Secret Embrace", wie VS-Chefin Sharen Turney den Herren Analysten bei einer Schaltkonferenz vor kurzem so anschaulich erläuterte.

Zum Schluss machte Turney schnell noch Werbung für die morgige Dessousschau: "Wir laden Sie ein, mit uns die sexyste Nacht im Fernsehen anzuschauen." Einige der Analysten dürften sich das kaum zweimal sagen lassen.



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