Monster-Auto Das Geheimnis des russischen Sherps

Ein russischer Off-Road-Truck wird zum Internet-Hit und macht viele Russen stolz. Dabei kommt der Investor aus der Ukraine und will sich lieber bedeckt halten.

Von Maxim Kireev

YouTube/Alex Rudoi

Die Wucht traf Wladimir Schkolnik unerwartet. Der Unternehmer kam gerade von einem seiner Kurztrips aus Sibirien zurück, fernab der Zivilisation. "Wir wollten nur in Ruhe fischen. Als wir zu Hause ankamen, hörten unsere Telefone nicht auf zu klingeln, im Postfach waren hunderte E-Mails aufgelaufen", sagt der 59-Jährige. "Alle interessierten sich plötzlich für unseren Geländewagen."

Ausgelöst hatte den Ansturm ein kurzes You-Tube-Video. Schkolnik hatte es einige Tage zuvor bei Facebook Chart zeigen gepostet. Darauf zu sehen sind zwei Autos, die sich auf Riesenreifen mühelos über jedes Terrain, Eis und sogar auf Wasser fortbewegen. Im Innenraum jeweils zwei Sitz - und Schlafplätze. In das Projekt hatte der Unternehmer seit Jahren viel Zeit und Geld investiert, um es serienreif zu machen. Ein langer und mühsamer Prozess.

Und dann das: Der britische Journalist Tom Ford schrieb darüber einen knappen, positiven Satz auf der Website der Kultsendung "Top Gear" - und dutzende Medien auf der ganzen Welt griffen das "Off-Road-Wunder" auf. Fast vier Millionen Zugriffe hatte das Video inzwischen. "Davor waren es auf unserer Website vielleicht 30 Besucher pro Tag", lacht der Investor. Schließlich berichteten auch russische Medien, endlich bringe ein einheimisches Fahrzeug den Westen zum Staunen.

Fotostrecke

3  Bilder
Sherps-Autos: Zu Eis und zu Wasser

Das Ukraine-Problem

Die Sherps, so heißen die all-terrain-vehicles, stammen aus einer kleinen Fabrik bei St. Petersburg. Als die Produktion in Kleinserie vor einigen Monaten anlief, interessierten sich höchstens russische Wildnis-Fans, Fischer und Jäger für das Gefährt. Bisher existieren einige Dutzend Exemplare. Die Kapazität reiche derzeit für vielleicht 100 Fahrzeuge im Jahr aus, schätzt Geschäftsführer Sergej Samokhwalow. Nun erreichten das Büro nahezu pausenlos Anfragen aus der ganzen Welt.

"Wenn wir es uns aussuchen könnten, hätten wir den Hype gerne um ein halbes Jahr verschoben", scherzt Schkolnik. Zumal er selbst gerne im Hintergrund geblieben wäre. Russischen Medien gegenüber berichtet Samokhwalow stets nur schwammig von einem Investor, zu dem er keine Angaben machen könne. Der Hintergrund: Das Auto, auf das russische Medien und die Netzgemeinde so stolz sind, ist eigentlich ein russisch-ukrainisches Gemeinschaftsprojekt und der Investor Wladimir Schkolnik ein ukrainischer Millionär aus Kiew, der sein Geld mit Immobilien-Geschäften in der osteuropäischen Hauptstadt verdient hat. Fakten, die man in Russland derzeit nicht an die große Glocke hängen sollte, schließlich will das Unternehmen bald auch den russischen Katastrophenschutz beliefern.

Auch ein kleiner Teil der Produktion befindet sich in Kiew. "Hätten wir gewusst, wie sich die Situation zwischen den Ländern entwickelt, hätten wir das sicher anders gemacht", berichtet Schkolnik. Teile nach Petersburg zu schicken, sei mittlerweile ein großes Problem. Auch nerve ihn, dass die Leute in beiden Ländern alles politisierten. "Wir machen Autos und keine Politik."

Fast 80 Prozent der Rohstoffe und Teile stammen aus dem Ausland, Stahl aus Schweden, Motoren von Kubota aus Japan, Farbe aus den USA oder Plexiglas aus Frankreich. Der Preis ist entsprechend hoch für russische Verhältnisse: etwa 45.000 Euro fürs Auto.

Globale Expansion

Für den Ukrainer Schkolnik ist es trotzdem ein russisches Auto, weil der Erfinder und ein großer Teil des Teams aus Russland seien. Vor fünf Jahren stieß er auf den Petersburger Tüftler Alexej Garagaschjan und seine Eigenbauten. Damals suchte der Sibirien-Fan das beste Fahrzeug für die Wildnis. "Seine Karren sahen aus wie ein Müllcontainer mit großen Reifen, aber so eine Geländegängigkeit habe ich selbst bei besten kanadischen Geräten nicht erlebt", schwärmt Schkolnik.

Fünf Jahre hat Garagschjan, der mit seinen zotteligen Haaren und Schnäuzer wie ein versessener Ingenieur wirkt, an dem Sherp gearbeitet. Besonders stolz ist er auf die riesigen Ballonreifen mit Druckregulierung. Dadurch hat das Auto auch im Wasser Auftrieb. "Ich habe mein halbes Leben an eigenen Fahrzeugen gebastelt, weil es bei uns im Dorf keine Straßen gab", erzählt der Erfinder. Er probierte Dutzende Konzepte aus. Teile besorgte er oft von alten sowjetischen Autos.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Stattdessen plant Sherp mittlerweile für die globale Expansion. Als nächstes sollen die Fahrzeuge Ende Februar auf einer Jagdmesse in Österreich gezeigt werden. Schon bald will Schkolnik seine Sherps in Kanada montieren, wo es ebenfalls viel Land und wenig Straße gibt. Einen Partner hat er bereits gefunden.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wahrsager26 21.02.2016
1. Genial
anzusehen im Film!Auch anderswo gibt es geniale Köpfe!Ich könnte mir vorstellen,das verschiedene Armeen begehrliche Blicke auf das geländegängige Fahrzeug werfen werden-außer der Bw.!!Ich würde raten,das Fahrzeug zu kopieren,zumal der Text angibt,das der Motor keine landeseigene Entwicklung ist......Auch Forschungsschiffe die an den Polen operieren ,könnten mit so einem Fahrzeug ausgerüstet werden-der Markt wäre wohl riesig!Danke
weißbrot 21.02.2016
2.
Zitat von wahrsager26anzusehen im Film!Auch anderswo gibt es geniale Köpfe!Ich könnte mir vorstellen,das verschiedene Armeen begehrliche Blicke auf das geländegängige Fahrzeug werfen werden-außer der Bw.!!Ich würde raten,das Fahrzeug zu kopieren,zumal der Text angibt,das der Motor keine landeseigene Entwicklung ist......Auch Forschungsschiffe die an den Polen operieren ,könnten mit so einem Fahrzeug ausgerüstet werden-der Markt wäre wohl riesig!Danke
Ich bezweifle auch, dass der Motor eine Eigenentwicklung ist. Wenn man genau hinhört, hat er die typische Drehzahl und Motorengeräusche eines Japaners. Ich würde mich fast so weit aus dem Fenster lehnen und wagen zu behaupten, dass er von Kubota stammt.
heldvomfeld 21.02.2016
3.
Für jede Armee völlig uninteressant. Zu unbeweglich im Wasser. Ungepanzert, bei Panzerung wäre die schwimmfahigkeit nicht mehr gegeben. Zu große Angriffsfläche bei zuwenig Zuladung. Für Privatleute zu hässlich. International wahrscheinlich eher ein Flop. @weißbrot: im Text steht bereits dass der Motor von Kubota stammt.
wahrsager26 21.02.2016
4. An Weißbrot. Nr2
Ja,das was Sie vermuten wird im Text erwähnt-japanischer Motor!Dank für Antwort!
sequoiadendrongiganteum 21.02.2016
5.
@ Weißbrot: wirklich schwer zu erraten, da im Video von einem japanischen Motor die Rede ist und im Text sogar Kubota als Hersteller steht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.