Sibiriens Erdgas-Zentrum Die Stadt, in der niemand alt wird

Ein großer Teil des in Deutschland verbrauchten Erdgases wird rund ums russische Nowij Urengoj aus dem Boden gepumpt. Direkt am Polarkreis leben 105.000 Menschen in einer abgeschirmten Plattenbau-Stadt, die erst 25 Jahre alt ist - und die wieder sterben wird, sobald ihr einziger Rohstoff versiegt. Ein Besuch im surrealen Sibirien.

Aus Nowij Urengoj berichtet


Besucher, die aus Europa nach Nowij Urengoj kommen, werden gern durch die Technikschule in der Nordstadt geführt. Schon auf der Eingangstreppe steht dann der hyperaktive, kleine Schulleiter Jewgenij Politow, präsentiert beim Lächeln all seine Zähne und wirkt ernsthaft stolz, als wäre man hier im Harvard Sibiriens. Er sagt: "Unsere 4000 Absolventen arbeiten in Führungspositionen in zahlreichen Städten."

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Leben in der Rohstoff-Stadt: Alles hängt am Gas
Der nächste Programmpunkt könnte heißen: Herumführen und staunen lassen. Politow hetzt seine Gäste im Eiltempo durch verschiedene Etagen und Räume. "Hier ist unser Chemieraum, hier unser Hydrauliklabor mit Technik von Siemens, hier der Computerraum mit neuen PC, da das Fitness-Studio - schnell, schnell, wir wollen doch weiter - und hier eine funktionsfähige Turbine, die haben unsere Schüler selbst zusammengebaut."

Eine Lehrerin erklärt dann, dass es an dieser wichtigsten Fachschule weit und breit nach vier Jahren Studium genau drei Diplom-Fächer gibt: Erdgasförderung, Erdgastransport und Erdgasverarbeitung. Das sagt sie ohne Spur von Selbstironie - es ist einfach so und völlig normal hier.

Willkommen in der selbsternannten "Gashauptstadt" Russlands.

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Bohrloch-Szenen: Täglicher Kampf in Schnee oder Schlamm
Nowij Urengoj hat 105.000 Einwohner, aber nur eine wichtige Branche und einen machtvollen Arbeitgeber. Fast 20.000 Menschen sind direkt beim staatlich beherrschten Erdgas-Monopolisten angestellt, bei Gazprom. Er betreibt nicht nur Gasförderanlagen, Gaspumpstationen und die zentrale Raffinerie für Gaskondensat, sondern Wohnanlagen, 14 Kindergärten, Hotels, Geldautomaten und das Kulturzentrum - der Klarheit halber heißt es "Der Gasförderarbeiter". Auch Politows luxuriös ausgestattete Technikschule zählt zum Imperium. Wer mit 16 eine Aufnahmeprüfung besteht, bekommt die vier Jahre Ausbildung gratis. Die Schüler müssen sich nicht extra verpflichten, nach dem Examen zu Gazprom zu gehen. Die meisten wollen es sowieso.

Schon bei der Fahrt vom kleinen Airport ins Zentrum der Stadt ist zu sehen, wofür und wovon Nowij Urengoj lebt: Erste Kesselanlagen säumen den Straßenrand, ein paar Gas-Fackeln lodern rötlich in der westsibirischen Weite. Hier und da verläuft ein Pipeline-Rohr über den sandigen Boden, auf dem Anfang Juni noch immer Pfützen von Schmelzwasser stehen: Der Frühling hat gerade begonnen.

Those were the days ...

DER SPIEGEL/ SPIEGEL ONLINE

Nowij Urengoj liegt nur gut eine Autofahrstunde südlich des Polarkreises. Normalerweise käme kein Mensch auf die Idee, ausgerechnet hier eine Großstadt zu bauen, wo es im Winter 50 Grad kalt und im Sommer 35 Grad heiß werden kann. Die Apparatschiks der Sowjet-Ära taten es trotzdem - 1961 waren Geologen auf eines der bedeutendsten Gasfelder der Welt gestoßen, größer als die gesamten Vorräte der USA. Das Gros des Rohstoffes steckt 1200 bis 1500 Meter tief unter dem Tundragrund, eingeschlossen in porösem Gestein.

Mitte der Siebziger brachten Planierraupen, dann Hubschrauber, die ersten Bewohner hierher. Anfangs, das zeigen Schwarz-Weiß-Fotos im Museum der Stadt, lebten sie in Hütten aus Holz - die rosa oder blau angestrichenen Plattenbauten entstanden erst später. Museumsdirektorin Natalja Sidschowa, selbst Siedlerin der ersten Jahre, preist noch immer die vergangenen "Pioniertaten". Für sie war es die aufregendste Zeit ihres Lebens.

Noch heute ist Nowij Urengoj eine "geschlossene Stadt" - unkontrollierte Besuche sind unerwünscht, wie zu Breschnews Zeiten. Auch Russen müssen bei der Einreise in den "strategisch wichtigen" Ort ihren Pass vorweisen, eine Aufenthaltsberichtigung oder eine Priglaschenije, eine Einladung. Wer aus dem Ausland kommt, wie Anfang des Monats eine Gruppe Journalisten aus Deutschland und Österreich, muss sich dazu noch beim Inlandsgeheimdienst registrieren, dem FSB. Ein Aufpasser wacht darüber, dass die Gäste nicht abirren von den vorgegebenen Pfaden.

Herkommen, Geld verdienen, abhauen

"Wer hier wohnt, verdient deutlich mehr als im russischen Schnitt", sagt Denis Ignatiew, Pressesprecher von Gazprom. Sonst hat selbst er nicht viel Schmeichelhaftes zu sagen über die Rohstoff-Stadt ("Langweilig!"), die melancholisch und irreal wirkt - und das nicht nur, weil es im Sommer nie wirklich dunkel und im Winter nie wirklich hell wird. Eine Zwiebelturm-Kirche, ein Kino (täglich eine Vorstellung, 20 Uhr) und ein Internet-Café, in dem Elfjährige "Counter Strike" spielen und das Internet fast nie funktioniert - sonst gibt es nicht viel. Die Jugend drängt sich abends auf dem Platz vor dem "Gasförderarbeiter" zusammen und trinkt Bier aus Flaschen.

Überall aber gibt es Insignien des Reichtums, den das Gas gebracht hat: Der Supermarkt verkauft nicht nur "Sieges-Wodka" mit Stalin-Konterfei, sondern auch deutsche Schokolade und aus Norwegen eingeflogenen Fisch - alles zu westüblichen Preisen. Vor den Plattenbauten am Lenin-Prospekt mischen sich neue BMWs unter die Wolgas, ein polierter Cadillac kreuzt über eine sandige Straße. Das heimliche Motto in Nowij Urengoj lautet: herkommen, Geld verdienen, abhauen. Gazprom unterhält ein Förderprogramm, das Mitarbeitern erlaubt, mit zinslosem Kredit Immobilien weiter im Süden zu kaufen. Mit Beginn der Rente werden die Käufer dann umgesiedelt. Alt wird niemand in Nowij Urengoj.

Deutsche bohren tiefer

"Was passiert, wenn das Gas ausgeht, ist eine gute Frage", sagt Alexander Durow, Vizechef der örtlichen Gazprom-Tochter, und antwortet dann lieber doch nicht darauf. Noch stammt ein Viertel des gesamten russischen Erdgases aus der Region um die Stadt, weitere 35 Prozent werden auf einem angrenzenden Feld im Norden gewonnen. Über 5000 Kilometer lange Pipelines wird der Rohstoff auch ins gasdurstige Deutschland geschafft, wo Firmen wie E.ON Ruhrgas ihn weiterverkaufen. Bereits jetzt aber ist die obere, wichtigste Schicht des Urengoj-Gases zu zwei Dritteln verbraucht. "Wir suchen weiter nach Vorkommen in der Region", sagt Durow nur, und: "Wer sucht, findet auch."

Eine erste Antwort auf das Dilemma heißt: Die Deutschen sollen helfen - personifiziert durch Frank Tauchnitz. Er ist Vizechef bei Achimgaz, einem Joint-Venture, das Gazprom vor zwei Jahren gemeinsam mit Wintershall gründete. Die BASF-Tochter kennt sich aus mit kniffligen Bohrungen - in Nowij Urengoj soll sie helfen, ein Gasfeld anzuzapfen, das sich in 4000 Meter Tiefe erstreckt. Dort steht der Rohstoff stark unter Druck, ist mit Parafin verunreinigt - und soll schräg angebohrt werden, nicht vertikal. "Das ist nicht einfach zu händeln", deutet Tauchnitz vorsichtig an. Glückt das Vorhaben, bedeutet das für Nowij Urengoj ein verlängertes Leben.

Sibirische Zugvögel

Auch jenseits des Polarkreises schlummern noch jungfräuliche Reserven von Gas. Erst im Oktober hat Gazprom die Förderanlage Peszowoje eröffnet, zweieinhalb Stunden holprige Busfahrt von der Stadt entfernt. "Hier reicht das Gas noch 43 Jahre", behauptet Rustam Ismagilow, ein Fördermanager. Schon jetzt zählt Peszowoje 70 Bohrlöcher, 145 sollen es werden. Für Gazprom-Verhältnisse läuft alles modern. "Wir haben viel automatisiert, so dass wir nur 150 Mitarbeiter benötigen", sagt Ilshat Gilemchanow, der wortkarge Anlagenleiter. Früher brauchte man doppelt so viele.

Einer der Angestellten neuer Generation ist Wladimir Rudschenko - 26 Jahre alt, aber schon zum Aufseher im Kontrollraum aufgestiegen. Die Jeans-Jacke übergezogen, die kurzen Haare nach vorn gebürstet, steht er vor Monitoren, die Gasdruck, Volumen und andere Daten für alle Rohre und Kessel anzeigen. Wladimir schiebt Schichtdienste, wie alle hier: Für je einem Monat am Stück lebt er im Wohnheim direkt neben der Anlage, arbeitet zwölf Stunden am Tag. Den Monat drauf hat er frei - und entflieht per Flugzeug und Bus nach Wolgograd zu Frau und Kind. Bis vor kurzem haben sie noch gemeinsam in Nowij Urengoj gelebt. Wladimir brachte sie weg, sobald er das Geld dazu hatte.

Eine umstrittene Frage

Pendler wie er sind Hoffnung und Fluch zugleich für die Stadt: Sie halten die Gasanlagen am Laufen, die Pipelines gefüllt. Aber wenn die neuen Förderanlagen immer weiter gen Norden abwandern, wenn dort das Schichtsystem mit Wohnheimen direkt vor Ort zur Norm werden sollte, würde Nowij Urengoj als Wohnzentrum für Zehntausende überflüssig - die "Gashauptstadt" müsste zum bloßen Logistik-Knotenpunkt schrumpfen.

Gazproms Bossen in Moskau wäre das wohl ganz recht: Der aufgeblähte Konzern will und muss weg vom Sozialismus, soll westlicher werden, effizient. Im Spätsommer tritt Gazprom die Verantwortung für Kindergärten, Sportzentrum und Wohnanlagen in Nowij Urengoj an die Stadtverwaltung ab - ein Epochenbruch, auch wenn der Konzern weiter den Finanzier im Hintergrund spielt. War es wirklich nötig, eine ganze Stadt rund ums Gas zu bauen? Das, räumt Fördermanager Ismagilow ein, ist auch bei Gazprom "eine umstrittene Frage".

Schnappen nach Luft

Zumindest zwei, drei Dekaden wird Nowij Urengoj wohl noch überstehen - und eine Stadt bleiben, die viele wohlhabend macht, aber viele auch krank. Depressionen, Kreislaufprobleme, Augenleiden: Nicht jeder verkraftet das Dauerdunkel im Winter. "Außerdem hat die Luft hier 20 Prozent weniger Sauerstoff als normal", sagt Ingenieur Rudschenko - in der Tundra wachsen zu wenige Pflanzen.

Auch die Rate des Drogenmissbrauchs ist so hoch wie nirgendwo sonst im Bezirk Jamal-Nenzen, dem die Stadt angehört. In der großen Gazprom-Technikschule hängen Anti-Drogen-Poster in einem Schaukasten - ein Hanf-Blatt und eine Heroin-Spritze, rot durchgestrichen. Ja, es gebe ein Missbrauchsproblem, sagt Direktor Politow, als er gefragt wird.

Eilig schiebt er nach: "Aber nicht an unserer Schule."


Dieser Artikel wurde während einer Reise des "journalists network" nach Russland recherchiert. Teile der Kosten der Reise wurden von Ruhrgas und Gazprom übernommen.



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