Siebenbürgen Rumänisches Dorf triumphiert - deutsche Firma baut neues Nokia-Werk

Ein kleiner Ort ist plötzlich berühmt: Jucu in Rumänien wird der neue Standort für Nokias Handyproduktion. Steigende Grundstückspreise, Tausende Neubürger - "die Zukunft wird blühen", jubelt der Bürgermeister. SPIEGEL-TV-Reporter Detlev Konnerth hat das Wirtschaftswunder-Dorf besucht.


Jucu - Bürgermeister Ioan Borel Pojar ist ein gefragter Mann. Seit sich Nokia in Jucu niedergelassen hat, ist in seinem Büro die Hölle los. Jucu liegt in Siebenbürgen, 20 Kilometer hinter Cluj, auf Deutsch Klausenburg. Das Dorf hat 4200 Einwohner - bald sollen es 15.000 sein, sagt Pojar.

Die Sekretärinnen in seinem Vorzimmer tragen Wintermäntel, die Heizung ist mal wieder ausgefallen. Drei Bauern mit hohen Fellmützen warten, bis sie zum Bürgermeister vorgelassen werden. Sie sind unrasiert, das Gebiss des einen weist zahlreiche Lücken auf.

50 Euro wollen die Bauern für ihr Land haben. Pro Quadratmeter. Früher war der Boden nur einen Euro wert, aber seit Nokia da ist, explodieren die Grundstückspreise. Pojar soll den Männern nun helfen, die Äcker zu verkaufen. "Die Zukunft wird blühen", jubelt er.

Bisher fahren die Menschen in Jucu mit Pferdekarren, an Stelle von Straßen gibt es Schlamm- und Erdpisten. Nokia soll Wachstum und Wohlstand bringen. "Wir haben halt Glück gehabt", sagt der Bürgermeister mit einem verschmitzten Lächeln. "Jetzt müssen wir das Glück am Schopf packen." Hinter seinem Schreibtisch hängen die rumänische und die europäische Flagge eng nebeneinander.

Früher lebten die Menschen vom Gemüseanbau. Jetzt wollen selbst Rentner bei Nokia anheuern. In der Kneipe im Dorf sitzen drei Männer beisammen, nüchtern sind sie nicht mehr. Ioan Dumitrescu ist desillusioniert. Er wollte sich bei Nokia als Portier bewerben, doch daraus ist nichts geworden. Weniger als 300 Euro im Monat haben ihm die Finnen geboten, außerdem hätte es noch Essensgutscheine gegeben. "Das ist zu wenig", sagt Dumitrescu, "dafür kann ich gleich zuhause bleiben."

Richtige Vorstellungsgespräche hat Nokia ohnehin nicht geführt. Arbeit gibt es für Jucus Bürger noch keine. Im Gewerbepark "Nokia Village" steht teils nur der Rohbau. Überall wühlen Bagger im Boden. Ingenieure aus der Großstadt Cluj hat der Konzern schon eingestellt. Für ungelernte Arbeiter besteht bisher kein Bedarf.

Die Baufirma, die für Nokia die Gebäude errichtet, stammt aus Deutschland. Trotzdem will sich keiner der Bauleiter offiziell äußern. "Wir haben Angst, dass wir da mit rein gezogen werden", sagt einer. Der Grund? "Das schlechte Image von Nokia." Die Nokia-Manager vor Ort würden die Baustelle gerne Besuchern zeigen. Aber die Konzernleitung hat eine absolute Kommunikationssperre verhängt.

Der Gewerbepark ist 190 Hektar groß, hier sind die Straßen asphaltiert. Bauarbeiter verlegen Abwasserrohre im halb gefrorenen Boden. Alle tragen ordentlich ihren Helm, in Rumänien eine Besonderheit.

Es scheint, als sei der goldene Westen angekommen - auf dieser Insel des Reichtums, mitten in der hügeligen Landschaft Siebenbürgens.

Marius Nicoara ist ein Mittvierziger mit grauem Dreitagebart und akkuratem Anzug. "Ich weiß, wie das läuft", sagt er. Nicoara sitzt im Ledersessel seiner Präfektur, er ist so etwas wie der Landrat der Region Cluj. Bevor er in die Politik ging, hat er die rumänische Banca Transilvania aufgebaut. Er ist Geschäftsmann durch und durch.

"Wenn die drei Jahre hier bleiben, hat sich das für uns schon gelohnt", sagt Nicoara. Die - das sind die Finnen. 30 Millionen Euro haben rumänische Behörden in die Infrastruktur des Gewerbeparks investiert, ohne EU-Gelder, versichert Nicoara. Wenn Nokia ebenso viele Steuern zahlt, geht die Rechnung für die Rumänen auf. Später könnte der Konzern seine Produktion sogar weiter verlagern, rechnet Nicoara vor. Der Gewerbepark bliebe der Region auf jeden Fall erhalten.

Auf der Straße in Jucu steht eine Gruppe von Männern, alle diskutieren über Nokia. Es hat sich herum gesprochen, dass ihr Dorf in Deutschland ein großes Thema ist. "Seid doch nicht so kleinlich", sagt Ioan Senasi zu den Deutschen. "Gebt uns auch mal eine Chance." Der Westen habe immer gesagt, dass Konkurrenz etwas Gutes sei. "Jetzt haben halt mal wir gewonnen."

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