Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Siemens-Chef Löscher: "Wer sich nicht anpasst, fliegt raus"

Von Felix Ehlert

Er ist der Exorzist, der die Dämonen der Korruption aus den Siemens-Gemäuern austreiben soll: Peter Löscher. Nach der Affäre kämpft sein Konzern noch immer gegen den Imageverlust an. Sein eigenes Ansehen hält der Österreicher sauber.

Hamburg - Peter Löscher hat erst wenige Minuten gesprochen, da muss er schon wieder innehalten. Alle Köpfe sind jetzt dem Mann zugewandt, der die aktuelle Nachricht aus München verliest: Der ehemalige Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer muss sich nur einem Ordnungswidrigkeitsverfahren stellen, Anzeichen für eine Straftat bestehen nicht.

Siemens-Chef Löscher: Doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft wachsen
DDP

Siemens-Chef Löscher: Doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft wachsen

Löscher hat sich mit der linken Hand aufs Rednerpult gestützt, blickt ins Leere und nickt bedächtig. Er, der erste Siemens-Vorstandschef, der von außen in den Konzern gekommen ist, sagt selbst, dass er die Dimensionen der Korruptionsaffäre unterschätzt hat. Er kämpft immer noch gegen die Folgen. Jetzt ist ein weiteres Kapitel abgeschlossen.

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft kommentiert Löscher nicht, zur Person von Pierer hält er sich bedeckt. Sicher scheint, dass intern mögliche Schadenersatzverfahren geprüft werden. "Falls Rechtsansprüche gegen Dritte bestehen, werden wir sie auf jeden Fall wahrnehmen", sagt er.

Vor dem "Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten" möchte der 50-jährige Österreicher eigentlich über die strategische Ausrichtung des Siemens-Konzerns und die Konzentration auf Technologie, Energie und Gesundheit sprechen. Er lobt die Arbeit und den Charakter von Erich Reinhardt, der trotz fehlender Anschuldigungen die Konsequenzen aus neuen Informationen in der Affäre gezogen und das Amt als Chef der Siemens-Medizinsparte niedergelegt hatte. Er schildert, wie das Unternehmen zukünftig noch mehr von Urbanisierung, gestiegenem Umweltbewusstsein und alternder Bevölkerung profitieren will. "Siemens braucht keine Revolution, sondern Evolution", nennt das Löscher. 1,2 Milliarden Euro will er einsparen und dazu kräftig in der Verwaltung abbauen. Das Ziel, doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft zu wachsen, hält er trotz der Krise an den Finanzmärkten aufrecht.

Doch die Affären um die Bestechung von Auftraggebern, Kartellbildungen und dubiose Zahlungen an die Gewerkschaft AUB haben stark am Image von Siemens gekratzt. Löscher ist seit Juli 2007 der Mann, der nicht nur die Bilanzen, sondern die vorherrschende Meinung über das Unternehmen verbessern soll. Er gibt zu: Sein Arbeitgeber erlebt die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn er da steht, 1,95 groß, das grau melierte Haar vorne akkurat gescheitelt, hinten etwas vom Hamburger Wind zerzaust, kommt vor allem ein Satz besonders häufig und routiniert aus Löschers Mund: "Siemens steht für saubere Geschäfte, immer und überall." Zur Betonung heben sich die buschigen Augenbrauen, heben sich die Lider. Stellen die Journalisten detaillierte Fragen zur Korruptionsaffäre, übt sich der ehemalige österreichische Volleyball-Nationalspieler im Abblocken: keine Aussage zu den Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC gegen Siemens, keine Informationen zu internen Recherchen, keine Zahlen, wie viele Schuldige das Unternehmen in den eigenen Reihen ausfindig gemacht hat.

Offener spricht Löscher über die Ansagen, die der Vertrieb in allen 190 Ländern bekommen hat, in denen Siemens aktiv ist. Wenn der Kunde Schmiergeld verlange, müssten Aufträge notfalls abgelehnt werden. Illegale Aktivitäten von Mitarbeitern werde man nicht dulden. "Wer sich nicht anpasst, fliegt raus."

Ein sauberes Image will Löscher für seinen Konzern, er selbst hat es sich bislang bewahrt. Der Manager hat keinen Posten in einem Aufsichtsrat. Nach seiner Zeit als Vorstand werde er auch keinesfalls in den von Siemens wechseln: "Sollte mir das jemals angeboten werden, werde ich das eindeutig ausschließen." Eine öffentliche Diskussion über Macht und Einkommen von Managern halte er für richtig, sagt Löscher. Dass weite Teile der Bevölkerung das Vertrauen in die deutschen Führungsriegen verloren haben, sei bedauerlich. "Das ist etwas, das mich bedrückt."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: