Siemens "Pierer muss gewusst haben, dass es schwarze Kassen gab"

Als konsequenten Schritt begrüßt der Deutschland-Chef von Transparency International, Hansjörg Elshorst, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Rücktritt von Heinrich von Pierer. Und macht trotzdem deutlich: Der langjährige Siemens-Chef ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.


SPIEGEL ONLINE: Herr Elshorst, es wurde monatelang diskutiert, ob Siemens-Aufsichtsrats-Chef Heinrich von Pierer Verantwortung für die Schmiergeldkassen trägt. Kam sein Rücktritt für Sie jetzt trotzdem überraschend?

Hansjörg Elshorst: Wir haben das geahnt, denn wir haben mitgekriegt, dass in den letzten Wochen eine sehr intensive interne Diskussion um Herrn Pierer gab. Der Druck auf seine Person hat auch aus dem Aufsichtsrat heraus zugenommen. Insofern hat uns das nicht komplett überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Kommt der Rücktritt einem Schuldeingeständnis gleich?

Elshorst: Nein. Pierer selbst hat in seinem Rücktrittsschreiben ja noch mal deutlich gesagt, er habe nichts von den Schmiergeldkassen gewusst. Viel wichtiger ist für mich aber die Frage: Wie viel Verantwortung trägt jemand, der versäumt etwas zu tun? Der zwar anordnet, aber nicht überprüft?

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für realistisch, dass jemand wie Pierer, der über Jahre im Siemens-Konzern die entscheidende Rolle gespielt hat, nichts von diesen wusste?

Elshorst: Ich halte es für völlig sicher, dass Pierer wusste, dass es schwarze Kassen gab. Aber die gab es eben viele Jahre lang legal, bis 1999 war Korruption im Ausland ja nicht verboten. Wahrscheinlich hat Pierer danach zwar angeordnet, diese Kassen abzuschaffen, hat dann aber nicht weiter nachgehakt bzw. die Kontrollinstrumente nicht so gestaltet, dass diese Vorgabe auch wirklich umgesetzt wurde. Aber wenn nicht ausreichend kontrolliert wird, bekommen die Mitarbeiter nicht ganz zu Unrecht den Eindruck, man meine es vielleicht nicht so ganz ernst. Das ist insofern erstaunlich, als sich Pierer in der Öffentlichkeit ja sehr deutlich als jemand exponiert hat, der die neue Linie der Korruptionsbekämpfung mit vertreten hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist letztlich seine Verantwortung?

Elshorst: Für mich geht es vor allem um seine Zeit als Vorstandsvorsitzender, der er ja bis 2005 war. Da war das Gesetz, das Korruption im Ausland unter Strafe stellt, schon lange in Kraft. In dieser Zeit hat er natürlich die Verantwortung dafür gehabt, dass in seinem Unternehmen keine illegalen Metholden angewandt werden. Und dieser Verantwortung ist er nicht gerecht geworden. In einem Unternehmen wie Siemens, das sich über Jahrzehnte auf politischen Einfluss verlassen hat, war das ein gewaltiger Job. Als Aufsichtsratsvorsitzender ist es allerdings sehr viel schwieriger: Wenn sie von den Wirtschaftsprüfern und von der Unternehmensleitung keine Informationen bekommen, haben Sie wenig Möglichkeiten, solche Dinge selbst festzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Rücktritt von Pierer für die Aufklärung des Schmiergeldskandals? Werden die Ermittlungen jetzt einfacher?

Elshorst: Die entscheidende Weichenstellung hat Siemens schon im November und Dezember vorgenommen, indem sie ein amerikanisches Unternehmen und einen Korruptionsexperte benannt haben und sich damit öffentlich in strenge Hände begeben haben. Denn in den USA wird das ganze Thema wesentlich konsequenter verfolgt als bei uns. Siemens weiß natürlich, dass auch für den Konzern in den USA die amerikanischen Gesetze greifen, schon deshalb sind sie in der Pflicht, sorgfältig aufzuklären.

Interessant ist allerdings, dass Gerhard Cromme Pierers Nachfolger wird. Denn soweit ich weiß, hat Cromme als Vorsitzender des Siemens-Prüfungsausschusses dafür gesorgt, dass die Untersuchungen sich nicht nur auf die betroffene Mobil-Sparte beschränken, sondern dass das gesamte Unternehmen geprüft wird. Und das ist mutig. Da wird noch der eine oder andere Skandal folgen, denn es ist nicht anzunehmen, dass alle anderen Unternehmenssparten völlig sauber gearbeitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es insgesamt für die Unternehmen in Deutschland, dass zum ersten Mal jemand vom Format Pierers über eine Korruptionsaffäre stolpert?

Elshorst: Pierer hat in seiner Begründung ja betont, das Unternehmen sei trotz hervorragender wirtschaftlicher Situation in eine "prekäre" Situation gekommen. Das ist ein sehr starkes Wort. Das zeigt, wie ernst er selbst diese Affäre nimmt. Wenn Pierer seine wirklich große Karriere so beendet, dann dürfte das hoffentlich ein deutliches Signal für andere sein, dass man Korruption nicht mehr auf die leichte Schulter nimmt oder als Kavaliersdelikt sieht.

Das Interview führte Susanne Amann



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