Siemens-Therapie Cromme setzt auf den Heil-Praktiker

Mit der Verpflichtung von Peter Löscher ist Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein Coup gelungen. Kaum jemand dürfte den Pharma-Manager auf der Rechnung gehabt haben. Dass Löscher nicht Crommes erste Wahl war, steht außer Frage - seine Berufung ist aus der Not geboren.

Von


Berlin - Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Das müsste eigentlich auch für Gerhard Cromme gelten. Immerhin hat er das Revirement an der Führungsspitze des europaweit größten Technologiekonzerns schneller über die Bühne gebracht, als viele vermutet hatten.

Chef-Aufseher Cromme, neuer Siemens-Chef Löscher: Nicht alle Fäden in der Hand
REUTERS

Chef-Aufseher Cromme, neuer Siemens-Chef Löscher: Nicht alle Fäden in der Hand

Noch-Siemens Chart zeigen-Chef Klaus Kleinfeld ist zu einem vorzeitigen Abschied bereit, obwohl sein Vertrag bis September läuft. Und nur gut einen Monat nach der entscheidenden Aufsichtsratssitzung, die Kleinfelds Abgang besiegelte, steht mit dem Merck-Manager Peter Löscher schon der Nachfolger bereit.

Gleichwohl bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn im Rückblick erscheint es so, als habe Cromme lediglich das Porzellan gekittet, das er selbst zuvor zerschlagen hat. Der mächtige Strippenzieher schien über weite Strecken die Fäden nicht selbst in der Hand gehabt zu haben, reagierte mehr als zu agieren.

Pikante Gespräche mit Reitzle

In die Zwangslage geriet Cromme nicht zuletzt durch seinen eigenen Machtanspruch. Binnen weniger Tage, nachdem er seinen Vorgänger Heinrich von Pierer als Chefkontrolleur abgelöst hatte, war die Diskussion um die Verlängerung des Vertrages für Kleinfeld außer Kontrolle geraten. Cromme und mit ihm der zweite mächtige Strippenzieher im Aufsichtsrat, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, trugen ihren Teil dazu bei, indem sie sich quasi in aller Öffentlichkeit auf die Suche nach einem Nachfolger begaben.

Am Rande einer Managertagung hatten sie Linde-Chef Wolfgang Reitzle angesprochen, ob er sich einen Wechsel vorstellen könne. Reitzle mochte sich nicht sofort erklären. Zwei Tage später berichtete die "Financial Times Deutschland" von dem Treffen. Die Mehrzahl der Aufsichtsratsmitglieder erfuhr erst aus der Zeitung von der Personalie.

Auch Crommes ruppiges Vorgehen gegen Kleinfeld weckte Widerspruch. Immerhin hatte Kleinfeld bei Siemens bereits etliche Reformen eingeleitet. Als besonders beliebt galt er zwar nicht, aber auf der Werteskala der Anleger spielen Stilfragen nur eine untergeordnete Rolle. In dieser Stimmlage wollten viele das Argument, dass die US-Börsenaufsicht SEC mit Sanktionen droht, nicht als Grund für Kleinfelds Abdankung gelten lassen.

Die Spekulation über die Siemens-Nachfolge wurden immer lauter. Reitzle zierte sich, sagte ab, wurde noch einmal gefragt, schrieb eine Mail an seine Führungskräfte, in der er seine Treue zu seinem derzeitigen Arbeitgeber beschwor. Bosch-Chef Franz Fehrenbach reagierte sofort, als er als Kandidat ins Spiel kam - mit einer öffentlichen Erklärung, dass er nicht interessiert sei. Eckhard Cordes, einst bei DaimlerChrysler und heute Chef des Familienkonzerns Haniel, wurde ebenso gehandelt wie Ex-VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard oder Fred Kindle vom Technologiekonzern ABB.

Natürlich ist dieses Procedere im Prinzip normal - solange es einigermaßen diskret abläuft. Man hält Ausschau nach geeigneten Kandidaten, spricht mit ihnen - und verwirft die Idee aus den unterschiedlichsten Gründen. Findet die Suche jedoch, wie in diesem Fall, in der Öffentlichkeit statt, geht schnell jeder Spielraum verloren. Sollte je einer der Genannten Chancen auf den Posten gehabt haben - sie hatten sich in dem Moment in Luft aufgelöst, als sie bekannt wurden.

Der Neue steht für einen "Megatrend"

Es sei denn, die Genannten waren allesamt Zählkandidaten: Seit drei Wochen, so heißt es, habe Cromme mit Löscher verhandelt. Gut möglich, dass der gewiefte Taktiker den Wirbel geschickt nutzte, um die Vertragsverhandlungen in aller Stille zum Abschluss zu bringen. Diesmal, so scheint es, fand er auch intern überzeugende Argumente. Nach überraschend kurzer Beratung stimmte der Aufsichtsrat der Personalie zu.

Die Erwartungen an die Heilungskräfte des 49-Jährigen sind hoch. Zunächst gilt es, die nervenaufreibende Affäre um Millionen-Bestechungen und schwarze Kassen so schnell wie möglich vergessen zu machen. Welche dunklen Geheimnisse er dabei noch entdecken wird, kann derzeit niemand absehen. Schockieren dürften sie ihn aber wohl kaum. Immerhin kann er als Außenstehender aufräumen, womöglich auch im Zentralvorstand selbst, ohne auf alte Seilschaften Rücksicht nehmen zu müssen. Und das ist nicht zuletzt auch im Sinne des Corporate-Governance-Mannes Cromme.

Einer, der anpackt und nicht viel Aufhebens macht, passt überdies besser in das neue System Siemens als einer wie Reitzle, der gelegentlich ganz gerne im Rampenlicht steht. Löscher wird seine Arbeit aller Voraussicht nach im Stillen verrichten - mit dem Auftrag, den Konzern wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken.

Für das eigentliche Geschäft wird der neue Chef wohl erst danach Zeit finden. In welche Richtung es dann geht, dürfte aber schon heute klar sein: Denn durch die Personalie Löscher wird die Gesundheitssparte von Siemens deutlich gestärkt. Dafür ist seine Vorgeschichte in der Pharmabranche mehr als nur ein Indiz. So gesehen ist der neue Chef ein würdiger Erbe seines Vorgängers: Schon Kleinfeld hatte die Gesundheit als "Megatrend" für den Konzern ausgemacht.

Sollte der Kurswechsel gelingen, wäre am Ende auch Cromme wieder der strahlende Sieger. Trotz seines polternden Fehlstarts zu Beginn seiner Amtszeit.



insgesamt 157 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Emil Peisker 20.05.2007
1. Kann er?
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Er muss!
zaphod1965 20.05.2007
2.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Siemens wird, neuer Vorstand hin oder her, noch lange in den Schlagzeilen bleiben. Das volle Ausmaß des Skandals ist ja immer noch nicht bekannt. Mittlerweile sind wir bei der ersten Milliarde Euro Bestechungsgelder angekommen. Hoffentlich zahlen diesmal die Aktionäre und Manager die Zeche und nicht die Angestellten. Herrn Löscher ist zunächst einmal Respekt zu zollen, in dieser Situation die Leitung dieser Skandalruine zu übernehmen. Siemens stehen harte Zeiten bevor. Mal sehen, ob ihm etwas intelligenteres Einfällt, als erst einmal tausende von Leuten zu entlassen.
DJ Doena 20.05.2007
3.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Nie gehört den Namen und ich arbeite für Siemens, wenn auch nicht für Siemens.
eval, 20.05.2007
4.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Ja, der kann Siemens wieder aufrichten. Hoffentlich nicht zu lasten der Belegschaft.. Eine Chance hat er verdient.
hans hoch, 20.05.2007
5. bilanz in 2 jahren
Zitat von zaphod1965Siemens wird, neuer Vorstand hin oder her, noch lange in den Schlagzeilen bleiben. Das volle Ausmaß des Skandals ist ja immer noch nicht bekannt. Mittlerweile sind wir bei der ersten Milliarde Euro Bestechungsgelder angekommen. Hoffentlich zahlen diesmal die Aktionäre und Manager die Zeche und nicht die Angestellten. Herrn Löscher ist zunächst einmal Respekt zu zollen, in dieser Situation die Leitung dieser Skandalruine zu übernehmen. Siemens stehen harte Zeiten bevor. Mal sehen, ob ihm etwas intelligenteres Einfällt, als erst einmal tausende von Leuten zu entlassen.
sämtliche bisher angestrengten prozesse im zusammenhang mit den schmiergeldern sind auch aus juristischer sicht mit vielen fragezeichen versehen.da ist das letzte wort noch nicht gesprochen. 1.ich glaube bis 1999 war diese praxis legal und sogar steuerlich absetztbar. 2.was im ausland gemacht wird,ist etwas anderes als innerhalb deutschland. 3.staatanwälte im mannesmann-prozess haben einen deal angeboten,weil ihnen der überblick verloren ging. 4.die juristen schaden auch hier der deutschen exportwirtschaft enorm.letztlich lebt das deutsche gemeinwesen von solchen unternehmen, nicht von beamten,bäckern,steuerberatern,ärtzten etc-die konkurrenz reibt sich die hände. 5. siemens wird auch dies überstehen. 6.vielleicht läßt sich herr löscher ja nicht von den hofschranzen am wittelbacher platz einnehmen,dafür wünsche ich ihm jedenfalls viel glück.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.