Silicon Valley: Danke, Stau, dass es Dich gibt!

Aus Palo Alto berichtet

Wer den Dot-Com-Boom spüren will, muss sich im Silicon Valley nur auf die Straße wagen. Hier herrscht ein solches Verkehrschaos, dass sogar die Regierung eingreift. Die Leute stöhnen - sehen die Staus aber auch als Zeichen guter Zeiten.

Palo Alto - Amy und Mike Santullo sind doppelte Gewinner hier im Silicon Valley: Sie haben von beiden Dot-Com-Booms profitiert. 1997 verkauften sie Mikes erstes Start-up - das Web-Verzeichnis Four11 mit dem E-Mail-Dienst Rocketmail - für 94 Millionen Dollar an Yahoo Chart zeigen. Heute arbeitet Mike an neuen Projekten, und Amy widmet sich wohltätigen Zwecken. Sie wohnen in einer Luxusvilla in einer idyllischen Enklave von Palo Alto, im Herzen des Valleys.

Verkehrschaos auf der Interstate 5 bei Los Angeles: "Das ist wohl der Preis unseres Erfolgs"
AP

Verkehrschaos auf der Interstate 5 bei Los Angeles: "Das ist wohl der Preis unseres Erfolgs"

Nur mit einem Aspekt ihres Lebens, sind sie alles andere als zufrieden. "Der Verkehr", stöhnt Amy und rollt die Augen. "Er ist eine Katastrophe. Doch das ist wohl der Preis unseres Erfolgs." Dann versucht sie dem Gast einen zügigen Rückweg ins rund 50 Kilometer entfernte San Francisco zu erklären. Schließlich gibt sie auf: "Es hat keinen Sinn. So oder so, Du wirst ein paar Stunden im Stau sitzen." (Die Reise dauerte dann auch zwei Stunden.)

In der Tat muss sich, wer den Dot-Com-Boom spüren will, hier im Silicon Valley nur auf die Straßen wagen. Vor allem auf den Highway 101 und den parallelen Freeway 280 von San Francisco nach San Jose, jenen Arterien des Valleys. Auf ihnen haben sich Hightech-Unternehmen angesiedelt wie Perlen an einer Kette: Google Chart zeigen, Hewlett-Packard Chart zeigen (HP), Yahoo, Adobe Chart zeigen, Apple Chart zeigen, Oracle Chart zeigen, Cisco Chart zeigen, Sun Microsystems Chart zeigen - von Hunderten Start-ups ganz zu schweigen.

"Chaos auf dem 101 – the boom is back"

"Der Verkehr im Silicon Valley ist seit den neunziger Jahren mein Barometer für die Wirtschaft", sagt der Dot-Com-Pionier Ted Shelton, der selbst hier wohnt und arbeitet. "Wenn die Zeiten gut sind, sind die Freeways verstopft." Shelton datiert den Beginn des zweiten Internet-Booms auf Montag, den 3. Oktober 2005: "Heute morgen", schrieb er damals auf seinem Blog, "gab's zum ersten Mal seit 2000 einen Stau auf dem 280." Auch das Online-Magazin "Slate" sekundierte jetzt: "Chaos auf dem 101 - the boom is back."

Es ist ein seltsam reales Phänomen in einer Welt, die weitgehend virtuell existiert. Schon in Zeiten der ersten Internet-Blase brach der Verkehr in dieser einst idyllischen Hügellandschaft Nordkaliforniens täglich zur Rushhour zusammen - ein Menetekel des nahenden Börsencrashs. Nach dem Crash waren die Straßen plötzlich verödet: All die Unternehmer, Programmierer und Web-Designer hatten plötzlich keine Jobs mehr, zu denen sie pendeln mussten. Und nun sind die Straßen verstopfter denn je. Ein neues Omen?

Megan McCarthy, eine Online-Kolumnistin für den Tech-Blog "Valleywag", hat schon viele Geschäftstermine verpasst - obwohl sie immer mit doppelter Fahrzeit rechnet. Sie wohnt in Palo Alto, doch viele ihrer Treffen finden in San Francisco statt. So musste sie vorige Woche über eine Cocktailparty für Frauen in der Tech-Industry berichten, in der Bar "Slide" in Downtown San Francisco. Sie kam eine Stunde zu spät. "Dankeschön, lieber Verkehr auf der Sandy Hill Road", stöhnte sie.

Preisausschreiben für Fahrgemeinschaften

Die schmale Sand Hill Road in Palo Alto ist eine weitere dieser verstopften Adern: Sie ist in Palo Alto eine der wenigen Querverbindung des 101 mit dem 280. Hier vermengt sich der Dot-Com-Verkehr auch noch mit den Autos der Studenten der Stanford University.

Kein Wunder, dass etwa die Hälfte der Treibhausgas-Emissionen von Palo Alto allein aus Autoabgasen stammen. So dramatisch ist die Lage inzwischen, dass Kaliforniens Regierung jetzt eingegriffen hat: Die California Transportation Commission bewilligte Anfang März 1,3 Milliarden Dollar eilige Notgelder zur Verbesserung der Straßenlage in der Bay Area südlich und östlich von San Francisco.

Yoriko Kishimoto, die Bürgermeisterin von Palo Alto, und Carl Guardino, der CEO der Silicon Valley Manufacturing Group, verkündeten zugleich ein Programm zur Belohnung von Fahrgemeinschaften: Für alle fünf Tage Car-Pooling bekommen Mitfahrer einen Gutschein in Höhe von zehn Dollar. Wer mindestens 40-mal "carpoolt", kann außerdem noch 1000 Dollar gewinnen. "Es ist gut für die Wirtschaft, und es ist gut für die Umwelt", sagte Guardino.

"Das Staustehen genießen"

DER SPIEGEL

Mittendrin in dem Verkehrsknäuel, an der Addison Avenue in Palo Alto, liegt die offizielle Geburtsstätte des Silicon Valleys: die Garage, in der die Stanford-Absolventen Bill Hewlett und Dave Packard 1939 ihre Firma Hewlett-Packard gründeten. Damals knatterten da nur ein paar Oldtimer über die Straßen. Aber schon in den vierziger Jahren zog HP weiter gen Westen, in die Nähe des späteren Freeways 280, wo sich die Konzernzentrale auch heute noch befindet.

Der 280 war lange noch ein Geheimtipp, da er neuer, breiter und sicherer ist als die löchrige Asphaltrennbahn 101 aus den zwanziger Jahren. Trotzdem: Auch hier herrscht längst regelmäßig Chaos. "Immerhin", seufzt Emma Wischhusen, eine PR-Managerin bei HP, die aus London stammt, in San Francisco wohnt und jeden Tag nach Palo Alto zur Arbeit fährt, "der 208 ist landschaftlich viel schöner. Da kann man das Staustehen wenigstens genießen."

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