Singapur Die Musterinsel kämpft gegen den Brain-Drain

Das einstige Wirtschaftsparadies Singapur rutscht tief in die Krise: Weil der Stadtstaat international so gut vernetzt ist, trifft ihn die globale Rezession besonders hart. Jetzt droht auch noch ein Exodus der hochmobilen Elite - das Land stellt sich auf eine dramatische Schrumpfkur ein.

Von Mark Fehr


Singapur - Sobald es dunkel wird, strömt alles an den Clarke Quay: Die Uferpromenade am Singapore River, der zwischen den Bürotürmen durch die Innenstadt fließt, ist gesäumt von Kneipen und Restaurants. Hier gönnen sich hart arbeitende Stadtbewohner und Expatriates ein kühles Feierabendbier unter freiem Himmel und bei Live-Musik.

Finanzdistrikt in Singapur: Angst vor der Abwanderung von Talenten
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Finanzdistrikt in Singapur: Angst vor der Abwanderung von Talenten

Bald könnte es am Singapore River ruhiger werden. Denn die globale Wirtschaftskrise trifft das kleine Land besonders hart. Weil der Stadtstaat so eng mit den Finanz- und Handelsplätzen der Welt vernetzt ist, gerät er immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Zahlreiche Firmen, die sich auf der Insel an der Südspitze Malaysias niedergelassen haben, könnten das Land nun verlassen - und mit ihnen Tausende ausländische Angestellte. Für Singapur wäre der Brain-Drain eine Katastrophe, das Land selbst hat nur knapp fünf Millionen Einwohner.

Der schwache Punkt des superreichen Ministaats: Er braucht ständig Einwanderer. Singapur gehört zu den Ländern, in denen im Vergleich zur Bevölkerung am wenigsten Nachwuchs zur Welt kommt. Selbst im alternden Deutschland werden mehr Kinder je Frau geboren als in Singapur. Bisher zog die einstige Boominsel genug Arbeitskräfte aus aller Welt an. Die Zuwanderung hielt das Inselvölkchen jung.

Doch angesichts der Krise reißt der Zustrom ab. Und was noch schlimmer ist: Bis Ende kommenden Jahres könnten 200.000 Arbeitskräfte den Wirtschaftstandort verlassen - zum Großteil sind sie bestens ausgebildet. Das geht aus einer im Januar veröffentlichten Studie der Schweizer Bank Credit Suisse Chart zeigen hervor. Das internationale Geldinstitut betreibt in Singapur vor allem Vermögensmanagement und Investment Banking.

Nach Credit-Suisse-Schätzungen wird die Inselbevölkerung bis Ende 2010 um 160.000 Menschen schrumpfen - Zuzüge mitgerechnet. Die Experten der Bank befürchten mittelfristig gravierende Folgen: Die Preise für Privatwohnungen könnten um bis zu 30 Prozent fallen und die privaten Konsumausgaben deutlich sinken. Die langfristigen Auswirkungen der drohenden Abwanderung auf die Bevölkerungsentwicklung dürften noch schwerer wiegen.

Ausländer schwärmen über traumhafte Bedingungen

Singapur selbst ist kein großer Markt, trotzdem hat sich die internationale Wirtschaft hier außerordentlich stark etabliert. Der Grund: Die Hafenstadt liegt strategisch günstig an den weltweiten Schifffahrtsrouten nach Asien. Darüber hinaus ist das Musterland ein wahres Paradies für Firmen aus aller Welt: Es herrschen stabile politische Verhältnisse ohne Korruption, eine professionelle Regierung sorgt für hervorragende Infrastruktur und öffentliche Sicherheit. Im Weltbank-Ranking der wirtschaftsfreundlichsten Länder landet Singapur deshalb auf dem ersten Platz vor 181 anderen Staaten.

Dieser hohe Standard ist ein absoluter Sonderfall in Südostasien. Kein Wunder, dass viele internationale Unternehmen ihre regionalen Hauptquartiere in Singapur aufgebaut haben: Auch Arbeitskräfte aus westlichen Ländern fühlen sich bei dem hohen Komfort wohl. Luftverschmutzung, Kriminalität, miese Hygiene - sonst in Asien an der Tagesordnung - bleiben den Mitarbeitern in Singapur erspart.

"Verglichen mit anderen Großstädten in der Region herrschen hier traumhafte Bedingungen", schwärmt Axel Scherrieble, Asien-Manager beim deutschen Mittelständler Güntner. Das Unternehmen liefert Wärmetauscher für Kühlhäuser - im tropischen Südostasien ein stark gefragtes Produkt. Scherrieble weiß, wovon er spricht: Bevor er nach Singapur kam, hat er in Indonesiens Hauptstadt Jakarta gearbeitet.

"Wenn ich im Büro oder auf Dienstreise war, habe ich mir damals ständig Sorgen um die Familie gemacht", erinnert er sich. "Kriminalität, Terrorismus, Chaos im Straßenverkehr - ich konnte mir nie sicher sein, ob wir abends alle heil nach Hause kommen." Im ruhigen Singapur kann der Manager sich nun ganz auf seinen Job konzentrieren: "Ich fühle mich hier mindestens so sicher wie in Deutschland, wenn nicht noch sicherer."

Die erste Rezession in der Geschichte des Landes

Mit diesem angenehmen Leben könnte es bald vorbei sein. Denn ausländische Experten wie Scherrieble können nur dann auf der Trauminsel bleiben, solange ihre Arbeitgeber gute Geschäfte machen. Danach sieht es zur Zeit aber nicht bei allen Firmen aus, denn die Wirtschaft schrumpft - zum ersten Mal seit Jahren.

Während das Bruttoinlandsprodukt überall auf der Welt unter Druck gerät, erwischt die Rezession das internationale Handelsdrehkreuz besonders heftig: Im April senkte das Wirtschaftsministerium seine Konjunkturprognose deutlich. Demnach soll Singapurs Wirtschaft in diesem Jahr um bis zu neun Prozent schrumpfen. Noch im Januar war das Ministerium von einem Einbruch um zwei bis fünf Prozent ausgegangen.

Ausländische Arbeitskräfte sind in Singapur meist bestens qualifiziert und sprechen fließend Englisch. Jetzt, wo die lokale Wirtschaft lahmt, können sie leicht woanders neue Jobs finden. Die Regierung muss sich daher einiges einfallen lassen, um gerade die High Potentials im Land zu halten.

"Talente sind für uns sehr wichtig, deshalb tun wir alles, um ihnen ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten", sagt Alex Tan, Kommunikationschef beim Singapore Economic Development Board, einer staatlichen Agentur zur Wirtschaftsförderung. "Wir sorgen nicht nur für interessante Jobs, sondern auch für gute Ausbildung und ein sicheres Umfeld für Familien."

Viele Singapurer Unternehmen haben schon vor der Krise ein Modell entwickelt, um junge Talente zu binden: Sie finanzieren deren Ausbildung an renommierten Universitäten wie in den USA oder Großbritannien. Die Rückkehrer verpflichten sich dafür, ihrer Firma mehrere Jahre treu zu bleiben. Das könnte sich angesichts der drohenden Abwanderung als wichtiger Rettungsanker erweisen.

Die Regierung versucht gegenzusteuern

Tim Philippi, Chef der Deutsch-Singapurischen Industrie- und Handelskammer, kann bei deutschen Firmen allerdings noch keinen Abwanderungstrend erkennen: "Unsere Mitgliederzahlen sind stabil, es ist nicht so, dass deutsche Expats verstärkt die Insel verlassen." Nach einer Umfrage der Kammer vom Februar denke nur eine Minderheit der deutschen Unternehmen in Singapur über einen Abbau von Arbeitsplätzen nach.

An der Deutschen Europäischen Schule spürt man dagegen schon erste Signale. Zwar blieb die Zahl der Schüler stabil bei 1200. "Doch wir spüren, dass besonders deutsche Unternehmen ihre Mitarbeiter vor Ort immer weniger mit Schulgeld bezuschussen", sagt Rektor Torsten Steininger. Die Folge: Für deutsche Expat-Familien lohnt sich der Aufenthalt in Singapur nicht mehr so wie früher. Nur einige bringen ihren Nachwuchs an günstigeren Schulen vor Ort unter - andere verlassen das Land gleich ganz. "Wir können die Abgänge aber mit Neuzugängen aus anderen Ländern ausgleichen", sagt Steininger.

Die Credit-Suisse-Studie zur Bevölkerungsentwicklung geht davon aus, dass alle ausländischen Arbeitskräfte, die durch die Krise ihren Job verlieren werden, früher oder später Singapur verlassen könnten. Doch die Regierung weiß, wie wichtig eine stabile Beschäftigung für das Land ist. "Wir wollen die Unternehmen ermutigen, im Abschwung so viele Jobs wie möglich zu sichern", sagte Singapurs Finanzminister Tharman Shanmugaratnam bei der Präsentation des staatlichen Konjunkturpakets im Januar.

Jobprogramm für die Finanzindustrie

Die Regierung schaut dem Wirtschaftseinbruch nicht tatenlos zu. Das staatliche Konjunkturprogramm fällt für den kleinen Stadtstaat üppig aus: Mehr als 20 Milliarden Singapur Dollar - etwa zehn Milliarden Euro - werden in Form von Liquiditätshilfen und Steuersenkungen in die Wirtschaft gepumpt. Allein ein Viertel davon dient direkt der Sicherung von Arbeitsplätzen. Unter anderem erhalten Firmen einen Bonus von zwölf Prozent auf die ersten 2500 Singapur Dollar der monatlichen Gehälter ihrer Angestellten. Diese Förderung läuft bis Ende des Jahres. Die Regierung unterstützt Firmen auch bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, so dass diese ihre Jobs behalten oder leichter neue finden.

Für Berufsanfänger in der krisengebeutelten Finanzindustrie ist eine ganz besondere Initiative geplant: Ein Jahr lang zahlt der Staat den Geldinstituten 1500 Singapur Dollar Zuschuss auf die Monatsgehälter, wenn sie Absolventen finanzwissenschaftlicher Studiengänge einstellen. Allerdings schaut die Regierung bei den Arbeitsbedingungen ganz genau hin. Die Arbeitgeber sollen sich um die berufliche Qualifikation der Nachwuchskräfte besonders kümmern.

Die Fluggesellschaft Singapore Airlines - mit ihrem beispiellosen Service und Komfort eines der Aushängeschilder des Landes - macht von den staatlich geförderten Weiterbildungsmöglichkeiten ebenfalls Gebrauch: Sie schickt ihre Flugbegleiterinnen ans Goethe-Institut Singapur. Dort sollen sie Deutsch lernen. "Die Kooperation mit der Airline haben wir natürlich auch schon vor der Krise gehabt", sagt Institutsleiter Ulrich Nowak. "Unsere Deutschkurse werden jetzt allerdings vermehrt als Training in Anspruch genommen." Für das Institut ist das ein positiver Nebeneffekt der Wirtschaftskrise.



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