Skandal-Testament: Die Lady, der Chihuahua und das Millionenerbe
Wall-Street-Erbin Gail Posner hat ihre Nachfahren gut versorgt. Ihrem Sohn hinterließ sie eine Million Dollar - ihr Hund allerdings bekam dreimal so viel plus eine Luxusvilla. Das sah der Sohn nicht gern. Er zog vor Gericht.
Sie besitzt Kleidung und Accessoires im Wert von mehr als 20.000 Dollar: Kaschmirpullis, Rüschenröcke, Louis-Vuitton-Taschen. Nachts schläft sie in einem pinkfarbenen Plüschbett, zu Fototerminen und auf dem roten VIP-Teppich trägt sie eine Lockenperücke, und einmal die Woche lässt sie sich mit ihrem goldenen Cadillac Escalade zur Pediküre ins Spa fahren. Auf dem Rückweg kehrt sie dann gerne im exklusive Shore Club ein, für frisch gegrillte Hühnchenbrust.
Sie heißt Conchita - und ist ein Chihuahua.
Das verwöhnte, gerade mal ein Pfund leichte Schoßhündchen aus Florida ist das heißeste Gesprächsthema des US-Geldadels, von Miami bis Manhattan. Denn Conchita hat gerade groß abgestaubt: Ihre sonderliche Herrin, die kürzlich verstorbene Wall-Street-Erbin Gail Posner, hat ihr drei Millionen Dollar vermacht - sowie eine Neun-Millionen-Dollar-Prachtvilla am Wasser mit sieben Schlafzimmern und einer eigenen Haushälterin.
Die Geschichte ist so bizarr, dass selbst das "Wall Street Journal" zwei Reporter auf Conchita ansetzte, um den Vierbeiner auf der Titelseite sowie in einem ausführlichen Bericht zu würdigen, nebst klassischem Kupferstichporträt (mit Perücke). "Kleiner Hund, großes Erbe", schlagzeilte das Blatt.
Alkoholismus, Drogensucht - die Familie sorgte oft für Schlagzeilen
Nicht alle aber finden Conchitas Glück so amüsant. Zu ihnen gehört Bret Carr, der Sohn von Mrs. Posner. Ihm sprach das Testament nur eine schlappe Million Dollar zu. Weshalb er es nun vor Gericht anficht - seine Mutter habe nicht mehr alle Sinne beisammen gehabt.
Diese Charakterisierung ist keineswegs abwegig: Der Posner-Clan samt Gail hatte schon immer eine Neigung zu bestenfalls skurrilen, schlimmstenfalls illegalen Exzentrizitäten. Verzogene Hündchen waren da eher das geringste Problem.
Gails Vater war Victor Posner, ein Wall-Street-Tycoon und Pionier des "leveraged buyouts", der fremdfinanzierten Fimenübernahme, der einer der bestverdienenden Finanzjongleure seiner Generation wurde. Sein erster großer Coup war 1969 der Kauf der Sharon Steel Corporation, der die Spekulantenära der Firmenjäger einläutete.
Privat war Posner freilich weniger erfolgreich. Alkoholismus, Drogensucht, angeblich auch Missbrauch und Inzest: Seine Familie sorgte oft für Schlagzeilen. Die eigenen Kinder zerrten Posner wegen Misswirtschaft vor Gericht. Seine Enkelin Tina - die Schwester des jetzigen Klageführers Bret Carr - starb 1994 an einer Überdosis Drogen.
Dann kollabierte auch Posners Geschäft. Sharon Steel ging Pleite. Posner bekannte sich 1987 der Steuerhinterziehung schuldig und musste sechs Millionen Dollar Strafe zahlen. Später verbot ihm die US-Börsenaufsicht SEC jede weitere Tätigkeit in einem Aktienkonzern. 2002 starb er 83-jährig an Lungenentzündung.
"Hund hält Konjunktur in Schwung"
Auch um sein Erbe gab es schon allerhand Zank. Ein Testament von 1996 bedachte Posners vier Kinder - darunter Gail - als Haupterben des Nachlasses. Es ging immerhin um 200 Millionen Dollar. Doch ein weiteres Testament von 2001 beglückte stattdessen eine Ex-Geliebte.
Nach mehrjährigem Gerichtsstreit erhielt Gail Posner besagte Villa auf dem Sunset Island in der Biscayne Bay, der Meerenge zwischen Miami und Miami Beach, sowie angeblich rund 100 Millionen Dollar. Mit dem Geld unterstützte sie unter anderem die Senatorin und spätere Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton.
Was Posner sonst noch alles trieb mit ihrem Vermögen, das offenbarte sie 2007 in einem Interview mit dem "Miami Herald". Da berichtete sie beispielsweise, sie habe Conchita ein Diamantenhalsband von Cartier für 15.000 Dollar geschenkt, doch es sei dem Hund zu eng gewesen, weshalb der sich weigere, es zu tragen. "Conchita", juxte Posner, "ist das einzige Mädchen, das ich kenne, für das Diamanten nicht die besten Freunde sind."
Posner und Conchita waren auch gern gesehene Gäste auf diversen Hundeliebhaber-Blogs, etwa famouschihuahua.com. In der "New Times" aus Palm Beach verriet Posner voriges Jahr, Conchita liebe es zu shoppen und sei ein Fan der Modekette "Bebe". "Hund mit 20.000-Dollar-Garderobe hält Konjunktur in Schwung", titelte die Zeitung.
Auch die Angestellten bekommen mehr als der Sohn
Im März dieses Jahres starb Posner mit 67 Jahren an Krebs. In ihrem Testament, das sie noch 2008 geändert hatte, hinterließ sie ihrem einzigen Sohn Bret Carr eine Million Dollar, ein Linsengericht gemessen an der insgesamt zur Verfügung stehenden Summe.
Auch sonst sorgte das Testament für Gesprächsstoff: Conchita bekam besagte drei Millionen Dollar plus Villa - und sieben Dienstboten Posners durften sich ordentliche 26 Millionen Dollar teilen.
Hernando Quintero - im Testament "Bodyguard/Trainer" genannt - erhielt allein zehn Millionen Dollar, Haushälterin Queen Elizabeth Beckford fünf Millionen Dollar. Bedingung: Sie müsse weiterhin für Conchita, deren "Geschwister" Lucia (Yorkshire-Terrier) und April Maria (Malteser) sorgen - sowie, nicht zu vergessen, für die Hausschildkröten. Dafür hat Beckford lebenslanges Gratiswohnrecht in Posners Villa.
Anfang Juni focht Carr das Testament vor einem Erbschaftsgericht in Miami an: Er fordert - obwohl er ein durchwachsenes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt habe - Alleinanspruch auf das komplette Vermögen. Carr beruft sich auf einen Treuhandfonds, den Großvater Victor für seine Enkel hinterlassen hatte und den Gail Posner missbraucht und ausgeplündert habe.
"Gail hatte ein ernstes Drogenproblem", sagte Carrs Anwalt Bruce Katzen der "New York Post". "Sie war manisch-depressiv und leicht zu beeinflussen." Das hätten die Dienstboten für ihre Zwecke ausgenutzt: Sie hätten die unzurechnungsfähige Dame unter schwere Medikamente gesetzt und sie dann zu der Testamentsänderung bewegt.
In einem ähnlichen Fall musste der Hund deutliche Abstriche hinnehmen
Die Klageschrift, die samt Anlagen 110 Seiten umfasst, beschreibt Posner als "zutiefst gestört" und "von Verfolgungswahn getrieben". In ihrem Irrsinn und unter emsiger Handreichung des Personals habe sie einen Publizisten für Conchita angeheuert, um sie als "einen den verwöhntesten Hunde der Welt" zu propagieren. Die PR-Kampagne und die Zeitungsinterviews hätten dazu gedient, das Testament glaubwürdiger erscheinen zu lassen.
Carr verklagte auch BNY Mellon, eine New Yorker Bank und Finanzmanagementfirma, und zwar wegen Veruntreuung. Mellon hatte den Victor-Posner-Fonds verwaltet und 2008 plötzlich aufgelöst. Eine Banksprecherin erklärte dem "Wall Street Journal", Mellon habe sich stets "angemessen verhalten" und werde sich gegen die Vorwürfe Carrs "energisch verteidigen".
Carr ist sowieso nicht der überzeugendste Klageführer. 1992 war er wegen Scheckfälschung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, wonach sein Großvater jeglichen Kontakt zu ihm abbrach. Später schrieb und produzierte Carr in Hollywood ein paar B-Movies, darunter "Revoloution" (2006) über "einen gewalttätigen Straßenkämpfer und Extrem-Stotterer".
Experten erwarten, dass das Gericht Conchitas Millionenerbe beschneiden wird. Denn der Fall erinnert stark an den der New Yorker Milliardärin Leona Helsmley, genannt die "Queen of Mean". Sie hatte 2007 ihrem Malteser Trouble zwölf Millionen Dollar vermacht. Ein Richter strich die Summe später auf zwei Millionen Dollar zusammen.
Immerhin hat Trouble einen künftigen Ruheplatz im Helmsley-Mausoleum sicher - direkt neben seiner Herrin.
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