Skandal um Steuerhinterziehung Staatsanwaltschaft startet Großrazzia in mehreren Städten

37 Steuerfahnder, acht Staatsanwälte, mehrere hundert Polizeikräfte: Mit einer Großrazzia geht die Suche nach deutschen Steuersündern jetzt in Frankfurt, München, Stuttgart, Ulm und Hamburg weiter. Aus Ermittlerkreisen heißt es unterdessen, die Zahl der Selbstanzeigen steige rapide an.


Hamburg - Die Suche geht weiter - jetzt auch bundesweit: Im Fall um enttarnte deutsche Steuersünder in Liechtenstein setzen die Staatsanwaltschaft Bochum und die Steuerfahndung Wuppertal ihre Arbeit fort. Nach Informationen des SPIEGEL haben sie in fünf Städten die Fahndung aufgenommen, darunter München, Frankfurt und Hamburg. Ein weiterer Schwerpunkt soll in Stuttgart und Ulm liegen.

Oberstaatsanwalt Schmidt-Sommerfeld: Razzien in München bestätigt
DPA

Oberstaatsanwalt Schmidt-Sommerfeld: Razzien in München bestätigt

Mit insgesamt 37 Steuerfahndern, acht Staatsanwälten und einigen hundert Polizeikräften durchsuchen sie derzeit vor Ort Büro- und Privaträume. Insgesamt sind nach SPIEGEL-Informationen 125 Durchsuchungen für diese Woche geplant. Weitere Durchsuchungswellen würden außerdem vorbereitet.

Koordiniert wird der Einsatz wie schon am vergangenen Donnerstag bei der Durchsuchung bei dem inzwischen zurückgetretenen Post-Chef Klaus Zumwinkel von der Bochumer Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung in Wuppertal. Nach Informationen des SPIEGEL trafen die beteiligten Einsatzkräfte schon gestern Abend an ihren jeweiligen Einsatzorten ein, nach kurzen Vorbesprechungen starteten sie dann heute Morgen ihren Einsatz.

Der Münchner Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld bestätigte die Durchsuchungen in München. Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Bochum und der Steuerfahndung hätten ihn darüber unterrichtet, dass es Durchsuchungen im Großraum München gebe. In den vergangenen Tagen hatte es bereits Berichte gegeben, wonach eine Welle von Durchsuchungen in der Steueraffäre bevorstehe. Wegen der Affäre hatte Post-Chef Zumwinkel seinen Rücktritt erklärt. Ihm wird Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vorgeworfen.

Bei Ex-Post-Chef Zumwinkel hatte am Donnerstagmorgen die wohl größte Steuerfahndung der deutschen Geschichte begonnen. Staatsanwaltschaft und Steuerfahnder durchsuchten sowohl seine Privat- als auch Büroräume in Köln und Bonn. Zumwinkel hat nach Angaben von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) eingestanden, Steuern hinterzogen zu haben. Den Ermittlern liegen nach Angaben der Bundesregierung die Daten von mehr als tausend weiteren Steuersündern vor. Mehr als hundert von ihnen müssen Ermittlerkreisen zufolge in dieser Woche mit Hausdurchsuchungen rechnen.

Das harte Durchgreifen der Steuerfahnder sorgt inzwischen offenbar bei vielen Steuersündern für Panik, allein die Angst vor Durchsuchungen zeigt Wirkung: "Es rappelt jetzt mit Selbstanzeigen", zitiert das "Handelsblatt" aus Justizkreisen. Die Anwälte der Betroffenen legten offenbar Sonderschichten ein. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die ersten prominenten Namen bekannt würden. Es gehe quer durch alle Schichten.

Die für die Durchsuchungen zuständige Staatsanwaltschaft Bochum wollte die Razzien heute weder bestätigen noch dementieren. "Wir sagen dazu gar nichts", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek. Die Staatsanwaltschaft wolle nicht noch weiteren "Situationen" Vorschub leisten, dass "irgendwelche Leute durchs Dorf getrieben werden". Das sei nicht Sinn und Zweck von Strafermittlungen, fügte er hinzu. Die Durchsuchung wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung bei Ex-Postchef Zumwinkel war live vom Fernsehen übertragen worden.

Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Düsseldorf sagte, kann die Staatsanwaltschaft Bochum bei den Ermittlungen, die sich gegen mehrere hundert mutmaßliche Steuersünder richten, überall in der Bundesrepublik Amtshilfe für Durchsuchungen anfordern. Dies müsse Bochum den betroffenen Behörden nicht mitteilen. Seine Behörde wisse daher nichts über einen Einsatz Düsseldorfer Steuerfahnder im Großraum München.

Betroffene in der Liechtensteiner Steueraffäre gibt es auch in Berlin. Es gebe in der Hauptstadt eine zweistellige Zahl von Fällen, sagte die Sprecherin der Senatsfinanzverwaltung, Kristina Tschenett. "Die genaue Zahl ist unklar." Es seien auch Durchsuchungen in Berlin geplant, die Finanzverwaltung wisse aber nicht, wann. Die Staatsanwaltschaft Berlin lehnte auf Anfrage jede Stellungnahme ab.

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sam/dpa/AP/ddp/AFP/Reuters

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