Skurrile Rekordjagd: Auf Kaffeefahrt im Starbucks-Reich

Von Esther Wiemann

Starbucks hat seine Kaffeefilialen über den ganzen Globus gekleckert - und Winter kennt die meisten. Der Amerikaner hat das ehrgeizige Ziel, jede Dependance zu besuchen. Doch jetzt könnte die Wirtschaftskrise ihm einen Strich durch die Rechnung machen.

Berlin - Mittags ist es am schwierigsten. Da sind die Innenstädte voller Touristen. Nervös läuft der Mann, der sich Winter nennt, ein paar Schritte vor, setzt die Kamera an, geht ein paar Schritte zurück in Richtung Brandenburger Tor. Immer wieder geraten gemächlich flanierende Passanten in seine Schusslinie. Endlich hat der Amerikaner aus Houston in Texas seine Trophäe: Ein Foto der Starbucks-Filiale am Pariser Platz.

Im Laufschritt geht es zum nächsten Ausschank der Kaffeehauskette - denn der 37-Jährige, der eigentlich Rafael Antonio Lozano heißt, hat eine Mission: Er möchte jeden Starbucks auf der Welt besuchen. "Starbucking" nennt er das. "Ich will etwas machen, was auf der Welt einzigartig ist", sagt er. Außerdem habe er schon immer gerne Dinge gesammelt. Comics zum Beispiel oder eben Fotos von Starbucks-Filialen.

Winter gehört zu dem Typ Mensch, der immer unter Strom steht - was vielleicht an dem vielen Koffein liegt. In jeder Filiale trinkt er einen Kaffee. Kein neumodisches Chichi wie Mocha Frappuccino, sondern ganz normalen Filterkaffee, schwarz mit Zucker. In Südkalifornien hat er einmal 29 Starbucks-Filialen an einem Tag besucht. Sein Rekord. Nach 27 Kaffee plus zwei Espressi musste er sich fast übergeben: "Ich hatte Kopfschmerzen, Blähungen und rannte ständig auf die Toilette." Er würde niemandem empfehlen, so viel Kaffee zu trinken.

Kaffee plus Beweisfoto

Heute hat er erst zwei Stores hinter sich. In der Filiale am Potsdamer Platz nippt Winter an der dritten Tasse. Im Hintergrund rattert die Kaffeemühle. Neben ihm steht sein Rucksack, darin ist alles, was er für seine Tour braucht: Kamera, Laptop, ein schwarzes verwaschenes T-Shirt mit dem Aufdruck "Starbucks Coffee Company". Genauso eins, wie er gerade anhat. Seinen Tagesrekord wird er in Deutschland oder anderswo nicht mehr brechen, denn nur in Kalifornien liegen die Starbucks-Filialen so nah beieinander.

Begonnen hatte alles 1997. Winter fiel auf, dass immer mehr Stores der Pappbecher-Kette eröffnen. Er kam auf die Idee überall einen Kaffee zu trinken, und ein Beweisfoto zu schießen. Seitdem hat er etwa 9600 Läden in 19 Ländern besucht, war in Japan, Libanon und der Schweiz. Auf seiner Website dokumentiert er seine Tour akribisch.

Zuerst war Winters Spiel noch überschaubar. Nur rund 1400 Filialen gab es - mittlerweile sind es weltweit über 15.000 in 49 Ländern, rund 145 davon allein in Deutschland. "Ich hätte nie gedacht, dass sich das Unternehmen so stark ausbreitet", sagt Winter. Plötzlich ist das Ganze ein aussichtsloses Unterfangen, eine Lebensaufgabe, ein Sisyphos-Projekt.

Doch es ist ausgerechnet die Wirtschaftskrise, die ihm zur Hilfe kommt: Denn auch Starbucks leidet - nicht nur unter der Krise, sondern auch durch die Konkurrenz wie die McCafé-Filialen von McDonald's. Seit vergangenem Jahr haben Hunderte Filialen aufgeben, vor allem in den USA.

"Ich verliere jedes Mal ein Stück meiner Seele"

Doch genau das ist für Winter eine Katastrophe: "Wenn ein Store schließt, ohne das ich ihn besucht habe, verliere ich jedes Mal ein Stück meiner Seele." Es schmerzt so sehr, dass er alles tut: Als er von einem Freund hörte, dass ein Starbucks in Prince George in Kanada am nächsten Tag zumachen wird, hat er es sich sogar 1400 Dollar kosten lassen, um noch dort hinzukommen. In Berlin aber kam der Kaffee-Fanatiker zu spät, am Ernst-Reuter-Platz stand er vor verschlossenen Türen.

Etwa drei Monate im Jahr ist Winter auf Kaffee-Reise. Sein "extremes Hobby", wie er es selber nennt, finanziert er als selbstständiger Programmierer. Rund hunderttausend Dollar hat er in den letzten zwölf Jahren dafür ausgegeben. "Viele halten mich für verrückt", sagt er. Auch seine Eltern würden sich wünschen, dass er ein etwas solideres Leben führe. Aber immerhin, sagen sie, habe er ein Ziel.

Während seiner Reisen übernachtet er im Auto oder in Hostels. Bevor er nach Deutschland kam, war er in Großbritannien und in Prag. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, denn auch in England schließen viele Läden. Und trotzdem gefällt es Winter in Europa, wo man die Starbucks-Filialen meist in alten Gebäuden findet. "Der Kaffee schmeckt aber überall auf der Welt gleich", sagt er.

Starbucking ist ein einsames Hobby

Eines ist dem Handelsreisenden in Sachen Kaffee wichtig: Vom Starbucks-Konzern wird er nicht unterstützt. Zwar habe es mal E-Mail-Kontakt gegeben, der sei aber im Sande verlaufen. Er will unabhängig sein. Trotzdem hat sein Projekt in den Medien viel Aufmerksamkeit erregt. Winter gibt Fernsehinterviews. Es wurde ein Dokumentarfilm gedreht.

Doch aller Publicity zum Trotz: "Starbucking" ist ein einsames Hobby. Manchmal geht Winter auf seinen Reisen ins Kino oder zu Konzerten. Er mag moderne Kunst, Architektur und Scrabble-Turniere. Die Touristenattraktionen interessieren ihn dagegen nicht. Ab und zu lerne er ein paar Leute kennen. In Berlin hat er zum ersten Mal Norweger getroffen - dort gibt es keinen Starbucks. Doch Freundschaften würden daraus nicht entstehen. Dafür reise er zu schnell weiter. Dabei hätte er gegen ein schönes "German girl" zum Heiraten nichts einzuwenden, sagt Winter.

Doch auch dafür hat er erstmal keine Zeit: Er trinkt den letzten Schluck Kaffee und eilt weiter Richtung U-Bahn. In Berlin gibt es 25 Filialen, drei liegen noch vor ihm - bevor es weiter nach Hamburg geht. Was passiert, wenn Winter alle Stores auf der Welt besucht hat, weiß er noch nicht. Es gebe aber eine lange Liste mit Dingen, die er dann vielleicht tun möchte.

Zum Beispiel in ein Land ohne Starbucks reisen.

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