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Industrieruinen: Das langsame Sterben von Chinas Stahlbranche

Nach einbrechender Nachfrage und knappen Krediten leidet Chinas Stahlindustrie jetzt auch unter dem Kampf gegen den Smog: Die ohnehin kriselnde Branche wurde von der Regierung zur Begrenzung der Produktion verdonnert. Dabei taugen die Stahlkocher nur bedingt als Sündenbock für die Umweltprobleme.

China: Industrieruinen im Wirtschaftswunderland Fotos
REUTERS

Peking - Gutes Zureden, drängendes Fordern und drakonische Strafandrohungen - mit allen Mitteln hatte die chinesische Regierung im vergangenen Jahr vor aller Öffentlichkeit für mehr Umweltschutz in den Regionen geworben. Seit einer Woche nun erfahren die Bürger im Norden und Osten des Riesenreichs, was dabei herausgekommen ist: nichts. Der Smog hält große Teile des Landes im Würgegriff.

Immer mehr Patienten müssen mit Atemwegs- und Augenproblemen ins Krankenhaus. In Peking wurde zu Wochenbeginn die zweithöchste Alarmstufe "Orange" den vierten Tag in Folge aufrechterhalten. Die Schadstoffbelastung verharre auf einem "gefährlich" hohen Niveau, warnten die Behörden. Auch die Provinzen Hebei, Shandong, Henan, Shanxi und Shaanxi leiden unter der schweren Luftverschmutzung.

Speziell Hebei haben die Parteioberen schon länger im Blick, weil dort Industriebetriebe neben Stahl auch tonnenweise Feinstaub produzieren und in die Luft pusten, der dann ins nahegelegene Peking hinüberschwebt. Im vergangenen Jahr verdonnerten sie deswegen die Bezirksregierung, die Produktion zu begrenzen. Man einigte sich auf einen Maximalausstoß von 86 Millionen Tonnen - das sind gerade noch rund 35 Prozent Prozent von dem, was die Fabriken ausspucken könnten.

Stahlwerke im Verdacht

Angesichts des ätzenden Nebels in den Straßen von Peking fiel der Verdacht sogleich auf die Nachbarprovinz und ihre Stahlwerke - doch er erwies sich als haltlos. Bei Kontrollen vor Ort stellte sich heraus, dass eine weit größere Zahl von Betrieben die Produktion bereits eingestellt hatte als eigentlich gefordert worden war.

Grund ist allerdings weniger ein gewachsenes Bewusstsein für den Umweltschutz in China. Die meisten Stahlkocher mussten ihre Hochöfen vielmehr abschalten, weil sie keine Käufer mehr fanden oder angesichts des Preisverfalls nicht mehr rentabel produzieren können. Die strengen Richtlinien für die Kreditaufnahme hätten ein Übriges dazu beigetragen, dass viele Unternehmen bereits bankrott seien, erklärt Xu Zhongbu, Chef des Beratungsunternehmens Beijing Metal Consulting. Was derzeit passiere, sei deshalb reine Augenwischerei. "Die Kontrolleure schließen Unternehmen, die bereits tot sind."

Tangshan zum Beispiel, eine Sieben-Millionen-Stadt, die in ihren besten Zeiten mehr Stahl produzierte, als alle Hütten in den USA zusammen, gleicht inzwischen fast einer Geisterstadt. Die Arbeiter traten im Oktober 2013 in den Streik - und kehrten danach erst gar nicht an ihre Arbeitsplätze zurück.

Nach Überzeugung von Huang Wei von der Umweltschutzorganisation Greenpeace hat es sich die Regierung mit der Konzentration auf die Stahlindustrie denn auch allzu leicht gemacht. Viel effektiver wäre es gewesen, die Abhängigkeit der gesamten Region von der Kohle zu reduzieren. Doch diese Aufgabe wäre weit schwieriger zu bewältigen gewesen, als Auflagen für eine Industrie, die ohnehin Kapazitäten abbauen müsse.

mik/Reuters

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Sieht aus,
freidimensional 24.02.2014
Zitat von sysopREUTERSNach einbrechender Nachfrage und knappen Krediten leidet Chinas Stahlindustrie jetzt auch unter dem Kampf gegen den Smog: Die ohnehin kriselnde Branche wurde von der Regierung zur Begrenzung der Produktion verdonnert. Dabei taugen die Stahlkocher nur bedingt als Sündenbock für die Umweltprobleme. http://www.spiegel.de/wirtschaft/smog-in-china-stahlindustrie-steht-zu-unrecht-am-pranger-a-955396.html
als wäre damit schon mal das eingetroffen, was vor mehr als 20 Jahren als Buchtitel einiges Aufsehen erregt hatte: "Die Grenzen des Wachstums". Wie so oft, hat man die Einschätzungen des Autors nicht so recht ernst genommen, aber jetzt beginnt es wohl zu dämmern, in verschiedener Hinsicht... Gelegenheit also, das Paradigma von ewigem Wachstum nochmal zu überdenken. Wachstum bis zum bitteren Ende ist das Wesensmerkmal einer pathologischen Erscheinung mit Namen Krebs...
2.
muellerthomas 24.02.2014
Zitat von freidimensionalals wäre damit schon mal das eingetroffen, was vor mehr als 20 Jahren als Buchtitel einiges Aufsehen erregt hatte: "Die Grenzen des Wachstums". Wie so oft, hat man die Einschätzungen des Autors nicht so recht ernst genommen, aber jetzt beginnt es wohl zu dämmern, in verschiedener Hinsicht... Gelegenheit also, das Paradigma von ewigem Wachstum nochmal zu überdenken. Wachstum bis zum bitteren Ende ist das Wesensmerkmal einer pathologischen Erscheinung mit Namen Krebs...
Mag ja sein, dass es kein ewiges Wachstum gibt, aber woher nehmen Sie die Gewissheit, dass wir jetzt die Grenze erreicht haben und nicht erst in 50, 500 oder gar 5000 Jahren?
3. Wachstum hin oder her
odb77 24.02.2014
China hat mittlerweile genügend Devisen um sich im großen Stil überall im Westen einzukaufen, was sie ja auch schon tun. Dadurch können sie auf diese Industrie verzichten. Mittlerweile strickt Vietnam ja auch schon unsere Pullover und nicht mehr china.
4. Schwerindustrie?
norman.schnalzger 24.02.2014
nicht gerade zukunftsträchtige High-tech
5. China
steinbock8 24.02.2014
das schnelle chinesische Wachstum ohne Rücksicht auf die Umwelt zeitigt jetzt die Folgen die gesamten Probleme in China sind so groß das man nicht von langfristiger Stabilität sprechen kann irgendwann wird der große Knall die ganze Welt wachrütteln Wachstum um jeden Preis kann es nicht geben die politischen Eliten haben ihr kapital sicherheitshalber schon im Ausland gebunkert die Zukunft bleibt spannend
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Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

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