Social Entrepreneurs Rettung der Welt mit Eistee

Mit lockeren Sprüchen und schickem Design wollen zwei Hamburger die Kühlregale aufmischen. Sie vertreiben Eistee und Limonade - alles bio und fair gehandelt. Damit gehören sie zu einer besonderen Sorte junger europäischer Unternehmer. Das Ziel: mit dem Geschäft die Gesellschaft verändern.

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Hamburg - Um 3 Uhr morgens wachte Paul Bethke plötzlich auf und fand den Namen für sein neues Getränk: "LemonAid". Es sollte nach Limetten schmecken wie die selbstgemachte Limonade auf Sri Lanka, die er dort nach dem Schwimmen literweise am Strand getrunken hatte. Und es sollte den Menschen helfen, die diese Früchte ernten.

Die Limonade vertreibt Bethke seit dieser Woche mit seinem Schulfreund Jakob Berndt. 28 Jahre sind sie alt, zwei Hamburger Jungs, die nicht nur eine Marktlücke füllen, sondern auch flüssige Entwicklungshilfe leisten wollen. "Trinken hilft", lautet ihr Werbespruch, und das gilt auch für die drei Eisteesorten mit dem Namen "ChariTea". Der Tee stammt aus Sri Lanka und Südafrika, der Zucker aus Paraguay, der Honig aus Mexiko - alles aus biologischem Anbau und fair gehandelt.

Monatelang hantierten die Jungunternehmer mit Töpfen und Sieben, Fruchtsäften und Teesorten. Birnen-, Melonen- und Rhabarbersäfte wanderten in die kleine Hamburger Küche und wieder raus.

Keine Lust auf Großkonzerne

"Wir wollten ein cooles Produkt für junge Menschen schaffen, das gleichzeitig sozialen Sinn hat", sagt Bethke, der selbst eineinhalb Jahre auf Sri Lanka gelebt und später als Entwicklungshelfer gearbeitet hat. Aber es blieb der Wunsch, ein eigenes wohltätiges Projekt zu starten, Geld zu verdienen und das "vernünftig" einzusetzen. "Wir möchten auch Vorbild für andere sein, die Talent und keine Lust auf Großkonzerne haben, sondern etwas Neues gestalten wollen."

Damit sind Bethke und Berndt nicht allein. Sie gehören zu einer neuen Generation verantwortungsbewusster Unternehmer: den sogenannten Social Entrepreneurs. Mit wenig Geld wollen sie viel sozialen und ökologischen Nutzen schaffen. Einfacher gesagt: Sie wollen Gutes tun. "Die jungen sozialen Unternehmer verbinden Selbstverwirklichung mit einer Mission", sagt Anja Schwerk von der Berliner Humboldt-Universität. Diese Firmengründer seien eben keine ehrenamtlichen Sozialarbeiter, sondern sie setzten ihren Geschäftssinn gezielt für gesellschaftlichen Wandel ein.

Eine Idee, die sich in ganz Europa durchsetzt. Mit nur 18 Jahren gründete der Schwede Oscar Lundin die preisgekrönte Initiative "Ung Omsorg" und vermittelt seither Studenten für soziale Dienste wie Vorlesen und kleinere Hilfen im Haushalt an ältere Menschen. Die Estin Karoli Hindriks vertreibt verkehrssichere Reflektoren für junge Menschen. Und Kresse Wesling fertigt in Großbritannien aus Industriemüll Taschen, Kerzenhalter und weitere Accessoires - geadelt durch Cameron Diaz, die einen Gürtel aus altem Feuerwehrschlauch in der amerikanischen Modezeitschrift "Vogue" trug. Die Hälfte der Einnahmen aus der "Feuerlöschschlauch-Kollektion" spendet Wesling an den Wohltätigkeitsverband der Feuerwehr.

Und selbst die Politik hat den Trend erkannt: In der vergangenen Woche startet die Europäische Kommission die Kampagne "Deine Welt, Dein Unternehmen", mit der sie Schüler zwischen 16 und 19 Jahren mit Videos und Leitfäden möglichst früh dazu animieren will, später Firmen zu gründen und dabei nach sozialen und ökologischen Lösungen zu suchen. Die Idee funktioniert vor allem in der Krise: Gerade wenn Wirtschaftsmodelle in Frage gestellt werden, denken viele über künftige verantwortungsbewusste Geschäftsideen nach.

Langfristiges Engagement zählt

Der Grund für die ambitionierten Gründungen ist einfach. Viele wollten mehr sein als ein kleines Zahnrad, suchten nach Sinn und Inhalt auch in der Arbeit, sagt Professor Stefan Schaltegger von der Leuphana-Universität Lüneburg: "Bei vielen gibt es ein Bedürfnis, mit Menschen zusammenzuarbeiten, denen man wirklich helfen kann, weil sie vielleicht sonst durch die Räder der Leistungsgesellschaft fallen. Man will einen Beitrag für etwas Sinnvolles leisten." Die Universität Lüneburg richtet demnächst als eine der ersten Universitäten in Deutschland eine Juniorprofessur für "Social Entrepreneurship" ein.

Doch nicht nur in der Fachwelt, auch in der Öffentlichkeit hat sich in den letzten Jahren das Bewusstsein für soziale und ökologische Fragen verändert - wie Trendforscher und Umweltinstitute registriert haben. "Klima und Konsum, Ökologie und Ökonomie, Lust und Sinn" schlössen sich nicht mehr aus, resümierte der Trendforscher Peter Wippermann schon vor zwei Jahren.

Im Gegenzug versuchen Unternehmen immer stärker, ihr soziales oder ökologisches Engagement herauszustellen - als eine Möglichkeit, sich von anderen zu unterscheiden, ihr Image zu pflegen und damit schließlich Käufer zu finden. Ein Betrieb, der es wirklich ernst meint, sollte seine Produkte aber im Kerngeschäft umwelt- und sozialverträglicher gestalten, sagt Christian Fronczak von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Ab und zu eine Werbeaktion mache noch kein ethisches Unternehmen. Auch Stefan Schaltegger meint: "Unternehmen müssen sich langfristig engagieren. Sonst sind sie nicht glaubwürdig."

Fairtrade soll szenetauglich sein

Viele der Jungunternehmer sind nicht nur verantwortungs-, sondern auch trendbewusst. "Fairtrade soll schick, cool, zeitgemäß sein - eben szenetauglich", sagen die Hamburger Paul Bethke und Jakob Berndt und bieten ihre Getränke deshalb dort an, wo die Szene lebt: in Bars und Cafés in Hamburg und Berlin. Edel und puristisch kommt das Design der Flaschen daher, entworfen von der renommierten Designagentur BVD, die sonst für Ikea und Absolut Vodka kreativ wird.

Weil sie über keinen umfassenden Anzeigenetat wie die Großen verfügen, muss auch die Werbung etwas anders sein: Ähnlich wie Streetart-Künstler verteilen Bethke und Berndt gesprühte Schablonen und Werbeaufkleber in Hamburg. Die Flaschen, aus denen Strohhalme herausragen, prangen an Hauswänden und Wahlplakaten.

Zumindest auf den Postern genießt damit schon die ganze Stadt ihre Erfrischungsgetränke.

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