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Societe Generale: Händler stürzt Großbank mit Milliardenbetrug in die Krise

Von , Paris

Schock für das Bankensystem: Ein einzelner Aktienhändler hat die französische Großbank Société Générale um 4,9 Milliarden Euro geprellt. Er hebelte offenbar alle Kontrollmechanismen aus, Bankchef Bouton und viele in der Branche sind fassungslos. "Er hat einfach nur gespielt."

Paris - Es wäre auch so kein guter Tag für die Société Générale Chart zeigen gewesen. 2,1 Milliarden Euro Abschreibungen wegen der US-Immobilienkrise hätte die französische Großbank zu vermelden gehabt - doch dann das: Ein einzelner Aktienhändler hat durch betrügerische Spekulationen eine astronomische Summe verbrannt. 4,9 Milliarden Euro beträgt der Schaden.

Bank-Chef Daniel Bouton versucht sich in Erklärungen: Doppelbelastung für Société Générale
AFP

Bank-Chef Daniel Bouton versucht sich in Erklärungen: Doppelbelastung für Société Générale

Inzwischen gibt es erste Angaben über den Betrüger. Der Mann sei etwa 30 Jahre alt, sagt Bankchef Daniel Bouton. Er sei kein Starspekulant gewesen, habe unspektakuläre Kursabsicherungen betrieben. "Das war ein Trader, der mit kleinen Positionen umging", erläutert Bouton. Er habe weniger als 5000 Euro verdient.

Auf die Frage, ob der Händler auch hohe Prämien kassiert habe, antwortete Bouton: "Er hat seine Prämie für 2007 noch nicht bekommen und ich glaube auch nicht, dass er sie fordern wird." Bouton sagt, er sei fest überzeugt, dass es ein "Einzelfall" war. Hoffentlich behält er Recht.

Ein kleiner Händler hebelt alle Kontrollmechanismen aus - es ist ein Fiasko, ein Betrugsfall der Superlative an einer der größten französischen Banken, in einer Reihe mit dem legendären Nick Leeson, dessen Spekulationen in den Neunzigern zum Kollaps der Barings Bank führten.

Am frühen Morgen war der Fall an die Öffentlichkeit gelangt. Ein Angestellter habe die Kontrollmechanismen ausgenutzt und fiktive Geschäfte zu seinen Gunsten gemacht, teilte die Bank mit. "In seinen Ausmaßen und seiner Art außergewöhnlich" sei der Betrug: "Ein Händler, verantwortlich für Indexzertifikate der europäischen Börsen ohne Besonderheiten ('plain vanilla'), hat während des Jahres 2007 und Anfang 2008 betrügerische Positionen eingenommen, die weit über die ihm zugeteilten bescheidenen Grenzen hinausgingen."

Jetzt fragen alle: Wie konnte das passieren? "Wir sind fast vom Stuhl gefallen", sagte ein führender Gewerkschafter nach einem Treffen mit der Bankführung. Der Aktienhändler habe "einfach gespielt" - aber "nicht zu seinen Gunsten". So etwas habe es noch nie gegeben. "Man fragt sich, wie so etwas passieren kann, wo wir bisweilen wegen irgendwelcher Lappalien kontrolliert werden."

"Schwer zu verstehen, dass das keiner gewusst haben soll"

Auch Analysten verstehen nicht, wie die Bankführung so versagen konnte. "Ich finde es schwer zu verstehen, dass ein Händler in der Lage gewesen sein soll, ein 'geheimes Geschäft' von 4,9 Milliarden getätigt zu haben, ohne dass jemand davon gewusst hat", sagte Ion-Marc Valahu von der Amas-Bank in der Schweiz. Er bezweifle, dass die Bank erst jetzt von dem Betrug erfahren habe.

Société Générale will den gewaltigen Schaden erst am 19. und 20. Januar bemerkt haben. Der Angestellte habe seinen Betrug zugegeben, seine Vorgesetzten würden entlassen. Bankchef Daniel Bouton selbst bot seinen Rücktritt an - der Aufsichtsrat lehnte jedoch ab.

Die Verluste seien wirklich "schlechte Nachrichten", sagte Bouton - zeigte sich aber unvermindert positiv: Das Gute sei jedoch, dass es sich um einen einmaligen Vorgang halte. Und die Verluste als Folge der Kreditkrise eingegrenzt worden seien.

Und dann auch noch 2,1 Milliarden Euro Abschreibungen

Eine überraschende Sichtweise - denn zusätzlich zu dem Betrugsschaden addieren sich eben auch noch 2,1 Milliarden Euro Abschreibungen durch die US-Immobilienkrise. Für 2007 dürften sich die Gewinne der Bank auf magere 600 bis 800 Millionen Euro belaufen. 2006 hatten sie bei 5,3 Milliarden Euro gelegen.

Die Börse reagierte umgehend, am Pariser Parkett wurde der Handel mit Aktien der Bank ausgesetzt. Spekulationen über eine anstehende Milliardenabschreibung bei der Société Générale hatten den Kurs schon gestern um zwischenzeitlich mehr als sechs Prozent abstürzen lassen. Der Aktienindex CAC 40 Chart zeigen, der in den vergangenen Tagen auch vom weltweiten Negativtrend erfasst wurde, stieg trotz der schockierenden Nachrichten um mehr als vier Prozent.

Die Bank will die Schäden aus der Kreditkrise nun durch eine Aufstockung des Aktienkapitals abfedern. Geplanter Umfang: 5,5 Milliarden Euro. Zu den Interessenten gehören JPMorgan und Morgan Stanley. Für die Société Générale, die immer großen Wert auf ihre Unabhängigkeit legte, keine einfache Entscheidung - aber unumgänglich, nach dem Doppelschaden.

Französische Zentralbank startet Ermittlungen

Außerhalb der Bank wird die Affäre um den Aktienhändler Folgen haben. Inzwischen hat sich auch die französische Zentralbank eingeschaltet: Die Banque de France teilte mit, ihre Bankenkommission werde "die Umstände ermitteln", unter denen der Betrug des Händlers zustande gekommen sei.

"Die schlimmste Sache daran ist, dass dadurch die Risikomanagement-Systeme bei einigen Banken in Zweifel gezogen werden", sagte Fortis-Analyst Carlos Garcia. Man könne nicht plötzlich von einem Tag auf den nächsten eine Belastung von sieben Milliarden Dollar bekanntgeben. "Daraufhin haben wir Banken heruntergestuft, die sehr auf ihren Gewinn aus Handelsgeschäften fokussiert sind oder deren Kapitalbasis schwach ist."

Am kommenden Dienstag treffen sich in London die Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu einem Mini-Gipfel. Thema wird die Finanzkrise sein. Angesichts der Milliardenverluste bei der Société Générale dürften Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Gordon Brown aber wahrscheinlich auch darüber beraten, welche Risiken bei den Banken ihrer Ländern noch lauern - ob auf Grund der Hypothekenkrise oder wegen ganz normalem Betrugs.

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