Societe Generale Milliardenvernichter Kerviel auf freiem Fuß

Fälschung, Vertrauensbruch, Computer gehackt: Ein Gericht hat ein Verfahren gegen Jérôme Kerviel eingeleitet, der bei der Société Générale 4,8 Milliarden Euro verzockt hat. Den Vorwurf des Betrugs ließ es aber fallen und den Broker frei - stattdessen gibt es neue Vorwürfe gegen die Konzernspitze.


Paris - Das Verfahren gegen Jérôme Kerviel wurde jetzt offiziell eröffnet - allerdings nicht wegen versuchten Betrugs und schweren Vertrauensmissbrauchs, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert. Stattdessen entschied ein Gericht laut den Anwälten des Brokers, dass er sich nur wegen Verdachts auf Fälschung, Eindringens in Computersystemen und Vertrauensbruchs verantworten muss. Allein auf Letzteres stehen bis zu sieben Jahre Haft und 750.000 Euro Strafe. Trotzdem sagte eine von Kerviels Anwälten glücklich: "Wir haben einen Sieg" - schließlich ist der Betrugsvorwurf, der auch auf persönliche Bereicherung hingewiesen hätte, vom Tisch.

Hauptquartier der Société Générale: Schwerwiegender Verdacht
REUTERS

Hauptquartier der Société Générale: Schwerwiegender Verdacht

Die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bedeutet in Frankreich, dass der Untersuchungsrichter gewichtige Hinweise für die Verwicklung in ein Verbrechen gefunden haben muss. Die Staatsanwaltschaft will Einspruch einlegen - zumal das Gericht den 31-Jährigen nach zweitägigem Polizeigewahrsam unter Auflagen auf freien Fuß ließ. Die Staatsanwaltschaft hatte Untersuchungshaft beantragt, um ihn und mögliche Zeugen vor Beeinflussung zu bewahren. Kerviels Pass wurde den Anwälten zufolge eingezogen, er darf nicht mit Société-Générale-Mitarbeitern sprechen; es musste aber keine Kaution hinterlegt werden.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Kerviel entscheidend dazu beigetragen hat, dass es zum Milliardenverlust bei der Société Générale kommen konnte. Die ersten Ermittlungen zeigten, dass Kerviel alleine vorgegangen sei, es habe keine Hinweise auf eine Mittäterschaft gegeben, sagte Staatsanwalt Jean-Claude Marin vor Reportern. Der 31-Jährige habe sich gegenüber Kollegen und Vorgesetzten als "Ausnahmehändler" profilieren wollen und habe bei seinen Geschäften möglicherweise "von einer gewissen Toleranz" bei der Société Générale profitiert. Die Untersuchung habe bisher aber "keinen gänzlichen Ausfall" der Kontrollsysteme bei der Bank gezeigt.

Auch Kollegen hätten laut Kerviel gezockt, sagte Marin - wenngleich mit deutlich geringen Beträgen. Laut Staatsanwaltschaft begann Kerviel bereits ein Jahr früher als von der Société Générale angegeben mit seinen Zockergeschäften. Schon Ende 2005 habe er mit nicht genehmigten Transaktionen begonnen, wenn auch auf relativ niedrigem Niveau.

Verantwortliche der Bank schon im November informiert

Und noch eine brisante Nachricht hatte die Staatsanwaltschaft zu bieten, die ein Beben im Top-Management der Bank auslösen dürfte: Die Verantwortlichen seien schon im November über fragwürdige Transaktionen ihres Händlers Jérôme Kerviel informiert worden. Das Alarmsignal sei von der Derivatebörse Eurex gekommen, an der die Deutsche Börse beteiligt ist.

Ganz Frankreich fragt sich nun: Wie viel liegt bei der Société Générale im Argen? Noch dramatischer klingen Verdachtsmomente, denen die Ermittler nach Auffassung einzelner Aktionäre nachgehen sollten. Die Anleger reichten heute Anzeige wegen Insiderhandels und Kursmanipulation ein. Ihr Vorwurf richtet sich eigentlich gegen Unbekannt, zielt aber insbesondere auf das Verwaltungsratmitglied Robert A. Day, der am 9. Januar Aktien der Bank im Wert von 85,7 Millionen Euro verkauft hatte. Die Frage der Anleger: Wusste er etwa, dass Kerviel auffliegen würde, und wollte davor noch profitieren?

Mit der Klage sollten aber auch alle überprüft werden, "die direkt oder indirekt von privilegierten Informationen profitiert" haben könnten, sagte Aktionärsanwalt Frederik-Karel Canoy. Unter den Klägern befänden sich sowohl Kleinaktionäre als auch Gesellschaften.

Auch Kerviel selbst erhebt schwere Vorwürfe

Canoy hatte bereits eine erste Klage bei der Staatsanwaltschaft eingereicht, die auf Betrug, Vertrauensmissbrauch, Fälschung und Hehlerei lautete, nachdem die Société Générale Chart zeigen einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro wegen der Spekulationen ihres Händlers Kerviel bekannt gemacht hatte.

Auch Kerviel selbst hat inzwischen schwere Vorwürfe gegen die Bank erhoben. Er habe nicht betrogen, denn er habe keinen einzigen Cent für sich abgezweigt, ließ er seine Anwälte mitteilen. Dagegen habe die Bank nach Aufdeckung seiner riskanten Terminkontrakte die Positionen "überhastet" geschlossen und dadurch selbst die sehr hohen Verluste herbeigeführt, zitierte "Le Figaro" die Anwälte. Dahinter stecke der Versuch der Société Générale, die eigenen Verluste der vergangenen Monate zu verschleiern.

Nach Angaben der Bank setzte der Broker Anfang des Jahres mit Termingeschäften 50 Milliarden Euro auf steigende Märkte. Er verschleierte dies laut Société Générale durch Scheinbuchungen, in denen er auf fallende Märkte wettete. Deshalb hätte auch das interne Kontrollsystem nicht angeschlagen.

Sarkozy fordert Konsequenzen bei der Bank

Die Bank korrigierte den angerichteten Schaden heute leicht nach unten auf 4,82 Milliarden Euro. Die Aufdeckung des Skandals hatte in der Finanzwelt ein Beben ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob der Broker tatsächlich völlig eigenständig gehandelt hatte. Im Verlauf des Vormittagshandels rutschten die Société-Générale-Aktien abermals mit mehr als sechs Prozent ins Minus.

Die Société Générale steht auch wegen anderer Affären im Blickpunkt. Vom 4. Februar an muss sie sich einem Prozess wegen Geldwäsche stellen. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy sagte, eine derartige Krise wie bei der Société Générale könne "nicht ohne Konsequenzen" der Verantwortlichen bleiben. Konzernchef Daniel Bouton hatte seinen Rücktritt angeboten - was der Verwaltungsrat bisher aber ablehnt.

mik/sam/AFP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.