Societe Generale Polizei nimmt Milliardenzocker Kerviel fest

Die französische Polizei hat den Milliardenzocker Jérôme Kerviel festgenommen. Er werde von der französischen Finanzpolizei verhört, hieß es aus Justizkreisen in Paris. Die Ermittler erhoffen sich Antworten auch auf eine drängende Frage: Was wussten die Vorgesetzten von der Großbank Société Générale?


Paris - Der 31 Jahre alte Händler Jérôme Kerviel werde von Ermittlern verhört, berichtete der Sender France Info. Die Polizei hatte am Freitag Kerviels Wohnung im Pariser Nobel-Vorort Neuilly-Sur-Seine sowie den Pariser Hauptsitz der französischen Großbank durchsucht. Kerviel soll bei eigenmächtigen Finanzgeschäften einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro für die französische Großbank Société Générale verursacht haben.

Die Société Générale hatte den Skandal am Donnerstag publik gemacht und gestern erklärt, er sei durch einen "isoliert agierenden Mitarbeiter" verursacht worden. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm Vorermittlungen wegen Verdachts auf Unterschriftenfälschung und Betrug auf.

Auf ein Detail kommt es den Verantwortlichen der Société Générale in den vergangenen Tagen immer wieder ganz besonders an: Kerviel war ein Einzeltäter, der die hochspekulativen Transaktionen allein vorgenommen hat - gegen alle Vorschriften und ohne jede Rückendeckung durch einen Vorgesetzten.

Allein: Glauben kann diese Version kaum jemand. Die Experten nicht und nicht einmal Teile der um den Ruf des französischen Bankensystems bedachten Regierung. Am lautesten äußerte Premierminister François Fillon seine Zweifel an der These des Alleintäters. "Es ist schwer zu verstehen, dass ein einzelner in so kurzer Zeit solche großen Verluste verursachen kann", sagte er der Zeitung "Le Figaro". Besonders fuchst ihn, dass die Regierung erst am Mittwoch über den Fall informiert worden war - erst drei Tage nachdem der Bankvorstand davon erfahren hatte. Fillon beauftrage das Wirtschaftsministerium, innerhalb von acht Tagen einen Bericht über den Fall vorzulegen.

Die Aufdeckung des Skandals hatte ein Beben ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob ein Broker vom Schlage Kerviels überhaupt in der Lage war, so eine Transaktion allein durchzuführen. Zumal er sich nach Angaben der Société Générale durch seine betrügerischen Geschäfte vermutlich nicht einmal persönlich bereichert hat. Bankchef Daniel Bouton sah sich sogar genötigt, Vorwürfe zurückzuweisen, die Bank habe Manipulationen des 31 Jahre alten Händlers vorgeschoben, um eigene Versäumnisse zu vertuschen. "Wir sollen Verluste aus einem Loch in einem anderen Loch versteckt haben? Das ist weder technisch noch buchhalterisch möglich", sagte Bouton der Zeitung "Le Figaro".

Die hochriskanten Geschäfte seien am 18. Januar von der Kontrollabteilung entdeckt worden, sagte Bouton weiter. Am 20. Januar sei das Management über das gesamte Ausmaß des Problems informiert worden. Als einen Tag später die Finanzmärkte in Asien und Europa kollabiert seien, "hatte das einen katastrophalen Effekt".

Ackermann ordnete Untersuchung bei der Deutschen Bank an

Als Zeichen dafür, wie schwerwiegend der Skandal in der Bankenszene bewertet wird, darf auch die Reaktion von Josef Ackermann gelten. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zufolge ordnete der Deutsche-Bank-Chef eine sofortige Untersuchung im eigenen Haus an: "Ist so etwas auch bei uns möglich?", wollte der Bank-Chef demnach von den zuständigen Mitarbeitern wissen. Die Frage solle schnell geklärt und vor allem eindeutig beantwortet werden.

Dabei ist noch nicht einmal genau geklärt, was bei der Société Générale überhaupt passiert ist. Nach SPIEGEL-Informationen soll Kerviel eine gigantische Wette auf den deutschen Aktienindex Dax abgeschlossen haben. 140.000 sogenannte Dax-Futures habe er gekauft, hieß es in Händlerkreisen. Dabei handelt es sich um Terminkontrakte, die an der deutsch-schweizerischen Börse Eurex gehandelt werden. Auf Grund der Verluste des Dax hätten sich aber bis Mitte Januar etwa zwei Milliarden Euro Verlust angesammelt.

Zu diesem Zeitpunkt könnten das Riesenloch und die Überschreitung von Handelslimits der deutschen Niederlassung des Finanzdienstleisters Newedge aufgefallen sein. Die Firma wickelt für die Bank die Eurex-Geschäfte ab. Jedenfalls erhielten die Pariser Bankenchefs angeblich die Alarmsignale aus Deutschland. Panisch liquidierten sie alle Kerviel-Positionen "und bauten die Verluste durch dieses unfassbare Missmanagement noch aus", glaubt ein Händler. Am Ende stand ein Verlust von rund 4,9 Milliarden Euro in den Büchern.

Gewissheit wird jedoch erst am Ende der Ermittlungen herrschen. Derzeit sichten Experten der Staatsanwaltschaft die am Vortag sichergestellten Unterlagen, die bei den Durchsuchungen der Hauptverwaltung der Société Générale und in der Wohnung von Kerviel sichergestellt haben.

Einige Analysten spekulierten außerdem, die Bank habe den Zwischenfall mit ihrem Handeln noch verschlimmert. "Das ist absurd", sagte Bouton dazu der Zeitung "Le Figaro". Jeder könne sich ausrechnen, inwieweit die französische Bank an den Entwicklungen der internationalen Finanzmärkte in den vergangenen Tagen beteiligt gewesen sei.

mik/AFP/dpa/Reuters



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