Societe Generale Polizei verhört Milliardenzocker - Bank in Erklärungsnot

Die französische Finanzpolizei vernimmt den Milliardenzocker Jérôme Kerviel - aber sie hat auch einige Fragen an seinen Arbeitgeber: Handelte der Banker wirklich auf eigene Faust oder wussten die Verantwortlichen der Société Générale von seinen riskanten Geschäften?


Paris - Für die Familie von Jérôme Kerviel ist die Sache klar: Der 31 Jahre alte Händler werde von seinem Arbeitgeber zum Sündenbock gemacht. Inzwischen ist er in Polizeigewahrsam, wird von Ermittlern verhört.

Kerviel soll bei eigenmächtigen Finanzgeschäften einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro für die französische Großbank Société Générale verursacht haben.

Einem Justizmitarbeiter zufolge befindet sich Kerviel im Hauptquartier der Pariser Finanzpolizei im Südosten der französischen Hauptstadt. Normalerweise können Verdächtige nur 24 Stunden in Polizeigewahrsam sein, ohne dass ein Haftbefehl erlassen wird.

Die Polizei hatte gestern Kerviels Wohnung im Pariser Nobel-Vorort Neuilly-Sur-Seine sowie den Hauptsitz der französischen Großbank durchsucht. Einen Tag zuvor erst hatte Société Générale den Skandal publik gemacht - er sei durch einen "isoliert agierenden Mitarbeiter" verursacht worden. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm Vorermittlungen wegen Verdachts auf Unterschriftenfälschung und Betrug auf.

Allerdings gibt es inzwischen immer mehr Zweifel an dieser Einzeltäter-These. Am lautesten äußerte dies Premierminister François Fillon. "Es ist schwer zu verstehen, dass ein einzelner in so kurzer Zeit solche großen Verluste verursachen kann", sagte er der Zeitung "Le Figaro". Besonders fuchst ihn, dass die Regierung erst am Mittwoch über den Fall informiert worden war - drei Tage, nachdem der Bankvorstand davon erfahren hatte. Fillon beauftrage das Wirtschaftsministerium, innerhalb von acht Tagen einen Bericht über den Fall vorzulegen.

Frankreichs Präsident Sarkozy wiegelt ab

Ganz anders sieht das Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Der Staatschef sprach während seines Indien-Besuchs von einem "internen Betrugsfall, der weder die Solidität noch die Vertrauenswürdigkeit des französischen Bankensystems infrage stellt".

Allerdings scheinen auch die Ermittler inzwischen den Druck auf die Verantwortlichen der Bank zu erhöhen. Sie fragen ebenfalls: Wie konnte es bei einem anerkannt innovativen Haus wie Société Générale geschehen, dass ein einzelner Mitarbeiter in diesen Größenordnungen unentdeckt sein Unwesen treibt?

Nach Angaben der Société Générale hat sich Kerviel durch seine betrügerischen Geschäfte vermutlich nicht einmal persönlich bereichert. Bankchef Daniel Bouton sah sich sogar genötigt, Vorwürfe zurückzuweisen, die Bank habe Manipulationen des 31 Jahre alten Händlers vorgeschoben, um eigene Versäumnisse zu vertuschen. "Wir sollen Verluste aus einem Loch in einem anderen Loch versteckt haben? Das ist weder technisch noch buchhalterisch möglich", sagte Bouton der Zeitung "Le Figaro".

Die hochriskanten Geschäfte seien am 18. Januar von der Kontrollabteilung entdeckt worden, sagte Bouton. Am 20. Januar sei das Management über das gesamte Ausmaß des Problems informiert worden. Als einen Tag später die Finanzmärkte in Asien und Europa kollabiert seien, "hatte das einen katastrophalen Effekt".

Als Zeichen dafür, wie schwerwiegend der Skandal in der Bankenszene bewertet wird, darf auch die Reaktion von Josef Ackermann gelten. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zufolge ordnete der Deutsche-Bank-Chef eine sofortige Untersuchung im eigenen Haus an: "Ist so etwas auch bei uns möglich?", wollte der Bank-Chef demnach von den zuständigen Mitarbeitern wissen. Die Frage solle schnell geklärt und vor allem eindeutig beantwortet werden.

Kerviel soll auf den Dax gewettet haben

Dabei ist noch nicht einmal genau geklärt, was bei der Société Générale überhaupt passiert ist. Nach SPIEGEL-Informationen soll Kerviel eine gigantische Wette auf den deutschen Aktienindex Dax abgeschlossen haben. 140.000 sogenannte Dax-Futures habe er gekauft, hieß es in Händlerkreisen. Dabei handelt es sich um Terminkontrakte, die an der deutsch-schweizerischen Börse Eurex gehandelt werden. Aufgrund der Verluste des Dax hätten sich aber bis Mitte Januar etwa zwei Milliarden Euro Verlust angesammelt.

Zu diesem Zeitpunkt könnten das Riesenloch und die Überschreitung von Handelslimits der deutschen Niederlassung des Finanzdienstleisters Newedge aufgefallen sein. Die Firma wickelt für die Bank die Eurex-Geschäfte ab. Jedenfalls erhielten die Pariser Bankenchefs angeblich die Alarmsignale aus Deutschland. Panisch liquidierten sie alle Kerviel-Positionen "und bauten die Verluste durch dieses unfassbare Missmanagement noch aus", glaubt ein Händler. Am Ende stand ein Verlust von rund 4,9 Milliarden Euro in den Büchern.

Gewissheit wird jedoch erst am Ende der Ermittlungen herrschen. Derzeit sichten Experten der Staatsanwaltschaft die am Vortag sichergestellten Unterlagen, die bei den Durchsuchungen der Hauptverwaltung der Société Générale und in der Wohnung von Kerviel sichergestellt haben.

Einige Analysten spekulierten außerdem, die Bank habe den Zwischenfall mit ihrem Handeln noch verschlimmert. "Das ist absurd", sagte Bouton dazu der Zeitung "Le Figaro". Jeder könne sich ausrechnen, inwieweit die französische Bank an den Entwicklungen der internationalen Finanzmärkte in den vergangenen Tagen beteiligt gewesen sei.

flo/mik/AFP/dpa/Reuters



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