Societe Generale Wie die Katastrophe ihren Lauf nahm

Ein einzelner Händler verzockt 4,9 Milliarden Euro - das gab es noch nie. Wieso versagten die Sicherungssysteme der Société Générale? Könnte das in Deutschland auch passieren? Manche Insider spekulieren nun, dass die krummen Geschäfte den Börsencrash zu Wochenbeginn ausgelöst haben.

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Berlin - Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte. Der 4,9-Milliarden-Euro-Crash bei der Société Générale beflügelt die Phantasie. In Frankfurt auf dem Börsenparkett, in Paris, auch in Davos beim Weltwirtschaftsforum, überall ist die Frage zu hören: Hat der Skandal um die französische Großbank indirekt die Börsenpanik am Montag ausgelöst? Hat ein einzelner übergeschnappter Händler namens Jérôme Kerviel am Ende die US-Zentralbank Fed zur größten Zinssenkung seit fast einem Vierteljahrhundert gezwungen?

Jérôme Kerviel: Hurrikan ausgelöst
REUTERS

Jérôme Kerviel: Hurrikan ausgelöst

Und so geht die Geschichte: Als die Société Générale am Samstag Kerviels milliardenschweres Problem-Portfolio mit vielen Dax-Zukunftskontrakten entdeckt hatte und gleich zum Handelsstart am Montag dringend loswerden wollte, sind einige unglückliche Umstände zusammengekommen. Ein riesiges Angebot, wenige Käufer (wegen des Feiertags in den USA) und eine insgesamt eher pessimistische Grundstimmung: Plötzlich kamen die Kurse ins Rutschen und setzten eine Kettenreaktion von Verkaufsorders und fallenden Kursen in Gang. Da war er, der Schwarze Montag - auf den dann am Dienstag die riesige Zinssenkung in den USA folgte.

Soweit die Legende, die nun hinter den Kulissen erzählt wird. Wohlgemerkt: Diese Version der Börsenhändler und Davos-Besucher ist Spekulation. Und in etwa so plausibel wie die Theorie vom Schmetterling, der in Japan mit den Flügeln schlägt und damit einen Hurrikan über der Karibik auslöst.

Legenden, Gerüchte, Spekulationen

Die französische Bank selbst vertritt eine ganz andere Position. Sie habe selbst "Pech gehabt", weil sie mit ihren massiven Verkaufsorders nach Entdeckung der Affäre mitten in den miesen Montag platzte, sagte Bankchef Daniel Bouton - und deshalb dummerweise einen viel größeren Verlust eingefahren habe, als er an anderen Tagen wohl gewesen wäre. In welcher Höhe Verluste erwartet wurden, als die Controller der Bank das Problem bemerkten, ist nicht bekannt. Der Wert dürfte aber deutlich geringer gewesen sein als die 4,9 Milliarden Euro, die ausgerechnet am Schwarzen Montag daraus wurden.

Welche Variante auch immer stimmt - letztlich zeigen die Spekulationen vor allem eines: den Wunsch, endlich Genaueres zu wissen über das, was da passiert ist. Wie es passieren konnte. Und vor allem: wieso keine effektive Kontrolle existiert.

Was Kerviel getan hat, ist im Grundsatz schnell erzählt: Der Mitarbeiter war auf den Handel mit sogenannten Futures spezialisiert. Futures (Zukunftskontrakte) sind sozusagen eine Wette auf die Zukunft. Man kauft zum Beispiel ein Aktienpaket, eine Währung oder eine Schiffsladung Mais zu einem Zeitpunkt X, legt aber den Preis dafür schon heute fest. Wenn der Wert bis zum Zeitpunkt X über den vereinbarten Preis steigt, macht man Gewinn. Fällt er, macht man Verluste.

Es gibt unzählige Spielarten dieser Wette: Man kann auf steigende oder fallende Preise setzen, man kann Kauf- und Verkaufsoptionen abschließen oder das ganze Geschäft gleich an andere Händler weiterreichen.

Plötzlich soll Kerviel auf steigende Kurse gesetzt haben

Kerviel hat nach Angaben des Analysten Kinner Lakhani von ABN Amro bis Ende des Jahres auf fallende Märkte gesetzt - Anfang des Jahres plötzlich auf steigende Märkte. Der Beginn des jüngsten Börsenbebens soll den Mann dann richtig in Probleme gestürzt haben. Société Générale schweigt zu solchen Details.

Klar ist: Statt sich rechtzeitig von riskanten Posten zu trennen, hat Kerviel sie irgendwo in einem verborgenen Winkel der Bank geparkt - offenbar weil er hoffte, dass seine Spekulationsverluste durch eine glückliche Fügung noch in den Griff zu bekommen wären, wenn es nur niemand mitbekommt.

Das war sein Fehler. Und niemand griff ein. Erst am Wochenende flog er auf.

Wie es dazu kommen konnte, dass ein einzelner Mitarbeiter unbemerkt ein derartiges Risiko anhäufen konnte, bleibt selbst Experten ein Rätsel. Eine Spekulation ist, dass er Lücken im Kontrollsystem ausnutzen konnte, weil er früher selbst im Middle Office der Bank beschäftigt war - das ist für die Risikokontrolle zuständig. Fest steht: "So außergewöhnlich hohe Summen hätten auf jeden Fall hochrangige Vorgesetzte absegnen müssen", sagt Börsen- und Banken-Professor Wolfgang Gerke, der selbst einst als Börsenmakler bei einer Bank gearbeitet hat.

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