Sojaanbau in Südamerika Wie der Urwald für deutsches Fleisch gerodet wird

In Südamerika werden Tausende Hektar Urwald gerodet, ein einzigartiges Ökosystem ist bedroht. Unternehmen schaffen dort riesige Flächen für den Anbau von Sojabohnen - vor allem für deutsche Fleischproduzenten.

Mighty Earth

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Riesige Rechtecke, wie eingestanzt in den Urwald des Gran Chaco, so weit das Auge reicht. Einige der gerodeten Flächen rauchen noch, Planierraupen schieben schwelende Baumstümpfe zusammen. Wie offene Wunden sehen die künftigen Plantagen aus, befreit von Bäumen, von Gürteltieren und Wildschweinen. Vorbereitet für den Anbau von Sojabohnen in gigantischen Monokulturen.

Es sind bedrückende Aufnahmen, die die US-Umweltschutzorganisation Mighty Earth mithilfe von Drohnen gemacht hat. Die Organisation hat Satellitenaufnahmen ausgewertet und ein Team nach Südamerika geschickt, um die Zerstörungen an 20 besonders betroffenen Standorten in der Region zu dokumentieren. Die Wälder und Savannen der Region Gran Chaco, nach dem Amazonas das zweitgrößte Ökosystem des Kontinents, erstrecken sich über den Norden Argentiniens, den Westen Paraguays und den Südosten Boliviens.

In den vergangenen Jahren sind Maschinen immer weiter in die Region vorgedrungen: Baumfällmaschinen, Frontlader, Planierraupen. Wohl auch für US-Großkonzerne werden hier Flächen geschaffen, um auf riesigen Feldern Soja anzubauen. In keinem anderen Gebiet weltweit geht die Umwandlung von Wald in Äcker rasanter voran als hier.

Südamerikanisches Soja für deutsches Fleisch

Weil das raue Klima des Chaco nicht optimal ist für den Anbau von Monokulturen, pflanzen die Bauern hier vor allem gentechnisch veränderte Sojabohnen. Die widerstehen nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Agrarchemikalien wie Glyphosat, die hier im großen Stil eingesetzt werden und die Grundwasser, Seen und Flüsse vergiften. Die Sojaernte landet zum größten Teil in Deutschland, als Futter für die Tiermast.

Wer in deutschen Supermärkten Fleisch kauft, bekommt zwar in der Regel ein heimisches Produkt. Die Folgen der billigen Produktion sind allerdings auch in weit entfernten Ländern spürbar. Geschädigt werden nicht nur Tiere und Pflanzen, wie der Mighty-Earth-Report zeigt, sondern auch die Menschen. Das Gift im Wasser macht vor allem die Kinder krank. Die Zahl der Neugeborenen mit Geburtsfehlern steigt ebenso wie die Krebsrate und die Zahl der Atemwegserkrankungen. Immer wieder müssen Dörfer der Ureinwohner den Plantagen weichen - häufig werden die Menschen mit Gewalt vertrieben. Es sind erschütternde Berichte, die Mighty Earth zusammengetragen hat.

Vieles davon ist bekannt, aber noch nie war es so gut dokumentiert wie in dem aktuellen Bericht - und nie gab es so einen klaren Zusammenhang mit den deutschen Sojaimporten.

Züchter und Mäster haben Deutschland zum größten Sojaimporteur Europas gemacht, im Jahr 2016 lagen die Einfuhren bei 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen und 2,8 Millionen Tonnen Sojaschrot. Den weitaus größten Teil der Lieferungen beziehen die deutschen Importeure aus Südamerika - und sie nehmen nach Recherchen von Mighty Earth auch den Löwenanteil jenes Sojas ab, für die in Argentinien und Paraguay der Gran Chaco gerodet wird.

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Sojaanbau in Paraguay: Entwaldung für deutsches Tierfutter

Diese Untersuchung von Lieferketten ist immer mühsam; kaum einer der Beteiligten möchte reden, Besitzverhältnisse von örtlichen Unternehmen oder Lagerstätten sind meist unklar. Die Großkonzerne, die das Soja weltweit kaufen und verkaufen, haben keine direkten Mitarbeiter in den entlegenen Regionen Südamerikas, Bauern oder Arbeiter sind nicht bei ihnen angestellt. Allerdings sammelten die Rechercheure vor Ort eine Kette von Indizien.

Händler, die nicht wissen wollen, woher ihre Ware kommt

Wer sich auf die Spur von Agrarrohstoffen wie Soja, Palmöl, Kakao oder Getreide begibt, gerät immer an dieselben Akteure; der weltweite Agrarhandel liegt im Wesentlichen in der Hand von nur fünf Unternehmen:

  • Archer Daniels Midland (ADM)
  • Bunge
  • Cargill
  • Louis Dreyfus
  • Wilmar

Sie sind weit mehr als reine Händler: Sie unterstützen Plantagenbesitzer mit Geld, Düngemittel oder Agrarchemikalien. Die Verbindung solcher Konzerne zu den Rodungen im Gran Chaco: Das Soja, das auf den frisch entwaldeten Flächen wächst, muss per Schiff außer Landes gebracht werden. Die Bauern vor Ort berichteten, dass fast die gesamte Ernte über die Flusshäfen der argentinischen Städte Rosario und San Lorenzo verschifft wird.

Mittelsmänner transportieren das Soja zu diesen Hafenstädten, von ihnen haben die Mighty-Earth-Mitarbeiter erfahren, wer angeblich den Hauptteil Lieferungen aufkauft: Es sind die Firmen Bunge und Cargill, zwei Giganten mit zusammen mehr als 180.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar. Sie unterhalten Silos und andere Hafeneinrichtungen in Rosario und San Lorenzo - fast das gesamte direkt von Argentinien nach Deutschland importierte Soja kommt aus diesen Häfen.

Wer die Eigentümer der gigantischen Sojaplantagen sind, ist dagegen unklar, die Rechercheure trafen vor Ort keinen der Besitzer an. Die meisten Farmen gehören demnach ausländischen Konzernen oder Firmen mit Sitz in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

Mit den Recherchen konfrontiert, teilte Bunge mit, das Unternehmen habe keine Aufzeichnungen über Ankäufe bei den von Mighty Earth befragten Landwirten. Cargill antwortete, es sei unwahrscheinlich, dass seine Silos von den von der Organisation besuchten Orten beliefert würden, weil die Verarbeitungsanlagen nicht in der Nähe lägen. Beide Firmen haben sich öffentlich zu "Null-Entwaldung" in ihren Lieferketten verpflichtet, auf die Frage nach der Rückverfolgbarkeit gaben aber weder Cargill noch Bunge Antworten, die erkennen ließen, dass sie über vollständige Informationen über Standorte und Herkunft des Sojas in ihrer Lieferkette verfügten. Dazu sind sie aber auch nicht verpflichtet.

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Sojaanbau in Argentinien: Hier wird Urwald für den Sojaanbau gefällt

Nichts müsste gerodet werden - es gibt genug Flächen

Ob Ausrede oder Tatsache: Die mangelnde Transparenz der weltweiten Lieferketten ist immer wieder der Grund dafür, dass sich niemand für Umweltzerstörungen oder Menschenrechtsverletzungen verantwortlich fühlt. Ob Bananen, Kaffee oder Kakao, Kleidung, Kobalt oder Gold: Kein Unternehmen wird belangt.

Dabei wäre zumindest die Abholzung laut Mighty Earth vermeidbar: Flächen von insgesamt mehr als 650 Millionen Hektar in Lateinamerika seien bereits gerodet, dort könnten die Konzerne Soja anbauen, ohne weitere Ökosysteme zu zerstören. Und deutsche Unternehmen, so die Argumentation der Organisation, hätten die Macht, das durchzusetzen: Würden sie, als größte Abnehmer in Europa, keine Rohstoffe aus Entwaldung kaufen, hätte das eine enorme Wirkung.

Die großen Fünf, die zwei Drittel des deutschen Lebensmitteleinzelhandels kontrollieren - Edeka, Lidl/Kaufland, Rewe/Penny, Aldi und Metro/Real - sind sich der Folgen negativer Nachrichten durchaus bewusst. Und sie haben, gemeinsam mit den Tierfutterproduzenten als Großabnehmer, eine gewisse Machtposition gegenüber der Sojaindustrie. Mit den Recherchen im Gran Chaco konfrontiert, zeigen sich die Unternehmen betroffen und verweisen darauf, dass sie sich bereits mit dem Thema Null-Entwaldung und Nachhaltigkeit in ihrer Lieferkette beschäftigen.

Druck zeigt in Brasilien Wirkung

Einen zaghaften Schritt haben mehr als dreißig deutsche Händler, Futterhersteller und Fleischproduzenten bereits unternommen: Gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband und der Bundesregierung veröffentlichten sie im vergangenen Herbst ein Positionspapier. Darin verpflichteten sie sich zu nachhaltiger Fütterung - und damit auch zu umweltschonend angebautem Soja.

Der Haken: Weder verpflichteten sich die Unternehmen auf einen gemeinsamen Standard, noch implementierten sie eine echte Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette.

Dabei gibt es im brasilianischen Amazonasgebiet bereits ein Vorbild, dort ist eine funktionierende Waldüberwachung installiert. Die Ausweitung auf die anderen Soja produzierenden Regionen Lateinamerikas, einschließlich des Gran Chaco, würde laut Mighty Earth weniger als eine Million Dollar kosten.

Im brasilianischen Amazonasgebiet zeigte der Druck Wirkung: Es waren auch die Kunden in Deutschland, die die großen Agrarhandelsunternehmen dazu brachten, keine Rohstoffe mehr von Farmern zu kaufen, die an Abholzung beteiligt sind. Der Erfolg war groß, die Rodung von Flächen für den Sojaanbau stoppt fast vollständig. Nur die zwei Branchenriesen Bunge und Cargill machten weiter: Sie erkundeten weitere unberührte Waldgebiete, im brasilianischen Cerrado, im bolivianischen Amazonasgebiet und eben im Gran Chaco in Argentinien und Paraguay.

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Seite 1
fettdeckel 26.03.2018
1. Rindfleisch
Auch wenn sich die Umweltschützer momentan auf Stickoxid einschießen und CO2 nicht mehr ganz "im Trend" ist: Mehr als 50% des weltweiten CO2s werden direkt oder indirekt durch Rindfleischproduktion, vor allem in Südamerika, in die Atmosphäre geblasen. Autos (inklusive LKWs usw) machen dagegen weniger als 8% aus. Das ist tatsächlich mal ein vernünftiger Grund weniger Fleisch zu essen (man muss ja nicht gleich Veganer werden...). Es gibt einer super Dokumentation namens "Cowspiracy" zu dem Thema.Vielleicht sollte man sich mal in diese Richtung engagieren anstatt sich mit Autos zu beschäftigen, die verschrottet und gegen neue Modelle ausgetauscht werden, die ein kleines bischen weniger Abgase produzieren. Nicht, dass das nicht gut wäre, aber der positive Effekt, der darauf für die Umwelt entsteht, ist minimal.
remcap 26.03.2013
2.
Eher für den Umschlagsplatz in Deutschland würde ich sagen, wo diese dann in Europa weiter verteilt wird. Aber jetzt nur Deutschland als den Einzigen Verbraucher darzustellen, ist so nicht richtig. Die Kunst liegt doch darin genau Herauszufinden wer für wen Produziert und wer die Eigentümer dieser Plantagen in Südamerika sind. In diesem Fall macht man es sich aber sehr einfach, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.
bigroyaleddi 26.03.2018
3. Es ist eine Ungeheuerlichkeit!
Da dachte ich, die schlimmsten Zustände - gerade bei den Urwqldrodungen hätte man schon gehört - da muss ich feststellen, dass alle Schreckensmeldungen aus der Vergangenheit immer wieder getoppt werden können. Um das noch mal ganz klar herauszustellen: hier arbeiten Multinationale kapitalistische Monopolisten an Gewinnmaximierung unter bewusster Inkaufnahme von Umweltzerstörungen, Umweltvergiftungen und Vertreibungen. Und das schärfste ist, unsere deutsche und europäische Landwirtschaft wird durch diese Handslungsstränge dabei auch noch erheblich unter Preisdruck gesetzt. Wie lange wollen wir uns eigentlich diese Sauereien noch gefallen lassen? Wenn diese Unternehmen so weitermachen können wie bisher, dann können wir uns auch alle Klimavereinbarungen irgendwo hinschieben. Das ist ein globaler Angriff auf die Menschheit unter dem Mäntelchen der billigen Verfügbarkeit von Fleisch. Das ist eine Steilvorlage für Vegetarier und Veganer. Ich hoffe, die nutzen das auch entsprechend.
C-Hochwald 26.03.2018
4. Ist das so?
Ich stelle die Aussage infrage, daß der Urwald hauptsächlich für das Viehfutter deutscher Fleischproduzenten gerodet wird! Ich habe das Gefühl, daß dies ein tendenziöser Beitrag ist, mit dem Ziel der Erziehung zu fleischloser Ernährung, mittels der Schaffung eines schlechten Gewissens bei uns Lesern. Ich kann nicht überprüfen, ob die Behauptungen des Artikels stimmen, muß sie glauben oder auch nicht. Die Medien sind voll von Artikeln, die das Verhalten der Menschen anprangern. Wenn ich mir überlege, für was ich als einzelner Mensch alles mitschuld sein soll, und mein Verhalten ändern soll, dann kann ich nur sagen SCHLUSS! Lasst mich mit eurem Negativjournalismus in Ruhe!
Sakuraba 26.03.2018
5. Ist doch alles längst bekannt!
Als ob das eine neue Nachricht ist. Jeder der sich minimal mit dem Thema beschäftigt weiß das schon. Aber den Verbrauchern ist das egal, hauptsache das Fleisch ist schön günstig, damit man im Idealfall zwei bis drei Mal am Tag Fleischprodukte zu sich nehmen kann.
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