Solarenergie: Jeder ein kleiner Sonnenkönig

Aus San Francisco berichtet Klaus Werle

Ein deutsches Solar-Start-up macht Energiesparen kompatibel für Social Networks. Nutzer sollen sich einen Wettbewerb liefern: Wer verbraucht am wenigsten Strom? Vorgestellt wurde die Firma Changers allerdings in Kalifornien - da gibt's mehr Sonne und mehr Begeisterung als in Deutschland.

Solarenergie: Jeder ein kleiner Sonnenkönig Fotos
Klaus Werle

Das Palace-Hotel in Downtown San Francisco ist ein ehrwürdiger Ort, mehr als hundert Jahre alt, dicke Teppiche, Kronleuchter. Darunter sitzt Hans Raffauf, Jeans, Holzfällerhemd, zerstrubbelte Haare und Mitgründer der Start-up-Firma Changers. Anfang vergangenen Jahres wurde das Solarunternehmen in Berlin gegründet; aber der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt hat Raffauf es zuerst hier.

Nicht in Berlin, wo sich seit einigen Jahren eine rege Gründer-Community entwickelt; nicht in Deutschland, auf dessen Atomausstieg und Energiewende die Welt gebannt schaut. Sondern in Kalifornien, where it never rains, und auch jetzt, im Herbst, die Sonne kräftig vom Himmel strahlt.

Sonne ist nicht ganz unwichtig für Changers. Die Firma vertreibt ein handliches, etwa DIN-A4-großes Solarmodul namens "Maroshi", das pro Stunde vier Watt an Strom erzeugt. Der wird gespeichert in einer Batterie namens "Kalhuohfummi", mit der sich vom iPad über Android-Handys bis hin zur Playstation rund tausend Smartphones und Tablets aufladen lassen. "Jeder soll selbst Energie produzieren können und so ein ganz anderes Bewusstsein für den eigenen Verbrauch entwickeln", sagt Raffauf.

So weit, so tekkie. Klar, Modul und Batterie lassen sich wunderbar auf Outdoor-Trips nutzen, aber von den 4000 Kilowatt-Stunden, die ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt im Jahr an Strom verbraucht, machen Handys und Tablets deutlich weniger als ein Prozent aus.

Nur: Bei Changers, das vom Solartechnik-Unternehmen Centrotherm unterstützt wird, geht es nicht in erster Linie um Technik, noch nicht einmal um Energie. Die vier Gründer - neben Raffauf noch Markus Schulz, Daniela Schiffer und Dirk Gamboa Tuesta - planen eine Art grünes soziales System. "Um wirklich etwas gegen die Erderwärmung zu tun, muss man beim Endkunden beginnen", sagt Schulz, ein Werbefachmann, der vor Changers für diverse Solarfirmen PR machte.

Jeder sein eigener Sonnenkönig

Eines Abends im Januar vergangenen Jahres saß er mit Schiffer und Gamboa Tuesta in seinem Wohnzimmer. Das Gespräch kreiste um die großen Erfindungen - Telefon, Computer - und wie sie immer kleiner wurden, ein immer selbstverständlicherer Teil des Alltags. "Lass uns mal Aldi denken", sagte Schulz. Die Solarwelt müsste sich demokratisieren, Solarmodule ein Konsumentenprodukt werden, massentauglich. Jeder sein eigener Sonnenkönig.

Der Aldi-Teil von Changers steckt in der Kalhuohfummi-Batterie. Sie misst, wie viel Energie erzeugt wurde und lädt die Daten auf die Plattform der Firma. Dort kann jeder Nutzer sehen, wie viel Energie er durch die Sonnenkraft gespart und wie viel CO2 er vermieden hat. Für die Einsparungen gibt es Bonuspunkte, die man dann wieder bei Partnerfirmen einlösen kann, etwa bei einem Unternehmen, das Produkte aus recycelten Materialien verkauft.

Den meisten Nutzern aber dürfte eine andere Sache wichtiger sein: Sie können ihre Zahlen via Facebook oder Twitter mit den Ergebnissen von Freunden vergleichen, von Nachbarn, der Stadt, dem ganzen Land. "Die Menschen mögen Wettbewerb, und hier können sie für etwas Nachhaltiges konkurrieren", sagt Kushtrim Xhakli, der den Bereich "Digitale Medien" im Unternehmen verantwortet.

Stromsparen soll raus aus der wollsockigen Ecke und rein in die hippe Social-Media-Arena. Ein spielerischer Wettkampf, wie gemacht für die grün-lackierten Altbauviertel in Berlin-Prenzlauer Berg und Hamburg-Eimsbüttel. Gesellschaftlicher Druck? Aber bitte gerne! "Wie viel Kilowatt man eingespart hat, sollte im sozialen Netzwerk bald genauso wichtig sein wie die Zahl der Follower auf Twitter", sagt Xhakli.

Das ist der zweite, vielleicht wichtigere Grund, warum Changers an der Westküste, direkt am Silicon Valley, vorgestellt wurde: Hier sind die sogenannten early adopters alle an einem Platz, also die Kunden, die bei neuen Produkten früh zugreifen. Das Faible für spielerische Gadgets und Öko-Technik ist groß, die Menschen aus Prinzip begeistert von Neuem. Als erste Kundin für das 149 Dollar teure Starter-Kit konnten die Deutschen gleich Netz-Expertin Mary Meeker von einer einflussreichen Venture-Capital-Firma gewinnen.

"Sonnenwärme nicht die rentabelste erneuerbare Energie"

Im Frühjahr will Changers offiziell in Deutschland starten; innerhalb der nächsten zwei Jahre will das Unternehmen, das derzeit 25 Mitarbeiter hat, profitabel werden. Auch wenn wenige Tage nach dem US-Start noch keine Zahlen über Nutzer und Umsätze vorliegen - das Ziel ist ehrgeizig. "Sonnenwärme ist längst nicht die rentabelste Form erneuerbarer Energien und der Markt ist stark unter Druck", sagt Jürgen Scheurer vom Energie-Verbraucherportal Verivox. "Das größte Potential liegt immer noch in der Energieeffizienz, wo jeder Einzelne viel einsparen kann."

Um Erfolg am Markt zu haben, ist Changers darauf angewiesen, dass möglichst schnell möglichst viele Energiesparen tatsächlich als sozialen Wettbewerb begreifen - und auch mögen. 149 Dollar für eine Changers-Ausstattung ist dafür allerdings keine geringe Hürde - es gilt eine ganze Menge Handys aufzuladen, um den Preis wieder hereinzukriegen. Auch ist die Produktion von Modul und Batterie noch nicht CO2-neutral. "Wir arbeiten daran", sagt Raffauf. Irgendwann soll es vielleicht auch möglich sein, andere Geräte wie Fernseher oder Klimaanlagen über die Solarbatterie aufzuladen.

In einer Sache jedoch ist Changers-Gründer Schulz jeder Konkurrenz weit voraus: Lange suchte der Werber nach dem passenden Namen für sein Produkt. Nun sind "Maroshi" und "Kalhuohfummi" zwar nicht gerade ein Muster an Eingängigkeit, doch sie erzählen eine Geschichte: Maroshi ist der Name einer Malediven-Insel. Im Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal befand sich hier ein wichtiger Hafen für das Schiff "Kalhuohfummi", das in den Kämpfen eine entscheidende Rolle spielte.

Heute sind die Malediven erneut bedroht, nicht von den Portugiesen, aber von Erderwärmung und steigendem Meeresspiegel. "Maroshi" und "Kalhuohfummi" müssen wieder an die Front. Marketing-Mann Schulz scheint sein Handwerk zu verstehen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ach wie putzig.
pudel_ohne_mütze 21.11.2011
Zitat von sysopEin deutsches Solar-Startup macht Energiesparen kompatibel für Social Networks. Nutzer sollen sich einen Wettbewerb liefern: Wer verbraucht am wenigsten Strom? Vorgestellt wurde die Firma "Changers" allerdings in Kalifornien - da gibt's mehr Sonne und mehr Begeisterung als in Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,794981,00.html
Und allen diesen kleinen Sonnenkönigen in Deutschland finanziert der dämliche Stromverbraucher ihr kleines Königreich. Die so gespeckte Solarindustrie dankt von Herzen.
2. ..
sailor888 21.11.2011
"Solarmodul namens "Maroshi", das pro Stunde vier Watt an Strom erzeugt" Frage an den Redakteur: Wieviel PS hat ihr Auto pro Stunde? einfach mal nach Leistung und Energie googeln!
3. .
BesserNicht 21.11.2011
@sailor888: ist doch ganz einfach: Wenn man nach einer Stunde 4 Watt hat dann hat man 2 Stunden logischerweise 8 Watt. Wartet man nur lange genug, hat man ein Kraftwerk im Megawattberreich. Wartet man noch länger ist das Energieproblem der Menschheit praktisch gelößt. Und das alles auf einem DIN A4 Blatt. KLasse...
4. ++
Incubus6 21.11.2011
Ich seh schon die Cleveren, die dann die Dinger vor die 100 Watt Birne halten um zu "punkten". :-)
5. „Des Brot ich ess, des Lied ich sing…“
karlgutknecht 21.11.2011
Gibt es da etwa einen Zusammenhang zwischen der Werbung auf der SPIEGEL ONLINE Seite „Mit der Sonne Geld verdienen“ und die Lobgesänge auf den Solarwahnsinn? Reichen meine Herren SPIEGEL Redakteure nicht schon 100 Milliarden Euro an Einspeisegebühren, die größte Vermögungsumverteilung innerhalb Deutschlands in der Nachkriegsgeschichte von „unten nach oben“ nicht aus, diesem Wahnsinn der Solarlobpreisung und der indirekten Subventionierung einmal Kritsch zu hinterfragen. Ist es nicht schlimm genug, das die Bevölkerung noch immer mit dem Begriff „Zukunftstechnologie für Deutschland“ getäuscht wird, obwohl die Marktführer sowohl bei Wind- wie auch bei der gepriesenen Solarindustrie zu überwältigen Anteil aus der VR-China kommen. Reicht es nicht, dass nun auch noch der SPEIGEL eine Technologie befeuert, die die kommunalen Netzte, sowie Steuerungssysteme der Industrie und der öffentlichen Hand, die auf die stabile Netzfrequenz von 50 Hz abstellen, zum kollabieren bringen? Obwohl gerade die Solarenergie nur etwa einen lächerlichen durchschnittlichen Beitrag von 2-3 % zur Stromversorgungen dieser viergrößten Volkswirtschaft beiträgt? Gibt es nicht eine Verantwortung der Medien, gerade die des SPIEGELs hinter dem Geschwafel der Gutmenschen der GREEN Energy, die wahren Absichten der Solarlobby deutlich zu machen? Ist es nicht die Pflicht der Medien die Wege aufzuzeigen, wo die persönliche Zuwendungen der Solarunternehmen an die entscheidenden Stellen des Parlaments stattfinden, nicht zum Vorteil der Umwelt, sondern ganz eindeutig zum Vorteil einiger Weniger Unternehmen aus dem Dunstkreis der GRÜNEN Partei? „Des Brot ich ess, des Lied ich sing…“ Rudolf Augstein würde sich im Grab umdrehen meine Damen und Herren der SPIEGEL Redaktion.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Solarenergie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Fotostrecke
Grafikstrecke: Der weltweite Solarmarkt

Eckpunkte der Solarförderung
Die Koalition hat sich auf ein Paket geeinigt, mit dem die Förderung von Solarstrom gekürzt werden soll - die Eckpunkte im Überblick (Stand: 22. Juli 2010)
Dachanlagen
Etwa 80 Prozent aller Solaranlagen in Deutschland sind auf Dächern installiert. Ihre Förderung zum 1. Juli um 13 Prozent sinken und zum 1. Oktober noch einmal um drei Prozent. Faktisch ist die Kürzung durch die höhere Förderung des Eigenverbrauchs allerdings weit niedriger.
Eigenverbrauch
Solarstrom, der selbst verbraucht wird, wird um acht Cent besser vergütet als ins Netz gespeister Strom - sobald die Jahres-Stromerzeugung 30 Prozent überschreitet. Die faktische Förderkürzung sinkt dadurch deutlich.

Betroffen sind fast alle Anlagen: Die Regelung gilt bis 500 Kilowatt. Eine durchschnittliche Dachanlage hat eine Leistung von fünf Kilowatt, das Fußballstadion Letzigrund in Zürich kommt auf 223 Kilowatt. Die Eigenverbrauchsförderung ist zunächst bis Ende 2011 befristet.
Ackerflächen
Die Förderung entfällt ab Juli 2010, um eine Konkurrenz zum Lebensmittelanbau zu verhindern.
Freiflächen
Die Kürzung für Solarparks soll ab dem 1. Juli um zwölf Prozent sinken und ab dem 1. Oktober um weitere drei Prozent.

Auf Konversionsflächen wie Mülldeponien, alten Industrie- oder Gewerbeflächen oder Militärgeländen ist die Kürzung geringer, da Investoren wegen der Beseitigung von Altlasten höhere Aufwendungen haben. Sie beträgt zum 1. Juli elf Prozent und zum 1. Oktober noch einmal drei Prozent.
Deckelung ab 2011
Ab Anfang 2011 wird von einem Zubau von 3500 Megawatt ausgegangen - bei diesem würde die Förderung um weitere neun Prozent gekürzt. Bei Zielüberschreitung verschärft sich die Förderkürzung alle 1000 Megawatt um ein weiteres Prozent. Sprich: Ab 4500 Megwatt beträgt sie 10 Prozent, ab 5500 Megawatt 11 Prozent, etc. Bleibt der Zubau unter der Zielmarke von 3500 Megawatt, wird die Förderkürzung abgemildert. Sie kann damit 2011 zwischen 6 und 13 Prozent schwanken.
Deckelung ab 2012
Auch für 2012 wird von einem Zubau von 3500 Megawatt ausgegangen. Bei Zielüberschreitung verschärft sich die Förderkürzung alle 1000 Megawatt um drei Prozent. ssu
Fotostrecke
Energie-Gadgets: Rucksack, Schiff, Solar-Gorilla

Prognosen: So viele Solaranlagen werden 2010 in Deutschland gebaut
Institut Funktion Prognose
iSuppli US-Marktforscher 6600 Megawatt
Oliver Wyman Unternehmens- beratung 6000-7000 Megawatt
Solarbuzz US-Marktforscher 8000 Megawatt
"Photon" Solar-Fachmagazin 8800 Megawatt
UBS Bank 10.000 Megawatt
Alle Prognosen stammen aus der ersten Jahreshälfte
Fotostrecke
Grafiken: Wie Öko- und Atomstrom konkurrieren