Solarenergie Projekt Sahara-Sonne

Ein internationales Konsortium plant die Wüste als Energiequelle zu erschließen: Die Konzerne wollen Milliarden investieren - und die Sahara mit Solarkollektoren pflastern. Die Technologie ist erprobt. Dennoch ist das Projekt Desertec ein Vabanquespiel mit vielen Unbekannten.

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Hamburg - Die Vision ist so attraktiv wie schillernd: Es geht um die Nutzung der brennenden Sahara-Sonne als Energiequelle für Afrika und Europa. Um ein Projekt, das, sollte es Wirklichkeit werden, allein durch sein schieres Ausmaß zum Weltwunder werden kann. Es geht um die Unabhängigkeit von Öl, Kohle und Gas, von Petrokratien wie Russland, die ihre Energie schon öfter als Druckmittel eingesetzt haben, um eigene Interessen durchzusetzen.

Die Energie-Utopie funktioniert so: Durch den Bau riesiger Sonnenkraftwerke in der nordafrikanischen Wüste soll nahezu unbegrenzt Energie produziert werden, CO2-neutral und zu stabilen Preisen. Das Projekt trägt den Namen Desertec - es steht für einen nicht ganz neuen Gedanken: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat die Technologie schon 2005 auf ihre Machbarkeit überprüft - mit positivem Ergebnis (siehe Info-Box).

Vier Jahre später nun steigen die Chancen, dass das Projekt Sahara-Sonne bald Realität wird. Mindestens 15 große Konzerne und Institutionen haben sich zusammengeschlossen und wollen die Finanzierung und Durchführung des ambitionierten Energiekonzepts prüfen.

Strom aus der Wüste
Sonnenkraft
Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.
Desertec-Konzept
Würde man auf etwa 20.000 Quadratkilometern der nordafrikanischen Wüste Solarthermie-Kraftwerke aufstellen, ließe sich daraus theoretisch so viel Strom gewinnen, um den Bedarf Europas zu decken. Der gewonnene saubere Strom würde mit Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen nach Europa transportiert werden.
Solarthermie
Das Prinzip kennt jeder, der einmal mit einem Brennglas Löcher in Papier gebrannt hat: Gebündelte Sonnenstrahlen, von Parabolrinnen-Spiegeln konzentriert, erhitzen Wasser, Dampf treibt Turbinen an, und die erzeugen Strom. So funktioniert ein Solarthermie-Kraftwerk. Auch bei Nacht: In Salzspeichern kann die am Tag erzeugte Wärme für einige Stunden festgehalten werden. So können die Turbinen auch laufen und Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technologie ist alt und bewährt: In Kalifornien erzeugen Solarthermie-Kraftwerke seit den achtziger Jahren Strom. In Südspanien wurden kürzlich drei neue Kraftwerke gebaut.

Solarthermie hat Vorteile gegenüber Photovoltaik: Sie ist günstiger und nicht so wartungsintensiv. Außerdem benötigen Solarzellen teure Speicher für den Strom, um eine Versorgung bei Nacht zu gewährleisten. Dafür produzieren Solarzellen direkt Strom, wohingegen mit Solarthermie der Umweg über Wärme und Turbinen gegangen werden muss.
Versorgungssicherheit
Nachts scheint keine Sonne, in Flüssigsalz-Speichern kann man einen Teil der tagsüber solarthermisch erzeugten Wärme aber chemisch speichern - derzeit bis zu acht Stunden lang. So können die Turbinen auch nachts laufen, die Stromversorgung ist durchgehend gesichert.
Leitungsnetz
Um den Strom über eine Distanz von 3000 Kilometern nach Europa zu transportieren, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen (HVDC). Normale Wechselstrom-Leitungen sind zu verlustreich. HVDC-Leitungen haben einen Verlust von etwa drei Prozent auf 1000 Kilometern. Auch diese HVDC-Technologie ist vorhanden und erprobt.
Kosten
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat in einer Machbarkeitsstudie errechnet, dass bis zum Jahr 2050 etwa 400 Milliarden Euro nötig wären, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. 350 Milliarden Euro würden die Kraftwerke kosten und etwa 50 Milliarden Euro das Leitungsnetz, um den Strom von Nordafrika nach Europa zu transportieren.
Vorteile
Solarthermie ist Low-Tech - zuverlässig und risikofrei. Die Kraftwerke können nicht explodieren, es entsteht kein radioaktiver Abfall oder klimaschädliches CO2 und man braucht keine Kohle, kein Öl und kein Uran, um sie zu betreiben. Geht ein Spiegel-Modul kaputt, wird es einfach ausgetauscht - der Betrieb des Kraftwerks ist nicht gestört. Ein weiterer großer Vorteil: Baut man die Kraftwerke in Küstennähe, könnten mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben werden und dringend benötigtes Wasser für die nordafrikanischen Länder produziert werden. Politisch und wirtschaftlich gesehen könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas auf dem Exportgut sauberer Strom eine solide Wirtschaft und Wohlstand aufbauen.
Nachteile
Kritiker sehen die Gefahr von Abhängigkeit von den politisch eher instabilen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zudem könnte das Leitungsnetz Ziel von Terroristen sein - die Stromversorgung Europas wäre im Falle eines Anschlags gefährdet. Politische Hürden bestehen vor allem darin, dass für eine Umsetzung des Desertec-Konzepts die Zusammenarbeit sowohl vieler europäischer Staaten untereinander erforderlich ist als auch mit Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Beziehungen sind allerdings historisch belastet.
"Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat einen Workshop zusammen mit der Münchner Rück vor einem Monat geplant, wie man Desertec umsetzen könne", erläutert DLR-Energieexperte Hans Müller-Steinhagen. Anschließend sei verschiedenen Konzernen angeboten worden, sich an dem Zukunftsprojekt zu beteiligen - unter anderem allen großen Energieversorgern.

Am 13. Juli nun trifft sich das Konsortium zu seiner konstituierenden Sitzung. Nach Agenturberichten und Angaben von Branchen-Insidern haben bisher folgende Konzerne, Personen und Institutionen ihre Teilnahme zugesagt:

  • die Münchener Rück,
  • der Technologiekonzern Siemens,
  • die Deutsche Bank,
  • die Energiekonzerne E.on und RWE,
  • der Branchenspezialist Schott-Solar,
  • der deutsche Außenstaatsminister Günter Gloser
  • italienische und spanische Unternehmen und
  • ein Vertreter der Arabischen Liga.

Die Reaktionen auf das Treffen sind weitgehend positiv. Green-Tech-Spezialisten begrüßen die Pläne. Sie fordern Berlin und Brüssel auf, das Projekt zu unterstützen - unter anderem mit einer Anschubfinanzierung und einer Einspeisevergütung für Wüstenstrom. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse dieses Thema zudem auf die Agenda des G-8-Gipfels im Juli bringen, fordert etwa Greenpeace.

Auch Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen im Bund, lobt das Modell, wirft der Industrie aber gleichzeitig vor, die Öko-Revolution verschleppt zu haben. Schon zu seiner Zeit als Bundesumweltminister hätten Forschungen ein "gigantisches Potential zur solaren Stromerzeugung" im Mittelmeerraum offenbart.

Vabanquespiel mit vielen Unbekannten

Die Teilnehmer des Desertec-Konsortiums selbst warnen indes vor verfrühter Euphorie. Denn die Vision des Projekts Sahara-Sonne mag beeindruckend sein - ob und wie sie genau realisiert wird, ist zur Stunde weitgehend unklar. Schwerpunkt des geplanten Konsortiums sei eine "vertiefte Prüfung und Machbarkeitsstudie", sagte ein RWE-Sprecher. Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte, das Projekt sei grundsätzlich sehr interessant, betonte aber, es gebe noch keine konkreten Abmachungen.

Ein Münchener-Rück-Sprecher sagte, die Rollenverteilung und die Finanzierung des Projekts seien noch völlig offen. Ziel sei es, innerhalb von drei Jahren einen konkreten Umsetzungsplan für den Bau solarthermischer Kraftwerke zu entwickeln. Denkbar seien Solarkraftwerke an mehreren Standorten in Nordafrika.

Fest steht bislang nur: Die Technologie, die das Konsortium einsetzen will, ist relativ erprobt. In Spanien und in der kalifornischen Mojave-Wüste werden bereits erfolgreich solarthermische Anlagen betrieben. "Wir reden über Technologie, die seit den achtziger Jahren weitgehend störungsfrei im Einsatz ist", sagt ein Sprecher von Schott-Solar.

Auch ein Kostenvoranschlag für das Projekt existiert. Nach Schätzungen des DLR würde bis zum Jahr 2050 eine Investitionssumme von insgesamt 400 Milliarden Euro anfallen - 350 Milliarden für die Solarthermie-Kraftwerke, 50 Milliarden für das Leitungsnetz. Durch Inflations-Effekte könnten die Kosten nach DLR-Schätzungen zusätzlich steigen.

Auf über mehr als 40 Jahre gerechnet fällt so für die Investoren eine riesige Summe an, und bislang ist unklar, wie diese finanziert werden soll.

Branchenkennern zufolge spekulieren einige künftige Mitglieder des Desertec-Konsortiums schon auf Staatshilfen. Tatsächlich ist es ihnen nach aktuellen EU-Richtlinien ausdrücklich erlaubt, Fördergelder für Energie-Projekte außerhalb des alten Kontinents zu beantragen. Unterstützung gewährt die EU beispielsweise bis Ende 2016 für den Bau von Stromleitungen.

In Deutschland hätten es Konzerne dagegen schwer, an Fördergelder zu kommen. "Eine Finanzierung über Kapital, das im Rahmen des Erneuerbaren Energiegesetzes gewährt wird, fällt weg", sagt Wolfram Krewit vom DLR. Diese würde nur für inländische Projekte gewährt. "Es gibt aber bereits Diskussionen, Förderkonzepte für Energieimport auf der Basis des EEG zu entwickeln."

Keine energiepolitische Kolonisierung

Die eigene Energiebilanz könnte die EU durch das Projekt Desertec deutlich verbessern. Nach Angaben der Münchner Rück soll Europa 15 Prozent seines Strombedarfs aus den Wüsten-Kollektoren speisen.

Die aktuelle Darstellung des Energie-Konsortiums legt den Schluss nahe, dass Europa Afrika sozusagen energiepolitisch kolonisiert. DLR-Experten halten das für irreführend: "Das Konzept dient vor allem auch dazu, dass die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens ihren wachsenden Strombedarf auf nachhaltige Weise decken", sagt Franz Trieb, der zusammen mit Müller-Steinhagen das Konzept erarbeitet hat.

Weitgehend einig sind sich die Experten indes darüber, dass der Wüstenstrom gute Verkaufschancen hat. Nach Berechnungen des Branchen-Magazins "Photon" dürfte Solarstrom aus der Wüste im Jahr 2020 in Deutschland etwa sechs Cent pro Kilowattstunde kosten - durchgehend, denn sind die Anlagen einmal errichtet, bleiben die Kosten der Energieerzeugung stabil.

Im internationalen Wettbewerb könnte der Wüstenstrom damit gut bestehen: Aktuell schwankt der Preis für eine Kilowattstunde regulären Stroms an Energiebörsen zwischen 2,5 und fünf Cent - und das sind Niedrigpreise. "Und fast alle Experten gehen davon aus, dass die Energiekosten in den kommenden Jahren deutlich steigen werden", sagt "Photon"-Sprecher Bernd Schüßler.

Wer jetzt in Solarstrom investiert, könnte also schon bald Milliarden verdienen - viele Arbeitsplätze in Deutschland schafft er allerdings nicht. Branchenspezialisten gehen davon aus, dass nur die Prototypen für Desertec in Europa hergestellt werden, Massenprodukte dagegen in Niedriglohnländern.



Forum - Öko-Strom - schafft Deutschland die Energiewende?
insgesamt 13053 Beiträge
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Seite 1
founder 18.07.2008
1. Was soll sonst die weltweiten Energieprobleme lösen
Zitat von sysopIn diesem Jahr soll Deutschlands erster Meeres-Windpark ans Netz gehen. Kann Ökostrom das weltweite Energieproblem lösen?
Nur mit Sonne und Wind gibt es ausreichend Energie. Lithium als der Energiespeicher für den Tag/Nacht Ausgleich Wasserstoff als der Energiespeicher für den Sommer/Winter Ausgleich Es ist absolut nicht nötig die Erdölländer anzuwinseln wie der letzte Junkie auf Entzug seinen Dealer anwinselt (http://politik.pege.org/2008/oelkonferenz-140.htm). Frau Merkel hat offensichtlich vergessen, was Sie am 13. Sptember 2007 auf der IAA in Frankfurt (http://politik.pege.org/2007-forum-d/angela-merkel-co2-auto.htm) getan hat. Deswegen mußte ich Ihr schon eine Gedächtnisstütze (http://politik.pege.org/2008-d/gedaechtnisstuetze.htm) geben Erdöl kann mit Strom ersetzt werden, hier die Tabelle über den jeweiligen Aufwand (http://wohnen.pege.org/2008-energie/oel-ersetzen.htm) Man kann heute schlüsselfertige Photovoltaikfabriken kaufen (http://wohnen.pege.org/2008-intersolar/photovoltaikfabriken.htm). Ein Interview mit Applied Materials ergab: Mein im Szenario Kriegswritschaft (http://wohnen.pege.org/2008-energie/kriegswirtschaft.htm) angestrebter Ausbau der Weltproduktion auf 1000 GW pro Jahr in wenigen Jahren ist machbar.
rolli 18.07.2008
2.
Zitat von sysopIn diesem Jahr soll Deutschlands erster Meeres-Windpark ans Netz gehen. Kann Ökostrom das weltweite Energieproblem lösen?
Wir haben doch viel grössere Probleme als die Energiewende. Wie schafft es die CDU 40+x % zu bekommen, wie grenzt sich die SPD gegen die Linke ab und wie verschleiere ich eine Verschlechterung als einen guten Kompromiss. Energiewende? Warum Wende? Wie immer: Die Menschen werden längst die Wende geschafft haben, bevor die Politik auch nur das Priblem erkennt. Ich gebe founder recht: Wir werden das schaffen.
xebudig 18.07.2008
3. Im Prinzip Ja - aber von ein paar Illusionen muss man sich trennen
Ein Mensch der auch nocht Rechnen kann statt schöne Worte zu machen, hat hier die alternativen zusammen getragen. http://www.withouthotair.com/ Ach ja, mit Photovoltaik wird es nicht funktionieren. Man muss schon in ein bißchen größeren Maßstäben und Deutschland hinaus denken. Aber unsere Oköfreaks können ja nicht einmal über ihren Vorgarten hinaus denken. Allen die keine mathematischen Analphabeten sind kann man das Buch nur empfehelen.
EchtKroko 18.07.2008
4. Geiz ist geil, rechnen doof
Photovoltaik, Solarthermie und Holzzentralheizung funktioniert bei mir - seltsamerweise sehr gut. Mein Lap und der Desktop laufen von morgens bis abends.... K
founder 18.07.2008
5. Warum es nicht funktioniert kannst Du sicher vorrechnen
Zitat von xebudigEin Mensch der auch nocht Rechnen kann statt schöne Worte zu machen, hat hier die alternativen zusammen getragen. http://www.withouthotair.com/ Ach ja, mit Photovoltaik wird es nicht funktionieren. Man muss schon in ein bißchen größeren Maßstäben und Deutschland hinaus denken. Aber unsere Oköfreaks können ja nicht einmal über ihren Vorgarten hinaus denken. Allen die keine mathematischen Analphabeten sind kann man das Buch nur empfehelen.
Warum es nicht funktioniert kannst Du sicher vorrechnen Und nachher schauen wir uns mal an wer der Analphabet ist.
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