Solo-Selbständige Hunderttausende haben nichts vom Mindestlohn

Der Mindestlohn kommt - doch viele werden davon nicht profitieren. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung leben schon jetzt 700.000 Solo-Selbständige von weniger als 8,50 Euro pro Stunde, zum Beispiel in der Pflege. Experten fürchten, dass die Zahl bald massiv zunimmt.

Pflegeheim: Viele Branchen setzen auf Selbständige statt auf Arbeitnehmer
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Pflegeheim: Viele Branchen setzen auf Selbständige statt auf Arbeitnehmer

Von Tobias Lill


München - Es gibt Tage, an denen würde Karl Kirsch seinen Job als Lehrer am liebsten aufgeben. Zu sehr frustriert ihn die miese Bezahlung. "Nur die hohe Wertschätzung meiner Schüler treibt mich dann noch an", sagt der 53-jährige Dozent, der an mehreren Leipziger Sprachschulen Deutsch für Ausländer unterrichtet - auf freiberuflicher Basis.

Rechnet man die langen Vor- und Nachbereitungszeiten für diese Integrationskurse hinzu, arbeitet Kirsch nach eigenen Angaben etwa 40 bis 45 Stunden pro Woche. Vor Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen kommt er auf Einnahmen von knapp 1000 Euro im Monat. Das entspricht einem Bruttoverdienst von rund sechs Euro pro Stunde. Um über die Runden zu kommen, muss der alleinerziehende Vater von 16-jährigen Zwillingen seine Einkünfte mit Hartz IV aufstocken. "Das macht mich richtig wütend", sagt er.

Gerade haben Union und SPD beschlossen, einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen. Jeder Mensch muss von seiner Hände Arbeit leben können, lautet das Credo der künftigen Koalitionäre. Gemeint sind wohlgemerkt nur Arbeitnehmer. Nicht gelten soll die Lohnuntergrenze für Selbständige - und damit auch nicht für Solo-Selbständige wie Karl Kirsch. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt es mehr als 2,5 Millionen solcher Ein-Mann-Betriebe in Deutschland.

Für SPIEGEL ONLINE haben die Forscher nun berechnet, bei wie vielen Solo-Selbständigen der ab 2015 geplante Mindestlohn greifen würde, wenn diese Gruppe miteinbezogen würde. Die Zahlen sind alarmierend: 28 Prozent der Solo-Selbständigen hierzulande, also etwa 700.000, erzielten 2011 ein Brutto-Einkommen von weniger als 8,50 Euro in der Stunde.

Viele sind nicht abgesichert

DIW-Forscher Karl Brenke geht davon aus, dass das Heer der freiberuflichen Niedriglöhner nach wie vor so groß ist wie vor zwei Jahren. Für ihn ist klar: "Viele schlecht bezahlte Solo-Selbständige sind aus der Not heraus Unternehmer geworden - etwa, weil sie ihre Festanstellung verloren haben." Doch in vielen Branchen wie der Pflege, den Medien, dem Bildungsbereich oder der Paketzustellung zahlten die Auftraggeber oft nur klägliche Honorare. Nicht wenige dieser Freiberufler lebten deshalb "von der Hand in den Mund". Brenke spricht von "Kümmerexistenzen".

Staatliche Hilfe bekommt nur ein geringer Teil dieser Freiberufler. Schätzungen zufolge bessern rund 100.000 von ihnen ihre Einkünfte mit Hartz IV auf. "Das ist natürlich nur eine Untergrenze", sagt DIW-Forscher Brenke: "Wer etwa Rücklagen hat, bekommt ja kein Hartz IV." Viele wüssten zudem nicht, dass sie als Freiberufler überhaupt Sozialleistungen beantragen dürften. Anderen sei möglicherweise der monatliche Nachweis ihrer Einnahmen zu kompliziert.

Ein Problem: Viele Solo-Selbständige sind nicht abgesichert, wenn sie krank werden. Sie könnten keinerlei Rücklagen bilden, erklärt Brenke. Dem Großteil von ihnen drohe zudem Altersarmut. Manche zahlten sogar überhaupt nicht in eine Rentenversicherung ein. "Das ist eine demografische Zeitbombe."

Gewerkschafter sind alarmiert

Selbst in Branchen, in denen lange Zeit gut verdient wurde, beziehen oder bezogen viele Ein-Mann-Betriebe teilweise Niedriglöhne. So berichten etwa frühere Vertriebsmitarbeiter eines mittelgroßen Finanzdienstleisters, sie hätten in ihrer Zeit als Freiberufler bei dem Unternehmen mitunter nur fünf bis sechs Euro brutto in der Stunde verdient. "Im Monat kam ich auf 1000 Euro brutto, obwohl ich meist mehr als 45 Stunden wöchentlich gearbeitet habe", sagt eine Ex-Mitarbeiterin aus dem Großraum München.

Gewerkschafter sind alarmiert. "Wenn Menschen trotz Vollzeitarbeit von ihrer freiberuflichen Tätigkeit nicht leben können, dann ist das ein genauso großer Skandal wie bei fest angestellten Niedriglöhnern", sagt Gunter Haake, Geschäftsführer der Ver.di-Selbständigenberatung Mediafon. Hier wachse "seit Jahren ein neues Prekariat heran". Ein großer Teil der Solo-Selbständigen sei zudem "nur auf dem Papier selbständig und in Wahrheit scheinselbständig".

Haake fürchtet, dass viele Arbeitgeber vor Inkrafttreten des Mindestlohns fest angestellte Mitarbeiter zwingen werden, sich formal selbständig zu machen, um so die Lohnuntergrenze zu umgehen. Ähnlich sieht es auch DIW-Forscher Brenke: "Da dürften einige Firmen sicher sehr kreativ sein." Dabei falle es den staatlichen Behörden schon heute schwer, Scheinselbständigkeit nachzuweisen. "Wenn der gesetzliche Mindestlohn kommt, benötigt der Zoll in jedem Fall deutlich mehr Personal ", sagt Brenke.

Bei "unrentabler Selbständigkeit" soll Hartz IV gestrichen werden

Gewerkschafter Haake fordert gesetzliche Honoraruntergrenzen für Freiberufler, damit der Mindestlohn für Festangestellte nicht "untertunnelt" werde. Und auch Bayerns Ver.di-Chefin Luise Klemens will nicht weiter hinnehmen, dass Selbständige von einer Vollzeittätigkeit nicht leben können. "Eine auskömmliche Bezahlung, ob man sie nun über Mindestlohn, durch feste Mindestpreisverzeichnisse oder andere Maßnahmen herstellt, muss im Zweifel durch gesetzliche Eingriffe sichergestellt werden", sagt sie.

DIW-Mann Brenke sieht eine Mindestvergütung für Solo-Selbständige dagegen kritisch. "In vielen Branchen wird ja für eine bestimmte Leistung, etwa für einen Text oder eine Grafik, und nicht stundenweise bezahlt." Dies lasse sich kaum objektiv messen. Auch bei den wahrscheinlichen Koalitionspartnern stößt die Gewerkschaftsforderung auf wenig Gegenliebe. So hält Max Straubinger, Arbeitsmarktexperte der CSU-Landesgruppe im Bundestag, eine gesetzliche Vergütungsgrenze für Solo-Selbständige "in der Praxis für nicht umsetzbar". Vielmehr gelte es stets zu prüfen, ob bei freiberuflichen Niedriglöhnern nicht möglicherweise eine Scheinselbständigkeit vorliege. Selbst SPD-Linke wie der Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel sind skeptisch.

Derweil werden Stimmen laut, schlecht bezahlten Freiberuflern den Zugang zu den Sozialsystemen zu erschweren. Das Bundesland Sachsen-Anhalt machte sich gerade erst dafür stark, den Anspruch auf Hartz IV "bei unrentabler Selbständigkeit" auf zwei Jahre zu begrenzen. CSU-Mann Straubinger geht sogar noch weiter: Er will bereits nach eineinhalb Jahren überprüfen lassen, ob ein Geschäftsmodell tragfähig sei. Ansonsten müsse man die aufstockende Leistung von Hartz IV verweigern.

Lehrer Kirsch hofft nur darauf, dass Freiberufler in Zukunft "entsprechend ihres Könnens bezahlt werden". Auf staatliche Hilfe wären er und viele andere dann sicher nicht mehr angewiesen.

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Seite 1
lkm67 06.12.2013
1.
Zitat von sysopDPADer Mindestlohn kommt - doch viele werden davon nicht profitieren. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung leben schon jetzt 700.000 Solo-Selbständige von weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Experten fürchten, dass die Zahl bald massiv zunimmt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/solo-selbststaendige-viele-verdienen-weniger-als-den-mindestlohn-a-937340.html
Und hier kommt das bedingungslose Grundeinkommen zum Tragen. Ein Konzept das bei weitem unterschätzt wird. Es geht hier nicht um das Finanzieren von Faulenzern!
joG 06.12.2013
2. Wie ich hier ad Nausem ja auch schrieb...
...ist der Mindestlohn die schlechte Lösung. Da gibt es kein Frage. Das Bürgergeld ist einfach in allem besser. Leider sind diejenigen, die das Bürgergeld wollen, in den falschen Parteien und bei den Medien der Republik unbeliebt.
juergw. 06.12.2013
3. Unternehmerisches Risiko..
entweder Millionär ,wie die Zalando Gründer oder Pleite gehen.Immer mehr in die Scheinselbstständigkeit abzuschieben,scheinbar von der Politik gewollt.Da geht der meiste Gewinn für Krankenkasse und zukünftige Zwangsabgabe Rente drauf.
LarsLondon 06.12.2013
4. Angebot, Nachfrage und Preis
Jeder der Solo-Selbststaendigen kann doch frei waehlen, was er fuer seine Arbeit verlangt. Wenn der Preis ueber dem Marktpreis liegt (also z.B. einen Mindestlohn nicht abdeckt), dann wird er zwangslaeufig weniger Geschaeft machen. So funktioniert der Markt. Und dafuer entscheidet man sich mit dem Schritt in die Selbststaendigkeit doch bewusst.
hauptstadtdetektei 06.12.2013
5. Kein Bock mehr zur Arbeit
Wir haben Arbeitskräfte gesucht ca. 40 Leute vom AA genannt bekommen davon haben sich null gemeldet weder per Telefon noch schriftlich . Die bekommen keine Sperre oder sonstiges ich sehe Schwarz !
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