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Sonnenstrom: Ökobranche erwartet Solarboom in Deutschland

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Die Bundesregierung setzt auf Sonnenstrom aus der Sahara - dabei kann Deutschland sein Energieproblem auch selbst lösen. Die Solarbranche erwartet einen heimischen Photovoltaik-Boom, der sogar die Atomkraft verdrängen könnte. Befeuert wird die Öko-Revolution durch Billiganlagen aus Fernost.

Hamburg - Solarenergie ist teuer und für das kalte Deutschland ungeeignet: Dieses Image haftet der Ökobranche seit Jahren an. Tatsächlich kostet Sonnenstrom rund acht Mal so viel wie der aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Und auch mengenmäßig spielt er kaum eine Rolle - die Sonne deckt gerade einmal 0,5 Prozent des deutschen Elektrizitätsbedarfs ab.

Doch dies dürfte sich bald ändern. Denn der Energiemarkt steht vor einer gewaltigen Revolution: Immer mehr Deutsche kaufen sich eine Solaranlage, die Nachfrage explodiert. Eine Studie des europäischen Branchenverbands EPIA zeigt: In den kommenden fünf Jahren dürfte sich die installierte Leistung mehr als verdreifachen (siehe Grafiken).

Für den Strommarkt ist dies eine Sensation. Erstmals besteht die realistische Chance, dass die Sonne einen signifikanten Beitrag zur deutschen Stromversorgung leistet. Die Ökobranche könnte ihr Nischendasein beenden - und selbstbewusst gegenüber der Kohle- und Atomlobby auftreten.

Möglich wird der Boom durch Kampfpreis-Angebote aus Asien. Chinesische, japanische und taiwanische Hersteller überfluten den Markt mit günstigen Produkten - und die Deutschen greifen massenhaft zu.

Wer sich heute eine Solaranlage aufs Dach setzt, zahlt inklusive aller Nebenkosten nur 3200 Euro pro Kilowatt, rechnet ein Branchenkenner vor. Das sind fast 30 Prozent weniger als vor einem Jahr. Hinzu kommt lediglich die Mehrwertsteuer. Für die Betreiber - meist Privatleute oder Landwirte - lohnt sich das Geschäft: Dank staatlich garantierter Preise für Solarstrom winken Renditen im zweistelligen Prozentbereich.

Die Folge ist klar: Immer mehr Solaranlagen gehen ans Netz. Im vergangenen Jahr kamen 1500 Megawatt neu hinzu, in diesem Jahr werden es laut EPIA schon 2000 Megawatt sein. Anne Kreutzmann vom Branchenmagazin "Photon" ist noch optimistischer: "Bereits 2009 ist für Deutschland ein Zubau von über 3000 Megawatt nicht unrealistisch."

Und das Wachstum geht weiter. Bis 2013 dürfte in Deutschland eine Solarleistung von mehr als 17.000 Megawatt installiert sein, erwartet EPIA. Dabei legt der Verband eine "moderate" Entwicklung zugrunde. In einem Extremszenario rechnen die Fachleute sogar mit mehr als 21.000 Megawatt bis 2013. Zum Vergleich: Ein großes Kernkraftwerk hat eine Leistung von rund 1000 Megawatt.

Natürlich scheint die Sonne nicht immer - im Durchschnitt lässt sich Solarstrom in Deutschland nur drei Stunden am Tag voll nutzen. Experten machen deshalb eine einfache Rechnung auf: Um ein Megawatt Atomstrom zu ersetzen, braucht man eine Solaranlage mit acht Megawatt.

Trotzdem reicht es für einen beachtlichen Erfolg: Bis 2013 können mindestens zwei Kernkraftwerke problemlos vom Netz gehen - während Solarstrom die Lücke füllt.

Stromkonzerne geraten in die Defensive

Für die Ökobranche wäre dies ein Triumph. Kaum jemand hatte der Sonnenenergie zugetraut, in Deutschland eine nennenswerte Rolle zu spielen. Nun könnte sie in Kürze einen entscheidenden Beitrag zum Atomausstieg leisten. Zusammen mit Windkraft und Biomasse reicht es vermutlich für einen Totalverzicht auf die Kernenergie - ohne Einbußen bei der Versorgungssicherheit.

Den großen Stromkonzernen erwächst damit unerwartete Konkurrenz. Bisher haben sie sich vor allem auf die Windkraft eingeschossen. Trotz anders lautender Beteuerungen versuchen E.on Chart zeigen, RWE Chart zeigen und Co., die ungeliebten Öko-Wettbewerber auszubremsen. Der Grund ist klar: Windräder leisten schon heute einen erheblichen Beitrag zur Stromerzeugung - den konventionellen Kraftwerksbetreibern gehen damit Marktanteile verloren.

Dagegen war die Solarenergie bisher außen vor: Kein Strommanager nahm die Mini-Branche ernst. Diese Zeiten dürften nun vorbei sein. Den Gewinn zweier Atommeiler lässt sich kein Energieriese gerne nehmen.

Dabei fangen die Konzerne erst an, das Problem zu erkennen. Der große Knackpunkt ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Es legt fest, dass Solarstrom vorrangig ins Netz eingespeist werden muss. Vor allem zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht, droht Ärger: Um eine Überlastung der Leitungen zu verhindern, müssen die Großunternehmen ihre Kohle- und Atomkraftwerke künftig wohl herunterfahren. Das drückt die Rendite - der Betrieb der Altanlagen wird unwirtschaftlich.

Richtig spannend wird es, wenn die Herstellungskosten für Solarzellen weiter fallen. Denn sobald Sonnenstrom genauso günstig ist wie Atomstrom, kippt der Markt. "Das wird kommen, vielleicht schon Anfang des nächsten Jahrzehnts", sagte Anton Milner, der Chef des größten deutschen Solarunternehmens Q-Cells, 2007 in der "Berliner Zeitung". "Dann geht es richtig los, dann explodiert der Markt."

Die Bundesregierung wird von der Entwicklung überrumpelt. Noch vor kurzem sagte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Solarleistung von 17.900 Megawatt voraus - allerdings erst für das Jahr 2020. Nun könnte dieses Ziel schon sieben Jahre früher erreicht werden.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) muss sich auf die neue Lage erst einstellen. Noch vor wenigen Tagen sprach sie sich für das gigantische Desertec-Projekt aus, das in der Sahara Solarstrom für Europa produzieren soll. Selbst EU-Gelder stellte die Regierungschefin für das Mammutvorhaben in Aussicht. Dabei zeigen die EPIA-Zahlen, dass die Sonne auch in Deutschland große Mengen Strom erzeugen kann. Der Vorteil: Der Bau teurer Leitungen über das Mittelmeer ist nicht nötig.

Und das heimische Potential ist enorm. Wissenschaftler der Fachhochschule Osnabrück haben errechnet, dass die Dachflächen der Stadt genügen, um alle Haushalte mit Solarstrom zu versorgen. Was im nordischen Osnabrück möglich ist, dürfte auch im übrigen Deutschland funktionieren.

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Forum - Solarstrom - lohnt sich der Milliardenaufwand?
insgesamt 6109 Beiträge
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1.
Frank und gerne Frei 27.03.2008
Zitat von sysopDer deutsche Staat garantiert hohe Vergütungssätze für Solarstrom. Unnötiger Milliardenaufwand - oder sinnvoller Umweltschutz?
Nein, der lohnt sich nicht
2. Auf ein Neues!
donemile, 27.03.2008
Zitat von sysopDer deutsche Staat garantiert hohe Vergütungssätze für Solarstrom. Unnötiger Milliardenaufwand - oder sinnvoller Umweltschutz?
So was ähnliches hatten wir doch erst vor kurzem. Auf eine neue Runde: Es lohnt sich jeder investierte Euro und zwar mehrfach. Besser kann man die Umwelt nicht schützen!
3.
susanne_tatter 27.03.2008
Zitat von sysopDer deutsche Staat garantiert hohe Vergütungssätze für Solarstrom. Unnötiger Milliardenaufwand - oder sinnvoller Umweltschutz?
Der Erntegrad der Solartechnik ist positiv. Jede eingesetzte Kilowattstunde zur Produktion wird mehrfach wieder als nutzbare Energie zur Verfügung gestellt. Die Solartechnik ist eine der Alternativen, mit denen wir im nach fossilen Zeitalter Energie erzeugen müssen. Heute damit zu beginnen und die Entwicklung zur Serienreife zu subventionieren ist meiner Meinung nach sehr sinnvoll.
4.
Christian-H, 27.03.2008
Zitat von sysopDer deutsche Staat garantiert hohe Vergütungssätze für Solarstrom. Unnötiger Milliardenaufwand - oder sinnvoller Umweltschutz?
Lohnt sich nur für diejenigen, die die hohen Vergütungen abfassen, ansonsten ist das hier in D rausgeworfenes Geld.
5.
Reziprozität 27.03.2008
Zitat von donemileSo was ähnliches hatten wir doch erst vor kurzem. Auf eine neue Runde: Es lohnt sich jeder investierte Euro und zwar mehrfach. Besser kann man die Umwelt nicht schützen!
Angesichts der produktionsbedingten Treibhausgasemissionen, des spezifisch hohen Materialaufwandes, des hohen Aufkommens von Produktionsabfaellen (http://gabe.web.psi.ch/pdfs/Energiespiegel_Nr.3_Beilage.pdf) sowie des aktuellen wie zukuenftig prognostizierbaren Anteils an der Gesamtstromproduktion lohnt sich die Einspeiseverguetung ganz und gar nicht. Gelder fuer die weitere Erforschung der Stromwandlung mittels Photovoltaik sollten jedoch in jedem Falle fliessen.
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