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Soziale Ungleichheit: Jeder achte Bürger von Armut bedroht

Die Kluft wird größer: In Deutschland wächst der Abstand zwischen Arm und Reich - schneller als im Rest Europas. Inzwischen ist jeder achte akut von Mittellosigkeit betroffen. Vor allem für Ältere steigt das Risiko.

Hamburg - Es sind keine schönen Zahlen, die das Statistische Bundesamt heute veröffentlicht hat: Im Jahr 2005 waren knapp 13 Prozent der Bevölkerung in Deutschland armutsgefährdet, in den neuen Ländern und Berlin lag dieser Satz bei gut 15 Prozent, im früheren Bundesgebiet bei knapp unter zwölf Prozent. Danach verdienen die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung vier Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent, so das Ergebnis einer EU-weiten Umfrage.

Ein Mann durchwühlt Mülleimer in Düsseldorf: Wer weniger als 781 Euro im Monat hat, gilt als armutsgefährdet
AP

Ein Mann durchwühlt Mülleimer in Düsseldorf: Wer weniger als 781 Euro im Monat hat, gilt als armutsgefährdet

Insgesamt wirft die Untersuchung kein gutes Licht auf die Verhältnisse in Deutschland: Laut dem Statistischen Bundesamt vergrößerte sich innerhalb nur eines Jahres die Kluft zwischen Arm und Reich um 0,3 Prozentpunkte. Deutschland entwickelte sich damit gegen den Trend in der Europäischen Union (EU), in der die Einkommensunterschiede laut Europäischem Statistikamt insgesamt sogar leicht zurückgingen.

"Die Einkommensspaltung in Deutschland nimmt zu", warnte deshalb der Armutsforscher und Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge. Das Haushaltseinkommen spiegle allerdings nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Ungleichheit wider. "Wenn auch man das Vermögen anschaut, sind die Zahlen viel drastischer. Wenn einer vier Mal soviel verdient, aber außerdem noch 50 Häuser besitzt, dann fällt das deutlich stärker ins Gewicht."

In Deutschland nahm vor allem die sogenannte relative Armutslücke zu: Das mittlere verfügbare Jahreseinkommen armutsgefährdeter Menschen lag 2005 insgesamt 20 Prozent unterhalb der Schwelle von 9370 Euro, die ein Armutsrisiko signalisiert. Im Jahr zuvor war die Lücke noch einen Prozentpunkt geringer ausgefallen. Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen muss. In Deutschland betrug dieses mittlere Einkommen 2005 rund 15.617 Euro pro Person.

Weniger als 781 Euro im Monat gilt als Armutsrisiko

Das mittlere verfügbare Jahreseinkommen der Bevölkerung lag 2005 bei 15.617 Euro pro Person. Als armutsgefährdet galten alleinlebende Personen, wenn sie weniger als 9370 Euro im Jahr beziehungsweise 781 Euro im Monat zum Leben hatten. Ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren galt bei einem verfügbaren Jahreseinkommen von weniger als 19.677 Euro oder 1640 Euro monatlich als armutsgefährdet.

Die Armutsdefinition von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens sei allerdings ein sehr vages Maß, sagt Butterwegge. "Diese Armut ist nicht absolut, sondern relativ im Verhältnis zum Rest der Gesellschaft", erklärte er. Zwar gehe es den Armen in Deutschland rechnerisch deutlich besser als etwa den Armen in Afrika. "Aber das bedeutet nicht, dass die Armut hier nicht relevant ist." Entscheidend sei, welche Chance arme Bundesbürger auf eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, auf Bildung und Gesundheit hätten. Dafür seien auch die derzeitigen Hartz-IV-Sätze für Familien und ihren Nachwuchs nicht ausreichend.

Armutsgefährdungsquote in Prozent
Deutschland Früheres Bundesgebiet Neue Länder und Berlin
Insgesamt 12,7 11,8 15,4
   Männer 12,3 11,3 15,1
   Frauen 13,2 12,3 15,6
unter 18-Jährige 12,4 11,1 17,1
18-bis 65-Jährige 12,7 11,3 16,7
   Männer 12,4 10,9 16,7
   Frauen 13 11,6 16,8
Ab 65 13,1 14,4 8,9
   Männer 11,4 13,2 5,6
   Frauen 14,5 15,5 11,4
Quelle: Statistisches Bundesamt

Weil Deutschland über ein relativ stabil geknüpftes soziales Netz verfügt, ist das Armutsrisiko hier allerdings niedriger als in vielen anderen europäischen Staaten: Während Deutschland in der Umfrage von 2006 bei der Armutsgefährdung auf eine Quote von 13 Prozent kommt, liegt sie in Spanien und Italien bei 20 und in Griechenland sogar bei 21 Prozent.

Ohne staatliche Unterstützung höheres Armutsrisiko

Allerdings sind die Zahlen nicht unmittelbar vergleichbar: Denn ohne die staatlichen Unterstützungszahlungen läge das Armutsrisiko deutlich höher: Würden Sozialtransfers (außer Pensions- und Rentenzahlungen) nicht als Einkommen verbucht, liege die Armutsquote bei 26 Prozent. Von den Jugendlichen unter 18 Jahren wäre der Studie zufolge dann sogar ein Drittel armutsgefährdet. Erst unter Einbeziehung der Sozialtransfers fällt die Quote auf zwölf Prozent.

"Doch auch die Abhängigkeit von staatlichen Stellen ist eine Art von Armut", sagt Butterwegge. "Daran wird deutlich, wie jung die Armut in Deutschland ist." Zugleich drohe wegen sinkender Erwerbstätigenzahlen, Rentenstagnation und der nachgelagerten Besteuerung von Ersparnissen eine "Re-Seniorisierung" der Armut.

Das bestätigt die Studie: Danach sind vor allem alte Menschen von Armut betroffen. Rund 14 Prozent der über 65-Jährigen sind von Armut bedroht, weil sie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen mussten. Allerdings tun sich innerhalb Deutschlands Unterschiede auf: Die ältere Generation in Ostdeutland ist laut der Umfrage von 2006 mit einer Quote von neun Prozent weniger stark von Armut betroffen.

sam/Reuters/AP

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