Von Sven Böll
Berlin - Noch unterscheiden sich die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West gewaltig. Doch die blühenden Landschaften in den neuen Ländern, die der einstige Kanzler Helmut Kohl kurz nach der Wende versprach, sind 20 Jahre später tatsächlich vielerorts Realität geworden. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank.
"Die ostdeutschen Bundesländer haben sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt", sagt Studienautor Klaus-Günter Deutsch. Auch was die Zukunftsperspektiven angeht, ist er optimistisch. Selbst wenn die Folgen der globalen Wirtschaftskrise im Einzelnen noch nicht absehbar seien, stehe die ostdeutsche Wirtschaft heute viel robuster da als noch vor fünf Jahren: "Inzwischen gibt es deutlich mehr Licht als Schatten." Damit sind die Deutschbanker wesentlich zuversichtlicher als ihre Forscherkollegen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Der Grund für den Optimismus: Gerade in der jüngeren Vergangenheit haben sich in den ostdeutschen Bundesländern viele mittelständische Firmen angesiedelt oder wurden neu gegründet, die eben nicht nur Callcenter-Jobs mit Dumpinglöhnen, sondern oftmals auch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen haben. Dies gilt bei weitem nicht nur für traditionelle Branchen wie die Chemieindustrie oder den Maschinenbau. Weil die ostdeutschen Bundesländer früh auf Zukunftstechnologien wie erneuerbare Energien gesetzt haben, profitieren sie heute entsprechend davon. Nicht umsonst steht die größte Solaranlage der Republik in Brandenburg.
"Meck Pomm" gilt als Inkarnation aller Ossi-Tristesse
Fast alle neuen Länder haben Schwerpunkte in ihren Wirtschaftsstrukturen, sogenannte Cluster, geschaffen, die - erfreulicher Nebeneffekt - nicht so anfällig für Konjunkturschwankungen sind wie zum Beispiel die Automobilindustrie und der Maschinenbau. So spielt die Gesundheitsindustrie in Berlin eine wichtige Rolle, und der Tourismus ist ein zentraler Beschäftigungsmotor für Mecklenburg-Vorpommern.
Das Küstenland zeigt besonders deutlich, wie sehr sich das öffentliche Bild über die vermeintliche Situation im Osten der Republik von der tatsächlichen unterscheidet, gilt "Meck Pomm" doch gemeinhin als Inkarnation aller nur denkbaren Ossi-Tristesse. Dabei hat sich das bevölkerungsarme Mecklenburg-Vorpommern seit der Wende wirtschaftlich nicht signifikant schlechter entwickelt als die anderen neuen Bundesländer.
Trotz guter Entwicklungen gibt es noch viele Probleme
Dass insgesamt wenig von den Erfolgen zu hören ist, dürfte vor allem daran liegen, dass die Firmen in Ostdeutschland im Schnitt deutlich kleiner sind als im Westen. Große Mittelständler mit Milliardenumsätzen, wie es sie in Baden-Württemberg zuhauf gibt, sucht man in Sachsen-Anhalt, Thüringen & Co. vergeblich. Mittelständische Firmen, die hier neu gegründet werden, haben im Schnitt nur rund 80 Mitarbeiter. Was aber im Umkehrschluss auch bedeutet: Die ostdeutsche Wirtschaft hat inzwischen weit mehr zu bieten als Dönerbuden und Nagelstudios.
Zumal die Unternehmen längst nicht mehr nur in regionalen Kategorien, sondern zunehmend auch global denken. So liegt in Thüringen die Exportquote am Bruttoinlandsprodukt schon bei fast einem Viertel - Mitte der neunziger Jahre waren es nur rund fünf Prozent.
Herausbildung eines Mittelstandes, Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze, Exportorientierung - trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es natürlich weiterhin unübersehbare Probleme in Ostdeutschland: Noch immer fehlen weit mehr als 1,5 Millionen Arbeitsplätze, pendeln Hunderttausende zur Arbeit in die alten Bundesländer und verdienen die Menschen, die einen Job haben, im Schnitt ein Drittel weniger als ihre westdeutschen Kollegen.
Doch die gute Nachricht ist: Der Osten hat nicht nur beim Bruttoinlandsprodukt aufgeholt, sondern ähnelt dem Westen auch in seinen Wirtschaftsstrukturen immer mehr.
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