Von Andrea Brandt, Bonn
In Bonn laufen offenbar hektische Verhandlungen, um die größte Baustelle der Bundesstadt mit frischem Geld zu versorgen. Nach internen Informationen aus der Stadtverwaltung erwägt eine Investorengruppe um die Provinzial Rheinland Versicherung, in Finanzierung und Betrieb des Kongress-Zentrums auf dem Gelände des alten Bundestags einzusteigen. Die Begleitung und Prüfung des möglichen Investments mit internationalen Partnern hat demnach eine Kanzlei in Hamburg übernommen.
Die städtischen Strippenzieher suchen nach möglichst geräuschlosen Auswegen aus einer Affäre um das einstige Renommierprojekt der früheren Bundeshauptstadt. Seit die Parlamentarier nach Berlin gezogen sind, hat sich Bonn als Standort der Vereinten Nationen einen Namen gemacht. Was fehlt fürs internationale Flair, ist ein repräsentatives Kongresszentrum - da waren sich Kommunalpolitiker aller Parteien einig. Doch das Großprojekt "World Conference Center Bonn" (WCCB) ging bislang gründlich schief.
Als Investor für den Bau und Betrieb wählte die Stadt den Unternehmer Man Ki Kim, Chef der koreanisch-amerikanischen Firma SMI Hyundai. Doch angeblich hielt sich Kim bald nur noch sporadisch in Deutschland auf. Das laut Projektvertrag nötige Eigenkapital von 40 Millionen Euro brachte er nie vollständig ein. Üppige Kredite über insgesamt mehr als 100 Millionen Euro bei der Sparkasse Köln-Bonn bekam der Geschäftsführer der Bauträgergesellschaft "United Nations Congress Center Bonn" (UNCC) dennoch. Über eine Nebenabrede bürgt die Stadt Bonn für das Kredit-Geld. Die Baukosten explodierten derweil von knapp 140 auf 200 Millionen Euro.
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Betrugs zum Nachteil der Stadt Bonn sowie der Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit. Kim und zwei seiner Geschäftspartner sind ins Visier der Ermittler geraten. Der Architekt und Generalunternehmer des WCCB, Young Ho-Hong, sowie der Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft WCCB Management, Michael Thielbeer, sitzen in Untersuchungshaft. Die Beschuldigten waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Thielbeer hatte ursprünglich als Berater der Stadt Bonn Man Ki Kims Firma empfohlen. Nach dem Zuschlag wechselte er in die Dienste des Investors.
Streit um die Eigentumsverhältnisse
Über die neuen Rettungsversuche aus dem Desaster mag offiziell noch niemand reden. Er könne sich "aus Gründen der Verschwiegenheitspflicht gegenüber seinen Mandanten nicht äußern", sagte Rechtsanwalt Jürgen Hübner, Spezialist für Immobilienrecht in der Kanzlei Latham & Watkins in Hamburg, die angeblich federführend an den Verhandlungen beteiligt sein soll. Ein Sprecher der Stadt Bonn erklärte, Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD) werde heute in nicht öffentlicher Sitzung des Stadtrates zum aktuellen Projektstand Stellung nehmen.
Michael Bock, Finanzvorstand der Provinzial, die angeblich erwägen soll, mit rund 40 Millionen Euro den Weiterbau des Kongress-Zentrums zu finanzieren, sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir sind auf das Projekt angesprochen worden." Bis zur "Klärung und Bereinigung der unklaren Gemengelage" sehe die Provinzial allerdings keinen Raum für ein Engagement.
Damit spielt Bock auch auf die höchst schwierigen Besitzverhältnisse der Bauträgergesellschaft UNCC an. Unter den Gesellschaftern der UNCC tobt ein noch nicht endgültig gerichtlich entschiedener Streit um die Eigentumsverhältnisse. Aus dem Engagement der neuen Retter-Truppe dürfte daher nur dann etwas werden, wenn es Staatsanwaltschaft und Stadt schnellstens gelingt, das Chaos um das Kongress-Zentrum zu lichten. Und wenn Oberbürgermeisterin Dieckmann es schafft, das wiederherzustellen, was in der Affäre um das einstige Prestige-Projekt schwer Schaden gelitten hat: das Vertrauen in eine kompetente Projekt-Kontrolle durch die Stadt.
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