Wirtschaft


ThemaEnergie-Riese RusslandRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
05.10.2009
 

Energiepolitik

Medwedew verordnet Russland die Öko-Wende

Von Benjamin Bidder, Moskau

Energiemacht Russland: Gas im Überfluss?
Fotos
AFP

Weltweit ist Russland einer der größten Energieverschwender - jetzt will Präsident Medwedew aus seinem Land plötzlich einen Öko-Musterschüler machen: Bis 2020 soll der Energieverbrauch um 40 Prozent sinken. Das nötige Know-how könnte Deutschland liefern.

Manchmal muss der Kreml-Herrscher seinen Anliegen ruppig Gehör verschaffen. "Wer hier quatscht, der kann woanders hingehen. Und das gilt auch für die Chefs", polterte Dmitrij Medwedew. Russlands Präsident ist es nicht gewohnt, dass sein Publikum munter weiterplappert, wenn der Staatschef referiert.

Es könnte an der Wahl der Materie liegen: Medwedew dozierte am Mittwoch vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens über eines seiner neuen Lieblingsthemen: Energieeffizienz, eine reichlich sperrige Materie, für die sich sonst bestenfalls fachkundige Ministerialreferenten begeistern.

Nach dem Machtwort erstarb das Tuscheln abrupt, die versammelten Minister und hochrangigen Beamte schreckten überrascht zusammen.

Kein Wunder, Medwedews Vorgänger Wladimir Putin hatte im Jahr 2000 als eine seiner ersten Amtshandlungen das Staatskomitee für Umweltschutz dichtgemacht. Flackernde Gasfackeln und rauchende Schlote galten im Reich der scheinbar nie versiegenden Öl- und Gasquellen als Insignien einer wieder erstarkenden Weltmacht - Klimaschutz und Kohlendioxid-Emissionen dagegen als Themen für Memmen.

Jetzt müssen sich Moskaus Mächtige erst noch an die Prioritäten des neuen Mannes gewöhnen, der seit Mai 2008 das höchste Staatsamt innehat. Medwedew ist angetreten, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren - und das betrifft auch die Öl- und Gaswirtschaft. Der Präsident will Russland zur Supermacht im Energiesparen machen.

Überflüssiges Gas wird einfach abgefackelt

Für seine Botschaft hat sich Medwedew einen symbolträchtigen Ort ausgesucht: das Kurtschakowskij Institut, die Gralsburg der russischen Hochtechnologie und Wiege der sowjetischen Atombombe. Hier entwickelten Forscher 1949 jene Nuklearwaffen, die den Weltmachtanspruch der Sowjetunion untermauerten. Hier will Medwedew jetzt jene Technologien erforschen lassen, die Russlands maßloser Energieverschwendung endlich Einhalt gebieten.

Gegenwärtig verpulvert Russland Unmengen von Energie. Der Grund sind staatlich subventionierte Niedrigstpreise und veraltete Produktionsanlagen. Noch immer regulieren Millionen Russen ihre Zentralheizungen selbst im tiefsten Winter durch das Öffnen der Fenster. Noch immer beleuchten riesige Flammen den Himmel über den Gasfeldern Sibiriens: Überflüssiges Gas wird einfach abgefackelt.

Entsprechend schonungslos fällt die Bilanz aus, die Medwedew zieht, er sprach am Mittwoch von einer "deprimierenden Situation". Verglichen mit westlichen Ländern verbraucht die russische Industrie vier- bis fünfmal so viel Energie für ihre Produkte, bei der Versorgung mit Fernwärme geht mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie verloren, bevor sie überhaupt beim Verbraucher ankommt. Bereits Mitte September hatte Medwedew in einem vielbeachteten Artikel festgestellt, dass "die Energieeffizienz der Mehrheit unserer Unternehmen beschämend niedrig ist".

Debatte über Glühlampen und Kabelstärken

Doch das soll sich nach dem Willen des Staatschefs ändern. Bis 2020 soll der Energieverbrauch um bis zu 40 Prozent gesenkt werden, lautet die ambitionierte Vorgabe. So hat es der Präsident verfügt - und deshalb lauschten im Kurtschakowskij Institut schließlich auch die versammelten Reichen und Mächtigen, darunter Finanzminister Alexej Kudrin, Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina und Russlands reichster Mann Michail Prochorow.

Selbst Vizepremier Igor Setschin, der sich kraft seines Amtes als Vorstandsvorsitzender des staatlichen Ölkonzerns Rosneft traditionell mehr für wachsenden Ölverbrauch und steigende Energiepreise begeistern kann, machte sich eilfertig Notizen zur anschließenden Debatte über Glühlampen und Kabelstärken.

Die Rechnung, die Medwedew aufmacht, ist ebenso schlicht wie revolutionär: "Wer mehr Energie spart, der muss weniger zahlen." Noch im Oktober sollen Medwedews Sparziele in einen Gesetzestext gegossen und von der Staatsduma verabschiedet werden.

"Passiert ist noch nichts"

Damit die ehrgeizige Drosselung des Verbrauchs erreicht werden kann, hofft Russland auf deutsche Hilfe. Schon im Juli gründeten Medwedew und Kanzlerin Angela Merkel in München die "Russisch-deutsche Energie-Agentur" (Rudea).

"Das ist ein erster wichtiger Schritt, um die nötige Technologie ins Land zu holen. Es zeigt aber auch, dass Russland derzeit schlicht nicht das notwendige Know-how besitzt", erklärt Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Auch sei noch völlig unklar, wie die zahlreichen Projekte - etwa der großflächige Austausch von Glühbirnen - finanziert werden sollen. "Welche Anreize werden für die Wirtschaft gesetzt? Wie bringt man Großunternehmen zum Energiesparen? Diese Fragen sind noch völlig unbeantwortet", moniert Meister.

Zwar zeige Medwedews öffentliches Engagement, dass der Präsident das Problem endlich erkannt habe. Allerdings gebe es außer den vollmundigen Ankündigungen bislang keine konkreten Maßnahmen, die bereits umgesetzt seien. "Bisher", sagt Russland-Experte Meister, "ist noch nichts passiert."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 104 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
31.10.2009 von sasma:

wie kommen die kollegen in europa dazu überhaupt mit dem iran darüber zu sprechen, ob das mullah-regime an nabucco beteiligt wird. es wäre doch eine interessante aufgabe für den vorsitzenden der möllemann-partei endlich die [...] mehr...

05.10.2009 von maikalex: Was passiert bei Zahlungsunfähigkeit?

Selbstverständlich halten sich alle Einspeise-, Abnehmer- und Transitländer der Nabucco an die geschlossenen Verträge, wenn alle solvent sind, wenn alles gut läuft. Das setzt auch voraus, dass die Transitländer vollumfänglich wie [...] mehr...

05.10.2009 von shine31: Re: wieviel davon soll dann .... noch in Österreichankommen

Alle Länder ausser der Türkei sind schon mal in der EU. Also werden diese Länder ja schonmal sehr zuverlässig sein oder es gibt einen auf den Deckel aus Brüssel. Und die Türkei ist bisher auch nicht durch Unzuverlässigkeit [...] mehr...

05.10.2009 von shine31: Re: Russland ist als Energielieferant sehr zuverlässig

Das mag zum Teil stimmen. Zum Teil hängt das aber auch an politischen Forderungen Russlands! Wenn diese nicht erfüllt werden, dann gibt es plötzlich irgendwelche angeblichen Vertragsbrüche der Gegenseite und Russland sieht sich [...] mehr...

05.10.2009 von MarkH:

volle Zustimmung. Der Globalisierungswahnsinn ist tatsächlich ein Werk von Rot/Grün nie wieder ... nein Danke mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Energie-Riese Russland

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Energiesparen - so geht's

Tipps für den Alltag

Energiesparlampen: Sie halten rund zehn Mal so lange wie Glühbirnen, verbrauchen aber nur ein Viertel des Stroms. Das kann pro Lampe bis zu 80 Euro sparen. Stand-by stoppen: Elektrogeräte in Warteposition fressen auch Strom, wenn sie nicht in Betrieb sind. Pro Jahr kann das laut Verbraucherzentrale Baden-Württemberg bis zu 70 Euro kosten. Der richtige Platz für Kühlschrank und Gefriertruhe: Kühlgeräte nie neben den Herd platzieren, denn je höher die Umgebungstemperatur, desto höher der Stromverbrauch. Wirtschaftlich Auto fahren: Wer die Geschwindigkeit an den Verkehrsfluss anpasst und mit niedriger Drehzahl fährt, spart Benzin. Hilfreich ist auch ein leicht erhöhter Reifendruck, außerdem sollte man ohne Dachgepäckträger fahren.

Richtig einkaufen

Anbieter wechseln

Öko-Energie

Haus und Auto


Energieträger Erdgas

Erdgas ist nach Mineralöl der zweitwichtigste Bestandteil des deutschen Energiemix. Fast jede zweite Wohnung in Deutschland wird nach Angaben des BDEW inzwischen damit beheizt. Insgesamt sind es mehr als 18 Millionen Haushalte - Tendenz steigend. Zudem wird mit Erdgas Strom erzeugt, und umweltfreundliche Autos werden mit Erdgas angetrieben. Die Erdgas-Lagerstätten sind auf wenige Regionen begrenzt - mehr als die Hälfte der globalen Vorkommen befinden sich in den Ländern Russland, Iran und Katar.

Erdgas ist der am wenigsten klimaschädliche aller fossilen Brennstoffe. Bei seiner Verbrennung werden etwa 200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde freigesetzt. Dies ist im Vergleich zu Erdöl (270 g/kWh) und Kohle (je nach Qualität 330 bis 400 g/kWh) gering.

Vor-/Nachteile der Energieträger

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.

Erdöl

Erdgas

Kohle

Atomenergie

Wasser

Wind

Sonne

Biomasse

Erdwärme





TOP



TOP