Wirtschaft



ThemaGesundheitssystemRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
07.10.2009
 

Milliardendefizit

Sozialverbände mobilisieren gegen höhere Gesundheitskosten

Patient im Krankenhaus: Im Gesundheitsfonds fehlen 7,5 Milliarden EuroZur Großansicht
Corbis

Patient im Krankenhaus: Im Gesundheitsfonds fehlen 7,5 Milliarden Euro

Das Milliardendefizit in der gesetzlichen Krankenversicherung wird zum Testfall für Schwarz-Gelb: Die erste Kasse verlangt bereits einen höheren Beitragssatz, andere wollen individuell Extraabgaben erheben. Sozialverbände kündigen massiven Widerstand an.

Bonn/Berlin - Der Gesundheitsfonds war ein wichtiges Reformvorhaben der Großen Koalition, jetzt wird er zur Bürde für die künftige schwarz-gelbe Regierung. Wegen des Milliardendefizits in der gesetzlichen Krankenversicherung müssen vermutlich Millionen Kassenpatienten Zusatzbeiträge zahlen. Dies geht aus der offiziellen Schätzung von Kassen und Regierung hervor.

Die erste Krankenkasse reagiert bereits - und fordert einen höheren allgemeinen Beitragssatz. Gegenwärtig liegt der Beitragssatz bei 14,9 Prozent des Bruttolohns. "Ich gehe davon aus, dass dies nicht ausreichen wird", sagte der Chef der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, in der "Rheinischen Post". Angesichts des erwarteten Defizits von 7,5 Milliarden Euro bei den gesetzlichen Krankenkassen könne man "nicht damit rechnen, dass sich die angespannte Finanzlage wieder entspannt". Er gehe deshalb davon aus, dass das Defizit "nicht allein über Zusatzbeiträge der Krankenkassen" ausgeglichen werden könne.

Wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Krise entwickeln sich die Einnahmen des Gesundheitsfonds sehr schwach, während die Ausgaben stark steigen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen fordert die künftige schwarz-gelbe Koalition daher zu einem Sparpaket auf. Die Einnahmen von Pharmaindustrie, Krankenhäusern und Ärzten dürften nicht ungebremst steigen. Zudem verlangt der Verband, den Steuerzuschuss an die Kassen anzuheben - oder aber den allgemeinen Beitragssatz.

Nach der offiziellen Schätzung bekommen die Kassen im kommenden Jahr 166,4 Milliarden Euro aus dem Gesundheitsfonds zugewiesen. Ihre Ausgaben summieren sich aber voraussichtlich auf 174,2 Milliarden Euro.

Sozialverbände drohen mit Protesten

Das Desaster der gesetzlichen Krankenversicherung ruft auch die Sozialverbände auf den Plan. "Der Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung müsste so festgelegt werden, dass die Ausgaben abgedeckt werden", sagte der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Adolf Bauer, der "Neuen Presse". "Und dieser Beitrag sollte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern wieder zu gleichen Teilen aufgebracht werden." Gegenwärtig zahlen die Arbeitnehmer mehr als die Arbeitgeber. Wenn die Unterfinanzierung nicht gelöst werde, "werden die Patienten noch stärker als bisher mit Zusatzbeiträgen und Zuzahlungen belastet", warnte Bauer. Das könnten viele Menschen aber nicht leisten.

Auch der Sozialverband VdK äußerte die "große Befürchtung", dass die künftige schwarz-gelbe Koalition den Weg für höhere Zusatzbeiträge ebnen werde. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher sagte der "Frankfurter Rundschau", nach ihrer Einschätzung "mehren sich jetzt bei Union und FDP die Stimmen", die höhere Extrabeiträge befürworten.

Bisher ist die Höhe auf maximal 37 Euro pro Monat begrenzt. Einen solchen Extrabeitrag dürfen Kassen erheben, wenn sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten und der allgemeine Beitragssatz nicht ausreicht, um die Kosten zu decken.

"Fauler Kompromiss"

Höhere Extrabeiträge werde der VdK nicht akzeptieren, sagte Mascher. Sollten die Versicherten zusätzlich zur Kasse gebeten werden, werde der Verband "alles mobilisieren, was mobilisiert werden kann". Stattdessen forderte Mascher höhere staatliche Zuschüsse für das Gesundheitswesen.

Das Thema ist auch deshalb heikel, weil es die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP belastet. An diesem Mittwoch nehmen die Parteien ihre Beratungen über die künftige Gesundheitspolitik auf. Die FDP will den Gesundheitsfonds komplett abschaffen, was die Union ablehnt.

FDP-Vize Andreas Pinkwart kritisierte in den "Ruhr Nachrichten": "Der Gesundheitsfonds macht vieles teurer, aber nichts besser." Er sei ein "fauler Kompromiss" der Großen Koalition.

Um die Finanzlücke zu schließen, könnte die Bundesregierung mehr Steuergelder als geplant in den Gesundheitsfonds fließen lassen - oder ein neues Sparpaket für das Gesundheitswesen beschließen. Möglich wäre auch eine Anhebung des allgemeinen Beitragssatzes über die gegenwärtigen 14,9 Prozent hinaus. Allerdings gibt es bei Union und FDP deutliche Vorbehalte gegen höhere Sozialabgaben.

wal/AP/ddp/dpa-AFX

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 1429 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.10.2010 von zara.amy: Das wichtigste wird mal wieder übersehen!

Der wichtigste Hauptsinn des Gesundheitsfonds ist gemäß der EU-Menschenrechte zu verhindern dass es Leute (vor allem chronisch Kranke in schwierigen Lebenslagen waren hochgefährdet und ja ich wäre es auch gewesen wenn es den [...] mehr...

14.10.2010 von katzenliebhaber1:

Sehr geehrter Forist, Gleich heute früh hatte ich Ihnen eine Antwort geschrieben. Die Veröffentlichung blieb aus. Warum auch immer. .... mehr...

13.10.2010 von Neuer Debattierer:

Das wird die zusätzliche Bürokratie wg. Datenübermittlung etc. auch nicht wesentlich verringern. Ein automatischer Sozialausgleich über einkommensabhängige Beiträge ist noch immer der praktikabelste Weg. In der Schweiz [...] mehr...

12.10.2010 von katzenliebhaber1:

Nochmal, meiner Meinung nach sollte das Finanzamt zur Datenerfassung zuständig sein. Wissen Sie wie der Sozialausgleich in anderen Ländern bewerkstelligt wird, zB in der Schweiz? mehr...

10.10.2010 von Neuer Debattierer:

Mit "Befreiungskarte" meinen Sie wohl die Befreiung von weiteren Zuzahlungen. Die gibt es jedoch erst, wenn ein Versicherter zwei Prozent (chronisch Kranke ein Prozent) seines jährlichen Bruttohaushaltseinkommens für [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Gesundheitssystem

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der Gesundheitsfonds

In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.


Zur Großansicht
DER SPIEGEL


Die Gesundheitsreform der Großen Koalition

Ein-Prozent-Klausel

Die SPD hat eine ihrer Hauptforderungen durchgesetzt - zumindest vordergründig: Der Zusatzbetrag, den die Kassen von ihren Versicherten erheben dürfen, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen, darf nicht mehr als ein Prozent des Haushaltseinkommens der Versicherten betragen. Die Union hat allerdings eine Ausnahme von der Ein-Prozent-Regel erstritten: eine pauschale Prämie.

Pauschale Prämie

Fonds

Private Kassen

Finanzausgleich

Kinder





TOP



TOP