Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma
Veronica Ferres ist die Trümmerfrau des deutschen Bewegtbildes. Am heutigen Donnerstag kommt sie mit "Unter Bauern" in die Kinos. Der Film erzählt die Geschichte einer Jüdin, die mit ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs auf einem Hof im Münsterland usw.
Für Ferres war die Rolle eine totale Herausforderung, die sie emotional an die Grenzen eigener Leidensfähigkeit brachte: Zum Beispiel musste sie beim Dreh singen und klobige Stiefel tragen. Sie saugt solche Rollen förmlich auf, vor allem, wenn die zugleich derart authentisch sind wie die Geschichte von Marga Spiegel, die übrigens noch lebt. Für Frau Ferres ist das ideal, denn nun kann sie die alte Dame überall vorzeigen von "Wetten, dass..?" bis "Beckmann". Frau Spiegel kann lange nicht so betroffen gucken, aber sie ist eben Laie.
Ferres hat bereits viele Figuren in Grund und Boden gemimt
Ferres dagegen hat schon das Elend der "Frau vom Checkpoint Charlie" und vieler anderer Figuren in Grund und Boden gemimt. Eine blonde Jüdin hat ihr im Repertoire noch gefehlt. Am liebsten spielt sie mittlerweile Frauen, die in Krise und Katastrophe um sie herum patent ihren Mann stehen. Als nächstes könnte sie für Arte "Anna Holm - Die Frau des Derivatehändlers" werden.
Noch besser wäre indes, wenn sie jetzt schnell dem Untergang der SPD ein Gesicht gäbe. Ihres.
La Ferres als Frau Steinmeier wäre möglich, aber nicht adäquat. Besser stünde ihr die Rolle von Michelle, der blutjungen Lebensgefährtin von Immer-noch-Parteichef Franz Müntefering, von dem es heißt, dass er August Bebel bereits persönlich die Hand geschüttelt hat. Für die mehrfache Trägerin aller bekannten und unbekannten Medienpreise der Republik wäre das eine wahn-sin-ni-ge Herausforderung: 146 Jahre Sozialdemokratie, Aufstieg und Fall einer Idee, bitterstes Arbeitermilieu mit Klo im Hof und Ruß im Gesicht. Un-glaub-lich deutsch auch. Eigentlich ein ZDF-Vier- bis Sechsteiler.
Münteferings Rolle müsste Armin Müller-Stahl übernehmen. Und an der Seite des großen Vorsitzenden: Ferres als das anfangs naive Ding, das allmählich erwacht in all dem Chaos und ideologischen Zerfall um sie herum. Sie kann nicht nur koscher, sie kann auch Kassler mit Kraut. Vor der Premiere nähme sie die Original-Michelle natürlich mit zu Promo-Terminen bei Kernerbeckmanngottschalk. Dann würde die Schauspielerin sehr betroffen neben der echten "Vorwärts"-Autorin sitzen und sagen, wie gut man sich versteht und dass sie hier an die Grenzen eigener Leidensfähigkeit gegangen ist und einmal sogar in klobigen Stiefeln die Internationale singen musste.
Ferres hat proletarische Street Credibility
Und das wäre erst der Anfang. Die TV-Movies von Frau Ferres haben bisweilen über zehn Millionen Zuschauer. So viele Stimmen hat Deutschlands Sozialdemokratie seit Gerhard Schröder verloren, zu dem wiederum ihr Lebensabschnittsgefährte Carsten Maschmeyer super Connections hat.
Das alles kann kein Zufall sein. Da läuft doch längst was in den Hinterzimmern der alten Nomenklatura. Als Tochter eines Kartoffelhändlers bringt die Tragödin proletarische Street Credibility mit. Wenn die SPD diese professionelle Vertreterin der (Trauer)Arbeiterschaft dann noch in ihrem Heimatwahlkreis Solingen-Remscheid-Wuppertal II kandidieren lässt, könnte man das quasi von ganz unten inszenieren mit gefühlsechter Kitsch-Grandezza.
Auch charitymäßig wäre einiges drin, dank guter Kontakte zur "Bunten"… ja, warum denn nicht? Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum, nicht wahr? Ferres als SPD-Kanzlerin wäre eine Win-Win-Situation. Eine deutsche Karriere! Eine Frau geht ihren Weg! Ab Herbst 2013 überall im Land! Ein Leben mit ganz vielen Ausrufezeichen!
Soll man das Sigmar Gabriel oder Andrea Nahles überlassen? Eben.
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