Von Carsten Volkery
London - Die Haltung der Anglikanischen Kirche zur Finanzkrise war bislang eindeutig: Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers vor einem Jahr bezeichnete der Erzbischof von York, John Sentamu, die Banker wenig subtil als "Bankräuber". Der Markt scheine "nach den Regeln von Alice im Wunderland" zu funktionieren, schimpfte der Würdenträger. Auch der Rest der Gesellschaft hatte in seinen Augen schwere Schuld auf sich geladen. "Wir sind alle in den Tempel des Geldes gegangen", sagte der empörte Bischof und zitierte einen Bibelspruch: "Die Liebe zum Geld ist die Wurzel alles Bösen."
Vor zwei Wochen wiederholte sein Kollege Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, die Kritik der Kirche am Finanzunwesen. Er warf den Bankern vor, keine Lehren aus der Krise gezogen zu haben. "Es fehlt, was ich als Christ Reue nennen würde", sagte er der BBC. Erneut kritisierte er den "Götzendienst" gegenüber dem Geld.
Doch mit der Kritik ist es jetzt vorbei: Mit Überraschung wurde diese Woche ein Schreiben aufgenommen, in dem die Anglikanische Kirche sich zur Anwältin von Hedgefonds aufschwingt - also jenen Investmentvehikeln, die gern mit hohen Schulden arbeiten und leicht zum Systemrisiko werden.
"Wir brauchen Freiheit, um die besten Fonds auszusuchen"
Man sei besorgt, dass die EU-Richtlinie für Hedgefonds "bedeutende unbeabsichtigte Nebenfolgen" haben werde, heißt es in dem Brief an den Ausschuss für Europa-Angelegenheiten im englischen Oberhaus. Und ein bisschen deutlicher heißt es noch: "Um unsere Profite zu maximieren, brauchen wir die Freiheit, die besten Investmentmanager und Fonds auszusuchen."
Tatsächlich ist die Hedgefonds-Richtlinie, über die gerade in Brüssel verhandelt wird, eines der zentralen Instrumente der Finanzmarktregulierung nach dem Banken-Crash. Der Vorschlag der EU-Kommission führt strikte Grenzen für Fremdkapital ein und schreibt Fonds-Managern vor, vor allem in europäische Finanzprodukte zu investieren. Damit sollen die Hedgefonds aus ihrem Steueroasen-Schattenreich ins Licht der Öffentlichkeit gezwungen werden.
Die Anglikanische Kirche und fünf weitere britische Wohltätigkeitsorganisationen beklagen sich nun in dem Brief, dass die neuen Regeln ihre Einkünfte schmälern würden - und damit auch ihre Möglichkeiten, Gutes zu tun. Die Unterzeichner verwalten ein Vermögen von insgesamt 19,5 Milliarden Pfund. Etliche Milliarden davon sind in renditestarken Hedgefonds angelegt. Jedes Jahr gäben sie 900 Millionen Pfund für das Gemeinwohl aus, schreiben sie.
Für Kirchenkenner kommt das Renditedenken der Bischöfe nicht wirklich überraschend - denn in Geldfragen legen die Kleriker seit Jahrtausenden eine Doppelmoral an den Tag. Die breitere Öffentlichkeit dürfte sich über die flammende Verteidigung der Hedgefonds dennoch wundern. Denn damit stellt sich die Anglikanische Kirche an die Seite der mächtigen Finanzlobbyisten, die sie sonst so gern verteufelt. Vergangenen Monat erst war Londons Bürgermeister Boris Johnson mit einer Delegation aus der Londoner City nach Brüssel gereist, um sich über die Hedgefonds-Richtlinie zu beschweren.
Feinster Banker-Jargon
Im feinsten Banker-Jargon argumentieren die Kirche und die Wohltätigkeitsorganisationen in ihrem Brief, der EU-Plan erschwere den Zugang zu außereuropäischen Fonds und Fondsmanagern. Da 95 Prozent der globalen Hedgefonds derzeit nicht in der EU angesiedelt seien oder aber keine europäischen Manager hätten, würden europäische Anleger in ihren Wahlmöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Zudem bestehe das Risiko, dass "die Besten" aus der Zunft der Fondsmanager das Weite suchten statt sich mit den "lästigen EU-Regeln" herumzuschlagen.
Auch die Grenzen für den Einsatz von Fremdkapital seien in der EU-Richtlinie "nicht angemessen definiert", heißt es in dem Schreiben. Aus Anlegersicht sei Fremdkapital ein nützliches Instrument, um den Gewinn zu maximieren. Zwar unterstütze man grundsätzlich Maßnahmen gegen Systemrisiken, die durch den übertriebenen Einsatz von Fremdkapital entstehen. Doch sei es besser, dies nicht durch eine Sonderbehandlung von Investmentfonds zu tun.
Der Protest ist zwar überraschend, aber verständlich: Denn die Anglikanische Kirche braucht gute Anlagemöglichkeiten und clevere Fondsmanager mehr denn je. Ihre Reserven sind in der Krise schon deutlich geschmolzen - von 5,7 Milliarden im Jahr 2007 auf derzeit 4,4 Milliarden Pfund. Während des Booms haben sich die Kirchen-Manager mit ihren überdurchschnittlichen Renditen gebrüstet. Doch die 20-Prozent-Renditen der Vergangenheit sind auch mit Gottes Hilfe nicht mehr zu erzielen.
Vor dem Hintergrund wirkt es ironisch, wenn der Erzbischof von Wales, Barry Morgan, sich darüber freut, dass die Rezession das Marktdenken und das "übersteigerte Eigeninteresse" diskreditiert habe. Endlich werde in der Öffentlichkeit wieder über Moral geredet, sagte er kürzlich bei einem Kirchentreffen in Wales. Und Christen müssten dabei die Führung übernehmen.
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