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12.11.2009
 

Wirtschaftsethik

Warum Egoismus im Geschäftsleben schadet

Von Michael Kröger

Geld, Geld, Geld: Der Homo oeconomicus denkt nur an seinen persönlichen NutzenZur Großansicht
Corbis

Geld, Geld, Geld: Der Homo oeconomicus denkt nur an seinen persönlichen Nutzen

Misstrauen ist ein Motivationskiller erster Güte: Ein Bonner Forscher beweist mit schlichten Experimenten, wie ein autoritärer Führungsstil den Unternehmenserfolg gefährdet. Wer seine Mitarbeiter fair behandelt, erreicht mehr - das Menschenbild der gängigen Wirtschaftstheorie gerät ins Wanken.

Berlin - Mehr als hundert Jahre schon geistert er durch die Wirtschaftswissenschaft: der "Homo oeconomicus", jener rational und eigennützig handelnde Modellmensch, dessen Ellenbogenmentalität nach Überzeugung der Gelehrten in jedem von uns zu finden ist. Nach der reinen Lehre sind diese Eigenschaften, die das Gemeinwohl auf den ersten Blick hintanstellen, unverzichtbar. Denn letztlich dienen sie dazu, den Wohlstand aller zu mehren.

Dekade um Dekade folgen seitdem Unternehmer und Manager diesem Leitbild. Sie drücken die Löhne - und argumentieren dabei mit der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen und der Sicherung von Arbeitsplätzen. Dabei kontrollieren sie ihre Mitarbeiter streng, weil sie überzeugt sind, dass diese sich sonst ihren Verpflichtungen entziehen. Schließlich, so die Theorie vom Homo oeconomicus, wollen alle Menschen ihren persönlichen Nutzen steigern - und das tun Arbeitnehmer eben, indem sie für ihren Lohn so wenig wie möglich arbeiten.

Doch womöglich haben Theoretiker und Wirtschaftsbosse allesamt einen großen Fehler gemacht. Haben sie all die Jahre gar auf zusätzlichen Wohlstand verzichtet - weil Egoismus eben doch mehr schadet als nützt? Weil die Lehre vielleicht in autoritär strukturierten Gesellschaften funktioniert, nicht aber dort, wo eigenverantwortliche Menschen sich zum Gemeinwesen bekennen?

Bruch mit der traditionellen Lehre

Den Beleg dafür, dass es mit Fairness und Vertrauen besser geht, glaubt Armin Falk liefern zu können. Ihm genügen ein paar einfache Experimente, um den Homo oeconomicus zu widerlegen - oder zumindest als nicht mehr konkurrenzfähig zu entlarven im Wettstreit mit dem modernen Wirtschaftsmenschen. Gemeinsam mit Psychologen, Genetikern und Neurowissenschaftlern entwickelte Falk Feld- und Laborexperimente, die das Bild des sozialignoranten Egoisten in Frage stellen. An seine Stelle tritt ein Mensch, der Fairness und Gerechtigkeit höher bewertet als die schlichte Maximierung des Eigennutzes - und dies auch von seinem Gegenüber verlangt.


Falk ist Professor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. Seit langem erforscht er das Menschenbild, das unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegt. Als Diplomand stieß er mit seinem Themenvorschlag "Ökonomie und Vertrauen" noch auf Unverständnis bei seinem Professor. Doch inzwischen ist Falk Leibniz-Preisträger, seine Studien erregen international große Aufmerksamkeit.

Dabei bricht Falk nicht allein mit den traditionellen Lehren der Zunft. Auch seine Methodik unterscheidet sich: Mit Rollenspielen im Labor führte er die Wirtschaftswissenschaft wieder an die Realität heran und stellte jenes Subjekt in den Mittelpunkt, um das es eigentlich geht. Den Menschen.

Emotionen beeinflussen Entscheidungen

Seine Forschungen gehören zu der noch recht jungen Disziplin der Neuroökonomie, in der Neurowissenschaften und Wirtschaftswissenschaften zusammengeführt sind. Die ersten Aufsätze wurden in den neunziger Jahren veröffentlicht und stießen zunächst auf das Interesse von Marketingexperten, die zum Beispiel herausfinden wollten, wie enge Verbundenheit zu einer bestimmten Marke entsteht. Doch die Verkaufsprofis blieben nicht lange allein. Denn schnell setzte sich die Erkenntnis durch, dass Emotionen in hohem Maße Entscheidungen im Wirtschaftsleben beeinflussen. So versuchten die Forscher herauszubekommen, wie sich Angst auf das Verhalten von Aktienanlegern auswirkt


Falk geht noch einen Schritt weiter. Er untersucht die Frage, wie ethische Werte - Vertrauen oder Fairness etwa - das Verhalten bestimmen. Zu seinen bekanntesten Experimenten gehört das sogenannte Ultimatum-Spiel: Einer der Probanden - der Geber - erhält zehn Euro, die er nach eigenem Ermessen mit einer anderen Versuchsperson teilen kann. Der andere - der Nehmer - entscheidet anschließend, ob er die Aufteilung akzeptiert oder ablehnt. Fällt die Antwort positiv aus, so gilt das Geschäft. Lehnt er aber ab, bekommen beide nichts.

Fairness wiegt mehr als der eigene Gewinn

Der althergebrachten Lehre zufolge würde man erwarten, dass der Nehmer akzeptiert, selbst wenn er von den zehn Euro nur einen abbekommt, denn das ist besser als nichts. Das Ergebnis des Laborversuchs fällt jedoch anders aus. Die überwiegende Mehrzahl der Nehmer lehnte Angebote ab, in denen ihr Anteil weniger als 40 Prozent ausmachte. Falks Analyse: "Lieber hat der eine gar nichts, als dass der andere 80 Prozent für sich behalten darf. Der eine bestraft also den anderen und ist auch bereit, die Kosten dafür zu tragen."

Die Gegenprobe fällt genauso deutlich aus. Erneut spielen zwei Akteure, wobei diesmal jeder zehn Euro bekommt. Der erste Spieler kann nun dem ihm unbekannten zweiten jeden Betrag zwischen null und zehn Euro überweisen. Die Summe, die er überweist, wird vom Versuchsleiter verdreifacht. Jetzt ist der zweite Spieler am Zug: Er kann wieder einen Betrag seiner Wahl zurück überweisen, der dann aber nicht verdreifacht wird. Den größtmöglichen Gewinn hätten beide, wenn der erste seine gesamte Habe überweist, im Vertrauen darauf, dass der andere anschließend den Gesamtgewinn teilt. In diesem Idealfall hätten beide am Ende 20 Euro.

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