Samstag, 21. November 2009

Wirtschaft



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26.10.2009
 

Arbeitende Rentner

Malochen bis zum Tod

Von Matthias Lauerer

Ruheständler bei Handwerkstätigkeit: Zahl der arbeitenden Rentner stieg um 29 Prozent
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Corbis

Ruheständler bei Handwerkstätigkeit: Zahl der arbeitenden Rentner stieg um 29 Prozent

Hunderttausende Rentner arbeiten auch noch im Ruhestand - oft aus reiner Geldnot. Für viele reicht die staatliche Rente nicht zum Leben, mit Mini-Jobs halten sie sich knapp über Wasser. SPIEGEL ONLINE traf Malocher jenseits der 70.

Hamburg - Ernst Möller ist 73 Jahre alt, er wohnt mit seiner Frau Karin in einer Vier-Zimmer-Wohnung im mecklenburgischen Boizenburg. Wenn in seinem Leben alles rund gelaufen wäre, dann bräuchte der Rentner heute keine Arbeit mehr. Doch es lief nicht alles rund.

Nach der Volksschule machte Möller zunächst eine Bergmannslehre, später wechselte er ins Baugewerbe. Ein Besuch in der DDR im Frühjahr 1961 veränderte sein Leben. Der Bruder seiner Freundin überredete die beiden, doch einfach bei ihm im Osten zu bleiben. Möller ging darauf ein, schraubte als Schlosser an Kombinatstraktoren und arbeitete später als Melker. 2000 stand endlich seine Rente an. Doch die reicht bis heute nicht aus: "Ich lebe von 530 Euro im Monat. Ohne meine gute Frau, die in der Woche für 22 Euro Lebensmittel einkauft, wäre ich völlig aufgeschmissen."

Zunächst behalf sich Möller mit einem schlecht bezahlten Mini-Job als Hausmeister. Sechs Jahre lang sah er in großen Mietshäusern nach dem Rechten, war für vier Gebäude zuständig, arbeitete dort von 8 bis 12 Uhr. Möller war vor Ort, schippte im Winter auch nachts den Neuschnee. Doch sein Arbeitgeber wollte die Stelle lieber mit einer Ein-Euro-Kraft besetzen, erzählt Möller. Und so verlor der 73-Jährige seinen 400-Euro-Job. Seitdem sucht er nach neuer Arbeit.

"Die Menschen quälen sich"

In Deutschland müssen Hunderttausende Rentner auch nach ihrer Pensionierung malochen. Viele von ihnen halten sich mit lausig bezahlten Mini-Jobs über Wasser, das belegen Zahlen der Gewerkschaften Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und Ver.di. Waren es vor sechs Jahren bereits 559.203 ältere Menschen, die mit Mini-Jobs ihre Rente aufbesserten, so stieg deren Zahl bis 2007 auf 722.953. Eine satte Steigerung um gut 29 Prozent. In Nordrhein-Westfalen erhöhte sich die Zahl der arbeitenden Rentner sogar um knapp 35 Prozent.

Natürlich arbeiten manche Rentner freiwillig. Weil sie in ihrem Job Erfüllung finden. Oder weil sie gerne Zeit mit anderen Menschen verbringen. Doch für viele Ruheständler ist der Job einfach nur Pflicht - aus schlichter Geldnot.

Lutz Tillack kennt viele Rentner wie Ernst Möller, er ist Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in der Region Hamburg und Elmshorn: "Wir sehen hier eine Fehlentwicklung, die immer rasanter um sich greift." Gegenwärtig hat Tillack vier Fälle auf dem Schreibtisch liegen. "Ich kenne die Menschen persönlich, ich weiß, wie die sich quälen. Ihre Situation ist einfach beschämend."

In anderen Bundesländern ist die Situation vergleichbar. "Im Handel finden Sie viele Rentner, die Regale auffüllen. Andere arbeiten als Zeitungszusteller", berichtet der Landesbezirksvorsitzende der NGG für Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz/Saar, Uwe Hildebrandt. "Und große Autohäuser schicken Rentner zum Amt, um die neuen Pkw anzumelden. Denn die alten Leute stellen sich auch für wenig Geld in die Schlange."

Rentner, die in Mülltonnen nach Essen suchen

Laut Deutscher Rentenversicherung erhielten Männer in den alten Bundesländern 2008 durchschnittlich 912 Euro Rente im Monat, in den neuen Bundesländern waren es 932 Euro. Frauen erhielten 640 Euro in den neuen und nur 503 Euro in den alten Bundesländern.

Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 liegt Deutschland beim Rentenniveau im Verhältnis zum letzten Arbeitslohn auf dem viertletzten Platz. 39,9 Prozent erhalten deutsche Rentner, griechische Ruheständler kommen im Schnitt auf 95,7 Prozent des letzten Gehalts.

Für viele alte Menschen heißt das: sparen, sparen, sparen. "Auf dem Wochenmarkt sehe ich Rentner, die in Mülltonnen nach Obst und Gemüse suchen. Das darf doch nicht sein!", sagt Dieter Balck empört. Der 68-Jährige ist Bundesvorsitzender der Rentnerpartei Deutschland. Balck wünscht sich für seine Klientel "ein neues Rentensystem", in das "alle einzahlen". Dabei schwebt ihm das Schweizer Modell vor - eine steuerfinanzierte Basisrente für alle. Es müsse eine Grundrente geben, "die zum Überleben reicht", fordert der Politiker.

"Ich hoffe einfach auf gute Gesundheit"

Dabei fängt das Problem schon viel früher an - nicht erst im Ruhestand, sondern schon während des Erwerbslebens. "Hungerlöhne führen zu Hungerrenten", sagt Michaela Gehms vom Sozialverband Deutschland in NRW. "Es darf nicht sein, dass Menschen, die ein Leben lang in die Sozialkassen eingezahlt haben, eine Rente unterhalb der Armutsgrenze bekommen. Wir fordern einen gesetzlichen Mindestlohn."

Für die Rentner von heute ist das allerdings keine Lösung - sie müssen sich selbst helfen. Einer von ihnen ist Heinrich S., er lebt im Osten der Republik. "Noch verdiene ich mir im Monat ein paar Hundert Euro dazu." Der 73-Jährige verfasst freiberuflich Artikel für Fachmedien. "Aber ich habe Angst was wird, wenn ich einmal nicht mehr schreiben kann."

Nach Abzug des Krankenkassenbeitrags bleiben Heinrich S. rund 800 Euro im Monat. "In stillen Momenten denke ich: 'Du hast lebenslang bekommen!'" Er hoffe einfach weiter "auf gute Gesundheit".

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1962 66+8 2027
1963 66+10 2028
ab 1964 67+0 2029
* in Jahren + Monaten
Ab 2012 steigt das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre. Die Umstellung beginnt mit dem Geburtsjahrgang 1947. Menschen, die in diesem Jahr geboren wurden, müssen einen Monat länger arbeiten, wenn sie ihre Rente vollständig erhalten wollen. Bis 2023 kommt dann für die einzelnen Jahrgänge jeweils ein Monat Mehr-Arbeitszeit hinzu. Ab 2024 geht es weiter mit Zwei-Monats-Schritten. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 gilt so schließlich das neue Rentenalter 67.

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Was unter dem Namen "Riester- Rente" bekannt wurde, ist der Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge, die von dem ehemaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD) eingeführt wurde: Seit 2002 fördert der Staat diese zusätzliche Vorsorge in Form von Zulagen und Steuervorteilen. Dafür stellt der Staat ab 2008 rund 12 Mrd. € zur Verfügung. Wer ab 2008 insgesamt vier Prozent seines Vorjahreseinkommens anlegt, erhält vom Staat eine maximale Zulage von 154 Euro pro Jahr. Die staatliche Förderung wird auf den Anlagebetrag angerechnet, dieser ist allerdings auf 2.100 Euro begrenzt. Er kann aber als zusätzliche Sonderausgabe steuerlich geltend gemacht werden.







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