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24.11.2009
 

Krise der Sozialversicherung

Rente verkommt zum Hungerlohn

Von Sven Böll

Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?Zur Großansicht
DPA

Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?

Das Rentensystem steht vor dem Kollaps: Ein heutiger Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre lang Beiträge zahlen, um später gerade mal ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu erhalten. SPIEGEL ONLINE zeigt anhand neuer Berechnungen das Debakel der staatlichen Altersvorsorge.

Hamburg - Der Standardrentner ist eigentlich ein vorbildlicher Zeitgenosse: Bis zu seinem Ruhestand arbeitet er 45 Jahre, zahlt immer brav seine Beiträge in die Alterskasse und verdient stets das Durchschnittseinkommen aller Versicherten. Der aktuelle Lohn dieses perfekten Sozialstaatsbürgers, der den Behörden zur Berechnung des allgemeinen Niveaus der Alterseinkünfte dient: eine monatliche Rente in Höhe von 1224 Euro im Westen der Republik - und von 1086 Euro im Osten.

Also durchaus Summen, mit denen man im Alter zwar nicht 24 Stunden am Tag die Puppen tanzen lassen kann, die aber alles andere als nackte Armut bedeuten. Zumal viele Rentner noch zusätzliche Einnahmen etwa aus Lebensversicherungen haben oder mietfrei wohnen.

Alles prima also in der Rentnerrepublik Deutschland? Nicht wirklich.

Die guten alten Zeiten, als die Renten unter Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl noch Jahr für Jahr stiegen, weil auch die Ruheständler vom zunehmenden Wohlstand der Gesellschaft profitieren sollten, sind vorbei. Das Rentenniveau, das die Bezüge des Standardrentners ins Verhältnis zum Durchschnittseinkommen aller Beitragszahler setzt, lag in den fünfziger Jahren noch bei mehr als 57 Prozent. Mitte dieses Jahrzehnts waren es noch gut 48 Prozent, 2040 sollen es nur noch um die 40 Prozent sein.

Das bedeutet: Wer in 30 Jahren in Rente geht, bekommt rund 20 Prozent weniger Leistungen als jemand, der vor kurzem in den Ruhestand wechselte. Das ist zwar keine Rentenkürzung im eigentlichen Sinne - denn das hieße, aktuelle Leistungen zu beschneiden. Aber die meisten Rentner von morgen werden das niedrigere Rentenniveau trotzdem als genau das empfinden. Wie auch immer man die Absenkung des Rentenniveaus bezeichnet - die Folgen sind klar: "In Zukunft lässt sich mit der gesetzlichen Rente nicht mehr der aus dem Erwerbsleben gewohnte Lebensstandard sichern", sagt der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen.

Die Renten werden kaum noch steigen

Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass die Renten bis 2016 kaum steigen werden. Das hat allerdings wenig mit den vergangenen Rentenreformen von Rot-Grün und der Großen Koalition zu tun, sondern mit dem mangelnden politischen Mut der Gegenwart. Denn mit den rund 20 Millionen Ruheständlern, die immerhin jeden dritten Wahlberechtigten stellen, will sich kein Politiker anlegen. Deshalb sind die Renten 2008 stärker gestiegen als per Gesetz vorgesehen. Und deshalb sinken sie kommendes Jahr nicht - obwohl sie es laut Formel müssten. Was Politiker ungern sagen: Die Erhöhungen in den besseren Zeiten fallen so lang geringer aus, bis der Rückstand wieder aufgeholt ist.

Klar ist somit: Die Altersbezüge werden auch künftig noch steigen - aber höchstens um mickrige Beträge. Weil aber die Inflation ihr Übriges tut, kann durchaus aus einem kleinen Renten-Plus immer öfter ein realer Verlust an Kaufkraft werden.

Was geringere Rentenanstiege mitsamt Inflation für die Rentner von morgen bedeuten, hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge für SPIEGEL ONLINE berechnet. So wird ein Durchschnittsverdiener mit einem Bruttoverdienst in Höhe von 2500 Euro, der im Jahr 2020 in den Ruhestand geht - also ungefähr Ansprüche in Höhe eines Standardrentners hat -, voraussichtlich von der Versicherung gut 1280 Euro überwiesen bekommen. Dafür kann er sich dann aber nur noch so viel leisten wie heute für knapp 1030 Euro. Zum Vergleich: Der heutige Standardrentner bekommt derzeit im Westen der Republik real fast 200 Euro mehr.

Wie hoch Ihre Rente sein wird und was Sie sich dafür in Preisen von heute kaufen können (in Euro)
Geburtsjahrgang / Rentenbeginn 1955 / 2020 1965 / 2032 1975 / 2042 1985 / 2052
Bruttoeinkommen pro Monat nominal (real) nominal (real) nominal (real) nominal (real)
1500   779     (624) 1040     (667) 1397     (732) 1698     (727)
2500 1284   (1028) 1714   (1099) 2292   (1201) 2708   (1159)
3500 1552   (1243) 2118   (1358) 2800   (1467) 3035   (1299)
4500 1989   (1593) 2715   (1741) 3589   (1880) 3737   (1600)
5500 2404   (1925) 3243   (2079) 4256   (2230) 4367   (1869)
Annahmen: Inflation 2% p.a.; Lohnsteigerung 2,5% p.a
Beginn der Beitragszeit bei Einkommen zwischen 1500 und 2500 mit 25 Jahren und bei Einkommen darüber mit 30 Jahren
Rentenbeginn zum gesetzlich vorgeschriebenen Zeitpunkt
Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge

Was diese nicht gerade euphorische Berechnung noch problematischer macht, ist die Tatsache, dass der Standardrentner eine rein fiktive Größe zur Berechnung der Alterseinkünfte ist - nicht mehr als ein Relikt der guten alten Bundesrepublik. Denn mit 65 Jahren auf eine Erwerbsbiografie von viereinhalb Jahrzehnten und einen stetigen Durchschnittsverdienst zurückzublicken, ist bereits heute nicht eben einfach. Und in Zukunft wird es noch schwieriger.

Schließlich sind die kuscheligen Zeiten, als sich jeder nur ein bisschen anstrengen musste, irgendwie Karriere machte und mit Anfang 60 auf ein zufriedenes Arbeitsleben zurückblickte, lange vorbei. Heute haben immer mehr Lebensläufe Brüche, an eine Festanstellung schließt sich mal eine freie Tätigkeit oder Teilzeitarbeit an - und auch mal eine Phase der Arbeitslosigkeit. Viele Arbeitnehmer werden gar wie in einer Drehtür zwischen Job und Arbeitsamt hin- und hergeschubst. Von nennenswerten Lohnerhöhungen, mit denen auch die Rentenansprüche steigen, können viele Arbeiter und Angestellte ebenfalls seit Jahren nur noch träumen. Nach Abzug der Inflation bleibt oft sogar ein Minus.

Hinzu kommt: Viele Deutsche verdienen - das liegt in der Natur der Statistik - weniger als das Durchschnittseinkommen, das derzeit bei rund 31.000 Euro im Jahr liegt. Also gut 2500 Euro monatlich. Betroffen von geringen Löhnen sind längst nicht mehr nur traditionell schlecht bezahlte Jobs wie Kellner, Krankenpfleger und Coiffeure. Mehr als sechs Millionen Menschen arbeiten mittlerweile im Niedriglohnsektor. Und nur wenige davon schaffen den sozialen Aufstieg.

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Die neuesten Beiträge:
21.10.2010 von Noodles: Wohin soll denn die Reise gehen ?

Wo in Europa soll es sein, das schöne Land wo Sie gänzlich ohne Abgaben an den Staat froh und glücklich werden können, um später in Deutschland Rente zu kassieren. Ich fürchte nur mit der Qualifikation, die man aus Ihren [...] mehr...

21.10.2010 von bammy:

Also setzen Sie jede Menge ehrbarer Kaufläute mit Drogenhändler gleich und unterstellen denen auch Diebe und Betrüger zu sein? mehr...

21.10.2010 von bammy:

Alleine die Allianz hat ein Jahresumsatz von knapp 100Mrd. Und da meinen Sie, das die 7Mrd für die gesamte Versicherungswirtschaft, die Allianz vor dem Ruin gerettet hätte. Die Allianz hat zu dem Zeitpunkt ordentlich Kohle in [...] mehr...

20.10.2010 von Nonvaio01: Wieso?

Wieso? Wenn ich im rentenalter bin und wieder nach D gehe bekomme ich einen mindestanspruch an Rente. Oder Sozial hilfe wie auch immer Sie das nennen wollen, kommt aufs gleiche raus. mehr...

20.10.2010 von DanT.:

Mondpensionen, das muss ganz dick unterstrichen werden! Pensionen sind bei 2000-3000 Euro zu deckeln, da kann man zig Milliarden einsparen! mehr...

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  • Ich halte nichts von Panikmache - irgendwie wird's im Alter schon gutgehen.
  • Meine gesetzliche Rente dürfte trotz allem ausreichen.
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Die Berechnung der Rentensteigerung

Lohn der Arbeitnehmer

Das Prinzip der dynamischen Rente besagt, dass die Rentner vom steigenden Wohlstand der Arbeitnehmer proftieren sollen. Deshalb steigen die Bezüge der älteren Generation grundsätzlich um den gleichen Prozentsatz, mit dem sich auch der Durchschnittslohn je Arbeitnehmer im Vorjahr erhöht. Vereinfacht gesagt: Verdient ein durchschnittlicher Arbeitnehmer dank Lohnererhöhungen zwei Prozent mehr, erhöht sich auch die Rente entsprechend. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren zwei Faktoren eingeführt, die den Rentenanstieg bremsen.

Riester-Faktor

Nachhaltigkeitsfaktor

Rentengarantie


Die Säulen des Sozialsystems

Arbeitslosenversicherung

Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.

Krankenversicherung

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