Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma
Hamburg - Das ZDF und Afghanistan ähneln einander: Beide fühlen sich bisweilen von Besatzungsmächten regiert. Hier wie dort werden einige Provinzen von despotischen Warlords beherrscht. Der Vorwurf des Wahlbetrugs macht die Runde. Jeden Tag kommt es irgendwo zu Scharmützeln, die immer neue Opfer fordern - auch und gerade unter der Zivilbevölkerung. Wenn zum Beispiel Carmen Nebel die große Samstagabend-Show überlassen wird.
Der wichtigste Unterschied zu Afghanistan: Das ZDF finanziert sich über Gebühren-Milliarden. Ansonsten ist es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis der Mainzer Sender ebenfalls in einem Sumpf aus Korruption, Vetternwirtschaft, Terror und Gewalt zu versinken droht, wenn man der aktuellen Berichterstattung Glauben schenken darf.
Der Grund: Der unionsregierte Verwaltungsrat des Senders hat unter der Regie von Roland Koch den Chefredakteur Nikolaus Brender geschasst. Aufrechten Demokraten dämmert nun allerorten: Deutschland wird nicht nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch auf dem Lerchenberg. Verteidigungsminister Guttenberg sieht von Kampfeinsätzen vorläufig ab, fordert aber ein robustes Mandat für den Großraum Mainz. Wie soll das enden?
Brenders schier unglaubliche interne Beliebtheit wird natürlich nie mehr zu erreichen sein. Er war quasi der ZDF-Gandhi. Alle verehrten ihn, flochten dem bescheidenen Ex-Jesuitenschüler aus lauter Dankbarkeit selbst zu seinen Namenstagen bunte Ährenkrönchen und inhalierten seine stets versonnen-diplomatische Art. Wenn er demnächst gehen müssen darf, wird er aufrecht das Haus verlassen, derart aufrecht, dass er wahrscheinlich gar nicht mehr durch die Eingangstür passt.
So erfolgreich ist selten jemand rausgeschmissen worden, denn natürlich wird er jetzt noch eine Weile der Held sein und alle Medienpreise einsammeln, die von Gewerkschaften, Journalistenverbänden und Schnauzbart-Lobbyismusgruppen vergeben werden - wahlweise für Unabhängigkeit, Zivilcourage oder einfach sein Lebenswerk.
Freitags ist "Roland - die Koch-Show"
Später stiftet er einen Brender-Preis, den Goldenen Nikolaus für unabhängige Zivilcourage, der immer am 6. Dezember verliehen wird. Einer Seligsprechung kann sich der Vatikan nicht ewig verweigern. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wird sich mit der Causa Brender ohnehin noch befassen. Die EU-Kommission schickt künftig zu allen größeren ZDF-Shows und -Personalentscheidungen unabhängige Beobachter. Isaf-Truppen stehen bereit.
Und im Sender selbst?
Ab 1. Januar soll täglich um 19 Uhr bei "heute" ein großes Roland-Koch-Interview präsentiert werden. Um 21.45 folgt das "heute journal" mit einem Roland-Koch-Porträt. Wenn Koch verhindert ist, springt Ronald Pofalla ein, der sich dann von Peter Hahne über den Menschen Roland Koch befragen lässt. Freitags ist "Roland - die Koch-Show" im Gespräch.
Doch wer führt das Zweite damit in den dritten Frühling? Die ZDF-Belegschaft wird jedem Brender-Nachfolger unterstellen, eine willfährige Marionette der Politik zu sein. Die Politik wird das voraussetzen. Man braucht also jemanden, dem beides egal ist. Jörg Pilawa kommt erst nächstes Jahr.
Bleibt Franz Josef Jung, der schon alles mögliche wegverantwortet hat. Dass er meist gar nicht verstand, worum es ging, erleichtert die Sache. Er ist auf jeden Fall gegen den Bau von Minaretten auf dem Lerchenberg und hat neuerdings Tagesfreizeit. Als Ex-Verteidigungsminister bringt er Fronterfahrung mit, womit sich der Kreis schließt. Wenn Roland Koch wider Erwarten Luftunterstützung anfordert, wird Jung von nichts wissen.
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Köstlich !! Nicht immer alles im Spiegel, aber oft genug um ein Abo zu rechtfertigen ;-) mehr...
und entsprach genau meinen Gedanken. Schecklich die Vorstellung Roland Koch noch öfter ertragen zu müssen. Ich lebe zeitweilig in einem osteuropäischen Land in dem Korruption und Machtdominanz jeden Tag sichtbar ist. Wollen [...] mehr...
... für eine gestandene Journalismus-Darstellerin wie Maybrit Illner, die es bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2009 tatsächlich schaffte, dem Bundespräsidenten-Darsteller folgende sinnschwangere Frage zu stellen [...] mehr...
Lustig ist der Artikel schon, leider vergeht mir bei näherem Nachdenken über die letzten Satirethemen des Spiegels immer das Lachen, aber da kann der Spiegel ja nichts für. Vom Artikel her ruhig weiter so , obwohl es hier schon [...] mehr...
Für Jung spricht zwar die unmittelbare Nähe zu Roland Koch. Aber Jung kann ja nicht einmal sich selbst verteidigen. Was macht eigentlich der Küblböck (oder wie der sich schreibt)zur Zeit? Für Geld machte der doch alles. mehr...
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