Von Sven Böll
Hamburg - Die Excel-Datei, in der Günter Diefenbach die Beiträge zu seiner privaten Krankenversicherung (PKV) erfasst, ist eine Tabelle des Grauens: Als der ehemalige Geschäftsführer 1981 von der gesetzlichen Kasse zum Rundumschutz der Allianz wechselte, zahlte er umgerechnet knapp 130 Euro im Monat. Doch schnell musste er lernen, was Kostendynamik bedeutet. Mal stieg seine Prämie zu Jahresbeginn um acht Prozent, dann um zwölf und auch schon mal um satte 17 Prozent. Jahre ohne Anpassung erlebte er fast nie. Von einer Senkung ganz zu schweigen.
Zwischen 1981 und 2004 stiegen Diefenbachs Beiträge um durchschnittlich mehr als sieben Prozent. Jahr für Jahr wohlgemerkt. Mit Anfang 60 - die Möglichkeit einer Rückkehr zum gesetzlichen Kollektiv war längst versperrt - entschied sich der Gutverdiener aus Kostengründen für den Wechsel in einen günstigeren Tarif. Dafür, dass er fortan weniger als die Hälfte zahlen musste, nahm er gerne weniger Leistungen und eine Selbstbeteiligung in Kauf.
So dachte sich Diefenbach das zumindest. Denn die Freude über die finanzielle Entlastung währte nur wenige Monate. In den vergangenen Jahren erhöhte die Allianz die Beiträge um durchschnittlich fast zwölf Prozent pro Jahr. Geht die Entwicklung auch künftig in diesem Tempo weiter, muss der Rentner schon bald wieder genauso viel zahlen wie vor dem Tarifwechsel - nur bekommt er dafür deutlich weniger Leistungen als früher.
Sein Fazit zu drei Jahrzehnten privater Krankenversicherung ist entsprechend deutlich: "Mit meinem heutigen Wissen würde ich die gesetzliche Kasse nicht mehr verlassen. Die Privaten werden langfristig schlicht unbezahlbar."
Sechs Prozent Prämienanstieg pro Jahr
"Mehr Leistungen für weniger Geld" - mit diesem Slogan und absurd niedrigen Einstiegstarifen locken die privaten Krankenversicherungen seit jeher Selbständige und Besserverdiener weg von der Medizin zweiter Klasse in ihr Sonderabteil besonders guter und vermeintlich günstiger Versorgung. Und keine Frage: Die rund 8,6 Millionen Privatversicherten bekommen beim Arzt schneller einen Termin und lernen auch in deutlich größerem Umfang das Praxisinventar kennen. Nur der Aufpreis für diesen Rundum-Service wird immer höher.
So zeigte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bereits 2006 in einer Studie, dass die Beiträge der privaten Krankenversicherungen von 1985 bis 2005 im Schnitt um fast sechs Prozent jährlich gestiegen sind. Im gleichen Zeitraum lag das jährliche Plus für gesetzlich versicherte Arbeitnehmer, die über der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 48.600 Euro im Jahr verdienten, nur bei gut vier Prozent. Für Normalverdiener war die Kostendynamik noch geringer.
Sechs Prozent Prämienplus pro Jahr in der privaten Krankenversicherung - der DIW-Wert ähnelt Diefenbachs jährlicher Steigerungsrate von gut sieben Prozent. Damit liegen beide Zahlen allerdings deutlich über denen, die von den privaten Krankenversicherern publiziert werden.
Die offiziellen Steigerungsraten haben kaum Aussagekraft
Aus einem einfach Grund - wie das Beispiel des Versicherten Diefenbach zeigt. Während er im Vergleich zu 2004 heute gut 75 Prozent mehr für seinen Schutz vor Krankheit zahlen muss, lag die durchschnittliche Beitragsanpassung laut Allianz im selben Zeitraum nur bei rund 15 Prozent. Aber die Zahlen, die das Unternehmen nennt, beziehen sich auf die durchschnittliche Steigerungsrate über alle Tarife - unabhängig davon, wie viele Personen darin jeweils versichert sind. Es ist also gut möglich, dass der Großteil der mehr als 700.000 Vollversicherten des Konzerns weitaus größere Beitragsanpassungen als die offiziellen hinnehmen muss, weil vor allem die Tarife teurer wurden, in denen viele Personen versichert sind.
Viel besser als die Allianz machen es auch die anderen Anbieter nicht. So liegt die vom Branchenzweiten DKV kommunizierte Beitragserhöhung zum 1. Januar 2010 bei rund acht Prozent. In einer der häufigsten Tarifkombinationen des Unternehmens liegt das Plus allerdings bei bis zu 20 Prozent.
Würden die Prämien auch künftig in ähnlichem Tempo wie in den vergangenen Jahren steigen, wäre der First-Class-Schutz selbst für heutige Gutverdiener bald unbezahlbar. Ein heute 30-Jähriger, der 4500 Euro Brutto im Monat hat und 300 Euro Prämie für seine private Krankenversicherung zahlt, müsste bei einer jährlichen Anpassung um sechs Prozent mit 65 Jahren fast 2200 Euro Beitrag zahlen. Pro Monat.
Die gesetzliche Rente, die dieser Versicherte mit 67 Jahren erwarten kann, liegt dagegen bei gut 3600 Euro. Damit gingen rund 60 Prozent seiner Altersbezüge für den Krankheitsschutz drauf. Angesichts dieser Zahlen von einer Beitragsbombe zu sprechen, kommt schon einer Verharmlosung gleich.
| Die größten privaten Krankenversicherungen | |
| Unternehmen | Beitragsein- nahmen (in Mio. Euro) |
| Debeka | 4237,0 |
| DKV | 3745,2 |
| Allianz | 3119,3 |
| Axa | 2090,6 |
| Signal | 2004,0 |
| Central | 1813,1 |
| Bayerische Beamtenkasse | 1263,8 |
| Barmenia | 1263,7 |
| Continentale | 1213,8 |
| Hallesche | 920,7 |
| Quelle: Zeitschrift für Versicherungswesen
Einnahmen aus Voll- und Zusatzversicherungen, Stand: 2008 |
|
Dass es im bisher üblichen Tempo nicht weitergehen kann, wissen auch die Anbieter. "Es ist ja nicht so, dass wir die Augen davor verschließen", sagt der Manager einer großen Versicherung. Deshalb versuchen Debeka, DKV, Allianz, Signal, Central und die vielen kleineren privaten Versicherungen immer massiver, ihr größtes Problem anzugehen: das umfangreiche Leistungsversprechen an den Kunden, auf ewig alles medizinisch Notwendige zu erstatten.
Das ist vor allem deshalb ein unkalkulierbares Risiko, weil im Gesundheitswesen das Phänomen vorherrscht, das Experten gerne wohlklingend mit "angebotsinduzierte Nachfrage" beschreiben. Dahinter steckt folgendes System: Weil Ärzte einen Informationsvorsprung gegenüber dem Patienten haben, bestimmen sie in der Regel, welche Kosten verursacht werden.
Und die Weißkittel, die sich von den zehn Prozent Privatversicherten das Geld mehr holen, was sie ihrer Meinung von den 90 Prozent gesetzlich Versicherten zu wenig bekommen, gibt es durchaus. "Etwa ein Jahr nach einer Gesundheitsreform, die die Leistungen bei gesetzlich Versicherten begrenzt, steigen unsere Ausgaben deutlich an", heißt es bei einem der führenden Privatversicherer.
Eher kosmetische Maßnahmen denn chirurgische Eingriffe
Der Staat versucht das Problem ständig steigender Kosten in der Krankenversicherung vor allem dadurch zu lösen, dass er bei fast jeder Gesundheitsreform Leistungen aus dem Erstattungskatalog der gesetzlichen Kassen herausnimmt und die Selbstbeteiligung der Patienten erhöht. Siehe Praxisgebühr.
Die privaten Anbieter können aber keine Leistungen ausschließen, sondern nur versuchen, den Kostenanstieg durch eine halbwegs funktionierende Steuerung der Patienten in den Griff zu bekommen. Deshalb kontrollieren sie inzwischen jede Rechnung nicht nur darauf, ob es den Rechnungssteller auch wirklich gibt, sondern auch, ob bestimmte Ziffern der Gebührenordnung unerlaubterweise parallel abgerechnet werden. Zugleich bauen viele Anbieter medizinische Versorgungszentren auf und versuchen, ihre Kunden dorthin zu lotsen. Auch erste Rabattverträge etwa mit Arzneimittelherstellern gibt es.
All das sind aber eher kosmetische Maßnahmen als chirurgische Eingriffe. Wohl auch deshalb fordern die Privatversicherer seit längerem vehement eine Novellierung der Gebührenordnungen. Die Regelung, nach der Ärzte abrechnen können, wurde zuletzt Anfang der achtziger Jahre grundlegend überarbeitet.
Ziel der privaten Anbieter ist es nicht, die Ärzte mit einer Novellierung besserzustellen. Im Gegenteil. Erste Branchenvertreter stellen bereits das ganze Modell in Frage. "Es kann nicht dauerhaft so weitergehen, dass wir in der ambulanten Versorgung mehr als das Doppelte bezahlen müssen wie die gesetzlichen Kassen", sagte kürzlich DKV-Chef Günter Dibbern.
Privatversicherte sind Gefangene des Systems
Allerdings sind den Anbietern bei ihren Sparbemühungen auch Grenzen gesetzt. Schließlich haben sie ihre Kunden mit dem Versprechen eines vollumfänglichen Schutzes gelockt - und da ist es nicht eben imagefördernd, wenn die Patienten den Eindruck gewinnen, die Zusage werde nicht eingehalten.
Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich auch: Jeder Versicherte trägt selbst eine beachtliche Verantwortung für den Kostenanstieg im Gesundheitswesen. Denn theoretisch kann er auf überflüssige Besuche beim Doktor verzichten und kritischer nachhaken, was der Arzt gerade anstellt und ob das denn nötig ist. Die meisten Privatpatienten werden aber wohl aus Sorge, dass sich die anderen Versicherten egoistisch verhalten und die Beiträge somit trotz eigener Vorsicht weiter rasch steigen, lieber auf ein solches Verhalten verzichten.
Auch ein Wechsel zurück ins gesetzliche System ist zumeist verschlossen und im Falle einer noch so kleinen Vorerkrankung zu einem anderen privaten Anbieter - von einem Konkurrenten zu sprechen, wäre irreführend - ebenfalls kaum möglich. Somit sind die meisten Privatversicherten Gefangene des Systems und oft sogar ihres Anbieters.
Langfristige Kosten einer Privatversicherung beachten
Die beste Möglichkeit, die Prämie in den Griff zu bekommen, besteht deshalb darin, den eigenen Vertrag zu ändern - sei es, indem der Versicherte eine höhere Selbstbeteiligung vereinbart oder die Leistungen reduziert. Sinnvoll kann es auch sein, die Differenz, die in jungen Jahren im Vergleich zum Beitrag bei einer gesetzlichen Kasse besteht, als eine Art private Altersrückstellung anzusparen.
Und alle, die mit dem Gedanken spielen, von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung zu wechseln, sollten sich bewusst sein, dass die gesetzlichen Kassen für Gutverdiener deutlich attraktiver werden, wenn die schwarz-gelbe Koalition wie vereinbart eine Gesundheitsprämie einführt.
Wer trotzdem auf die unbestrittenen Vorzüge einer privaten Versicherung nicht verzichten möchte, sollte allerdings nicht auf die optisch niedrigen Einstiegstarife gucken, mit denen er angelockt werden soll, sondern sich lieber an der Beitragshistorie des Allianz-Versicherten Diefenbach orientieren. Wenn die Prämienanpassungen später dann geringer ausfallen als sechs bis sieben Prozent pro Jahr - umso besser.
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So ist es eben mit Fröschen, quaq quaq und keine Kognition. Dröseln Sie sich die Bezüge BIP-Steueraufkommen-Jahreslohnsumme bitte selbst auf. Ich mach Ihnen doch hier nicht den Klippschullehrer. Und wenn Sie sich wieder ohne [...] mehr...
Anscheinend hat das Studium des Pharmazeutenpapiers ja auch bei Ihnen eine Denkspur hinterlassen - wie schön. Plötzlich ist Ihre Argumentation viel weniger abstrus - was ich sehr begrüße. So wird das doch langsam was. Ich [...] mehr...
Da werden dem Frosch aber mächtig die Schwimmhäute gejuckt haben, als er zu einem solch beeindruckenden Sprung ansetzte: "von der Wiege bis zur Bahre", ein wie in Stein gemeißeltes national-kleinstaatliches Bild, fern [...] mehr...
Letztlich ist es in einer Solidargemeinschaft, deren Mitglied man von der Wiege bis zur Bahre ist, totaler Quatsch, wenn man einen _Lebensabschnitt_ herauspickt und behauptet, dass alle in diesem Lebensabschnitt befindlichen [...] mehr...
Mir sind interne Inhalte aus einem Papier bekannt, in dem mit einer Plan B Skizze auf eine - damals ebenso interne Diskussion einer Fachgruppe der Bundesregierung -, eine Antwort gefunden werden sollte. mehr...
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