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22.12.2009
 

Insel-Projekt vor Dubai

Deutschland zu verkaufen

Von Bernhard Zand, Dubai

War da was? Das Krisen-Emirat Dubai gibt sich schon wieder selbstbewusst - und die Immobilieninvestoren gleich mit. Jetzt werden auf dem The-World-Eiland "Deutschland" Luxusvillen gebaut, die Millionen Euro kosten sollen. Besuch bei einem Investor, der das Motto lebt: bauen, hoffen, Geld verdienen.


Josef Kleindiensts Deutschland ist flach und halb so groß wie Österreich. Sein Schweden grenzt an die Niederlande, und bei der Schweiz, sagt er, habe er nach dem Minarett-Verbot darüber nachgedacht, ob er sich nicht einen anderen Namen einfallen lässt.

Kleindienst, 46, hat halb Europa gekauft. In Form von sandigen Inseln, vier Kilometer vor der Küste Dubais. Jedes Eiland trägt den Namen eines Landes.

Erworben hat Kleindienst seine Ländereien vor der Dubai-Krise. Jetzt steht er mit sechs leeren Inseln da. Er schlendert im blauen Anzug über einen der Sandflecken, mal hierhin und mal dorthin deutend. Im Süden Frankreich, im Westen England, draußen am Horizont, geographisch gesehen irgendwo am Nordpol, eine einzige mit Palmen zugewachsene Insel mit einer Villa drauf. "Die hat der Scheich von Dubai seiner Frau geschenkt", sagt Kleindienst, "zum Valentinstag."

Vor zwei Jahren wurde die letzte der 300 Inseln von The World aufgeschüttet, seither ist nicht mehr viel passiert auf dem künstlichen Weltkarten-Archipel vor Dubai. Das will Kleindienst jetzt ändern, und das macht erst mal Eindruck in einer Stadt, die zuletzt mehr alte Projekte eingestampft hat als neue angekündigt. Wer ist Kleindienst? Was will er auf The World, einem der verrücktesten Projekte von Nakheel, der überschuldeten Baufirma, die Dubai in die Krise stürzte?

Selbst Vertreter der "Financial Times", der Nachrichtenagentur Dow Jones, der Sender "al-Dschasira" und "al-Arabiya" sind gekommen. Alle sind sie mit dem Boot hinausgefahren und über den roten Teppich hinaufgestapft ins Festzelt, wo Brezn und Spätzle serviert werden - und Marillenstrudel. Kleindienst ist Österreicher.

Energieneutrales "Sisi"-Hotel

Deutschland soll den Anfang machen auf The World. 20 Villen will der Unternehmer auf der Insel errichten, von 750.000 bis knapp drei Millionen Euro das Stück. Drei hat er schon verkauft, sagt er, an zwei Deutsche und einen schwedischen Investor. Im Frühjahr sei Baubeginn, die Pläne stammten vom spanischen Architekturbüro A-Cero, das schon den Fußball-Stars Zinedine Zidane und Ronaldo Häuser gebaut habe.

Dann, in Phase zwei, entstehe ein schwimmendes Hotel, Sylt genannt, bevor der Rest des Kontinents entwickelt wird: ein "Nightlife District" auf der Insel Holland, ein "Sisi"-Hotel auf Österreich, eine klimatisierte Freiluftstraße auf Schweden, 75 Ferienhäuser insgesamt, sechs Hotels, sechs schwimmende Paläste, alles solarbetrieben und energieneutral, mit technischer Expertise von der Fraunhofer-Gesellschaft.

Wer aber will das alles haben? Wer will sein Geld gerade jetzt in Dubai investieren? Wer braucht heute noch ungebaute Immobilien?

"Manche von Ihnen finden es vielleicht interessant, dass wir dieses Projekt gerade jetzt beginnen", sagt Kleindienst, "aber wir glauben an die Grundlagen von Dubai." 240 Flüge träfen hier jede Woche aus Europa ein, der Winter sei garantiert sonnig und der Jetlag bei nur drei Stunden Zeitunterschied für Europäer kein Thema. 60.000 Ferienwohnungen würden die Deutschen im kommenden Jahr weltweit zusammenkaufen, 200.000 hätten sie heute schon - allein in Florida.

"Wollt ihr leben wie Gott in Gallien?"

Mag sein. Aber in Spanien stehen seit der Immobilienkrise ganze Städte von Ferien-Neubauten leer, und in Dubai drängen einem die Makler die herrlichsten Wüstenvillen inzwischen mit einer solchen Penetranz auf, dass Asterix-Leser sich wie die Mieter in Cäsars "Trabantenstadt" vorkommen: "Wollt ihr leben wie Gott in Gallien?"

Kleindienst hat ein Argument gegen diesen Einwurf. Er kam 2003 selbst als Makler nach Dubai, 2006 verkaufte er Villen auf der Insel Palm Jumeirah für 500.000 Euro, heute verkauft er sie, zäh, für anderthalb Millionen. Es stimmt, am Vorabend der Krise, im irren Sommer 2008, gingen sie für drei Millionen weg, ziemlich flüssig sogar, daran gemessen ist der Immobilienmarkt um die Hälfte eingebrochen. Gemessen an 2006 geht es ihm aber noch ganz passabel - wenn Dubai jetzt nicht völlig abstürzt, die Expatriates in Scharen fliehen und die Stadt zurücklassen wie in einem Videospiel, das letzte Woche in Los Angeles vorgestellt wurde: Dubai, von Sandstürmen heimgesucht, seine verwehten Hochhaus-Ruinen Schauplatz eines düsteren Ego-Shooters.

Kleindienst schwärmt dagegen vom Golfen im Winter, von Rugby-Turnieren in Dubai, von der Formel Eins in Abu Dhabi, als auf der Meerenge zwischen England und Frankreich ein Wasserflugzeug landet, eine Cessna Caravan, und mit laufendem Propeller auf die Insel Deutschland einschwenkt. "Dürfen wir Sie jetzt auf einen kurzen Rundflug um die Welt einladen?", fragt Kleindiensts Assistentin. Per, der norwegische Pilot, öffnet in Shorts und T-Shirt die Einstiegsluke, die erste Reisegruppe krempelt sich die Hosenbeine hoch und watet zur Cessna hinüber.

Jede Insel mit einer Fahne in der Mitte

Knapp 50 Millionen Euro hat Kleindienst für Deutschland, Österreich, die Schweiz, Holland, Schweden und die Insel St. Petersburg angezahlt; damit die Fluggäste wissen, welche Insel welche ist, hat er sie markieren lassen. Surreal sieht das von oben aus: sechs weiße Flecken auf einer Landkarte im Meer, jeder mit einer Fahne in der Mitte.

Deutschland, sagt Kleindienst, sei als erste der sechs Inseln abbezahlt. Wer einen "Plot" erwirbt, erwerbe auch einen Eintrag im Grundbuch von Dubai.

Er habe viel Geld verdient seit 2003, sagt er, gut 200 Millionen Euro, und er habe "doppeltes Glück" gehabt, weil er sein Portfolio unmittelbar vor der Krise verkauft habe. Das gebe ihm jetzt die Möglichkeit, seine Pläne auf The World bis 2012 aus eigenen Mitteln zu bestreiten - danach werde er finanzieren müssen, aber bis dahin sei das wahrscheinlich einfacher als heute.

Ein europäischer Anwalt am Golf rät indes allen Interessenten, sehr genau hinzuschauen, wenn sie Geld in Dubai investierten. Der Grundbucheintrag sei entscheidend, auch die "Freigabe" eines Plots vom Hauptentwickler - im Fall von The World sind das die Inselbauer von Nakheel, deren schnittige Firmen-Boote zwar auch heute noch wie zu besten Zeiten durch das Meer vor Dubai pflügen, deren Zukunft aber ungewiss ist. Die Firma ist wohl gerade gerade dabei, eine 4,1-Milliarden-Dollar-Anleihe zurückzuzahlen; Nakheels Muttergesellschaft Dubai World aber steht vor einem Schuldenberg von 22 Milliarden Dollar, von dem im Augenblick noch keiner weiß, wie sie ihn abtragen soll.

Links Zuversicht, rechts Depression

Auch andere Fragen, die Dubai-Investoren sich stellen sollten, sind bislang nicht abschließend beantwortet: Welche Art von Aufenthaltsstatus erwirbt ein ausländischer Haus- oder Grundeigentümer in Dubai? Unter welchen Bedingungen kann ein Grundstück oder ein Haus vererbt werden? Nach welchen Rechtsgrundlagen wird entschieden, wenn es zum Streit zwischen Entwickler und Investor kommt?

"Um die Inseln auf The World mache ich mir keine Sorgen", sagt der Wirtschaftsprüfer Alexius Goeschl, 59, einer von Kleindiensts Beratern. "Für Yacht-Besitzer ist das hier draußen ideal: Weit weg vom Verkehr der Großstadt, aber nur eine Viertelstunde vom Strand entfernt. Am liebsten würde ich mir selbst so eine Villa kaufen."

Hier Zuversicht, da Depression - so geht es derzeit in Dubai. Im Februar nahm sich John O'Dolan das Leben, der Auktionator und Geschäftsmann, unter anderem Besitzer der Insel Irland auf The World. Er hatte sich verspekuliert; was jetzt mit Irland wird, nur ein paar hundert Meter von der Insel Deutschland entfernt, ist offen.

Dann wieder hellen Nachrichten wie jene vom Montag die Gemüter auf: Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate hat die Gehälter ihrer Beamten um 70 Prozent angehoben; Geld ist also da, wenn schon nicht in Dubai, dann wenigstens in Abu Dhabi, dem ölreichen Nachbaremirat.

Wohin wird Dubai gehen? Die Richtung ist noch nicht entschieden, doch für das Tempo hat die Küstenwache einen guten Vorschlag: "Go slow" steht auf einem roten Warnschild an der Einfahrt zu The World.

Lieber nur halbe Kraft voraus - und keine Wellen schlagen.

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Arabische Staatsfonds

Dubai

Der drei Jahre junge Staatsfonds Investment Corporation of Dubai umfasst derzeit 19,6 Milliarden Dollar. Der Fonds steht mehreren staatlichen Unternehmen vor. Das größte von ihnen ist die Dubai Holding, die im Banken- Immobilien- und Versicherungswesen Geschäfte in Milliardenhöhe abwickelt.

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