SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung ist kurz davor, eine CD mit den Daten von 1500 Steuersündern zu kaufen. Die Leute sollen ihr Geld in der Schweiz angelegt haben. Wenn Sie an Stelle von Finanzminister Wolfgang Schäuble wären - würden Sie zuschlagen?
Pieth: Ich ziehe seriöse Kooperation einer Selbstbedienung durch die deutschen Behörden vor. Deutschland sollte aus eigenem Interesse keine Wildwestpraxis verfolgen. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich jetzt viele Deutsche mit problematischen Konten in der Schweiz freiwillig selbst anzeigen, um so eine mildere Strafe zu bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zwischen der Schweizer und der deutschen Regierung war zu Zeiten der Großen Koalition miserabel. Der Kauf würde nun auch das Verhältnis zur schwarz-gelben Bundesregierung zerstören.
Pieth: Besonders hilfreich wäre der CD-Kauf dafür sicher nicht. Aber die Affäre zeigt vor allem eines: Es gibt ein riesiges Problem, wenn man von einem illegalen Zustand in einen legalen wechseln will. Die Banken können jahrelang umhegte Kunden nicht einfach ans Messer liefern. Dabei war seit zehn Jahren absehbar, dass das Schweizer Bankgeheimnis fallen würde. Aber die meisten Schweizer Banker sind Krämer, also Menschen, die sich bereichern wollen, keine Strategen.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich wenigstens die Politik Gedanken gemacht?
Pieth: Die Schweizer Regierung ist mit ihrem jährlich wechselnden Bundespräsidenten ziemlich schwach. Die Banker konnten leicht erreichen, dass über das Bankgeheimnis nicht diskutiert wird. Erst als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass die UBS an der "Art Basel Miami" systematisch Kunden anwarb und deren Geld in der Schweiz vor dem US-Fiskus in Sicherheit brachte, mussten die Banker einknicken. Quasi über Nacht wurden Hunderte Kontodaten ohne Rechtsgrundlage über den Atlantik geschickt.
SPIEGEL ONLINE: Inzwischen gibt es allerdings ein Urteil des Schweizer Bundesverwaltungsgerichts, wonach Tausende weitere Daten nicht mehr übermittelt werden dürfen. Obwohl es ein entsprechendes Abkommen gibt. Auch Doppelbesteuerungsabkommen mit Frankreich und mit Italien liegen auf Eis. Steht die Schweiz bald wieder auf der OECD-Liste der Steueroasen, von der sie erst 2009 gestrichen wurde?
Pieth: Die Probleme mit Italien sind sehr personalisiert. Das Verhältnis zu Finanzminister Giulio Tremonti ist einfach schlecht. Dagegen reagieren die Amerikaner relativ gelassen. Sie haben ein Problem: Wenn die UBS kaputt ginge, drohen Folgen ähnlich wie nach der Lehman-Pleite. Zumal die UBS auch der amerikanischen Regierung Geld geliehen hat. Im Übrigen haben unter dem Druck der Ereignisse Tausende Amerikaner Selbstanzeige erstattet. Pragmatisch gedacht braucht man die versprochenen Daten gar nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Aber es geht doch ums Prinzip. War das Nachgeben der Schweizer also nur ein kurzes Zeichen der Schwäche?
Pieth: Nein. Die Schweiz will auf alle Fälle den automatischen Datenaustausch, den gewisse EU-Staaten verlangen, vermeiden. Aber man ist bereit, auf Hilfsersuchen einzugehen und das auch zu formalisieren. Wir hatten hier jahrelang die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug - also den richtig bösen Buben - und Steuerhinterziehung - also denjenigen, die nur vergessen haben, ihre Steuern abzugeben. Diese Zeiten gehen zu Ende. Als Kompromiss wird jetzt diskutiert, pauschal eine Abgeltungsteuer zu erheben und ins Heimatland zu transferieren. Das wäre eine Lösung, die schnell umgesetzt werden könnte. Dabei könnten Gelder auch legalisiert werden.
SPIEGEL ONLINE: Gäbe es da nicht auch viele Missbrauchsmöglichkeiten?
Pieth: Die Schweizer mögen Krämer sein, aber sie haben auch eine Buchhalterseele. Zahlen fälschen liegt ihnen nicht. Auch bei den größten Gangstereien, die mir begegnet sind, hat man immer brav abgerechnet. Allerdings kann eine Abgeltungsteuer, je nachdem, welches Steuerrecht im Partnerland gilt, für den Kontoinhaber ein gutes Geschäft sein. Und ein schlechtes für sein Heimatland.
SPIEGEL ONLINE: Steuerflüchtlinge aus Deutschland sind das eine. Aber die Schweiz gilt auch als Paradies für schmutziges Geld aus Entwicklungsländern.
Pieth: Allerdings. Der Umgang mit illegalen Vermögen ist extrem schwierig. Das zeigt sich auch bei den Milliarden, die Diktatoren veruntreut und über Jahrzehnte hinweg auf Schweizer Konten angesammelt haben. Viele Gelder wurden mittlerweile eingefroren. Doch es kann Jahrzehnte dauern, die Summen in die Herkunftsländer zurückzuführen. So war es bei den Hunderten Millionen, die der nigerianische Ex-Diktator Sani Abacha bei Schweizer Banken hatte, so war es bei dem Geld des ehemaligen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos.
SPIEGEL ONLINE: Warum dauert das so lange?
Pieth: Es muss bewiesen werden, dass solche Vermögen tatsächlich aus kriminellen Machenschaften stammen. Aber was tun, wenn es im Herkunftsland kein funktionierendes Rechtssystem gibt? Nehmen Sie Haiti. Die Millionen des ehemaligen Terrorherrschers Duvalier wurden bei uns 1986 eingefroren. Nun hat das oberste Schweizer Gericht die Gelder zugunsten einer Familienstiftung der Duvaliers freigegeben. Für die Schweiz ist das eine PR-Katastrophe.
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Nach meinem Kenntnisstand sind 60% der Schweizer für eine Änderung des Bankgeheimniss in der Schweiz.Viele Schweizer sehen den Datenklau als Recht an,damit diese Steuerbetrüger zur Rechenschaft gezogen werden. Warum hier [...] mehr...
Ob ein Vergleich passend oder nicht gewählt ist, überlasse ich dem Leser; ansonsten gehört Verschwiegenheit eben zu den Kardinalstugenden; und das Argument der Beihilfe ist ein wenig an den Haaren herbeigezogen, da jene Banken [...] mehr...
DAS war bis jetzt mit Abstand der beste Beitrag! mehr...
Ganz ehrlich, wie kommt man auf einen deartig unpassenden Vergleich? Hier geht es doch nicht um Industriespionage und wir sprechen hier von keiner deutschen Bank, die die Kundendaten nutzen will um Kunden einer schweizerischen [...] mehr...
Es ist verständlich, dass sich die Schweiz hier bedroht fühlt und verärgert ist: Die Banken sind in der Schweiz eine ähnliche Schlüsselwirtschaft wie es die Autoindustrie in Deutschland ist; und so wie Verschwiegenheit und [...] mehr...
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