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04.02.2010
 

Wirtschaftsweiser zur Griechen-Krise

"Der Euro kann die Staatspleite verkraften"

Proteste in Griechenland: Aufruhr gegen das staatliche SparprogrammZur Großansicht
AP

Proteste in Griechenland: Aufruhr gegen das staatliche Sparprogramm

Stürzt das pleitebedrohte Griechenland die Euro-Staaten in die Krise? Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger warnt vor Horrorszenarien: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt er, warum unsere Währung sogar den Finanzkollaps eines Staates überstehen würde - und fordert ein neues globales Geldsystem.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, die EU-Kommission hat Griechenland einen rigiden Sparkurs verordnet. Bis 2012 muss die Regierung in Athen die Neuverschuldung um 75 Prozent senken, EU-Hilfen sind nicht vorgesehen. Dabei ist nicht klar, dass Griechenland die Wende aus eigener Kraft schafft. Riskiert Brüssel eine Staatspleite?

Bofinger: Im Gegenteil. Die harte Gangart gegen Griechenland ist der einzig richtige Weg. Eine Finanzspritze aus Brüssel wäre ein gefährlicher Präzedenzfall gewesen, sie hätte anderen Problem-Ländern wie Portugal oder Spanien signalisiert: Wenn es hart auf hart kommt, rettet dich die EU.

SPIEGEL ONLINE: Wäre nicht genau das jetzt angebracht? Immerhin belasten die Haushaltsschieflagen der Südeuropäer den kompletten Euro-Raum. Manche Ihrer Ökonomen-Kollegen fürchten einen Domino-Crash - und einen rapiden Verfall des Euro-Kurses.

Bofinger: Manche meiner Ökonomen-Kollegen sollten mal die Kirche im Dorf lassen. Der Euro-Raum steht im Vergleich zu anderen Währungsräumen wesentlich besser da, als viele behaupten. Die Staatsschulden und vor allem die Neuverschuldung sind niedriger als in den USA. Selbst eine griechische Staatspleite kann der Euro zur Not verkraften, das Land erwirtschaftet gerade mal 2,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Währungsunion.

SPIEGEL ONLINE: Der Vertrauensverlust wäre dennoch riesig. Und was die Staatsverschuldung angeht: Die Schulden des Euro-Raums liegen bei 88 Prozent seines BIPs. Das nennen Sie niedrig?


Bofinger: Niedrig nicht - aber niedriger als in den USA. Dort beträgt der Schuldenstand 92 Prozent des BIPs. In Japan sind es gar 197 Prozent. Auch das Vereinigte Königreich steht bei seinem Budgetdefizit wesentlich schlechter da als der Euro-Raum. Und was den Vertrauensverlust angeht: Kalifornien steht seit Monaten am Rande der Pleite, und sein Anteil am US-Bruttoinlandsprodukt macht rund 13 Prozent aus. Meine Angst vor dem Domino-Crash hält sich so gesehen in Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Das mag daran liegen, dass Sie Keynesianismus-Anhänger sind - und als solcher gern die Nachfrage ankurbeln, um Produktion und Beschäftigung anzuheizen. Dafür erlauben sie dem Staat schon mal, kräftig Schulden zu machen. Aber wird nicht selbst Ihnen angesichts explodierender Defizite allmählich mulmig?

Bofinger: Nach der Lehman-Pleite gab es keine Alternative zu den kostspieligen Bankenrettungsprogrammen und einer sehr expansiv angelegten Finanzpolitik. Doch jetzt kommt es darauf an, den Ausstieg ebenso behutsam wie konsequent zu organisieren. Deshalb haben wie in unserem aktuellen Jahresgutachten einen europäischen Konsolidierungspakt vorgeschlagen, in dem sich alle EU-Mitgliedsländer in transparenter und glaubhafter Weise verpflichten, wieder einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Die wachsende Verunsicherung der Märkte zeigt, wie wichtig ein solches Vorgehen ist. Doch genauso schlimm wie die Staatsverschuldung sind die anarchischen Zustände in der Währungspolitik.

SPIEGEL ONLINE: Anarchische Zustände? Was meinen Sie damit?

Bofinger: Wie die Asien-Krise verdeutlichte, sind Wechselkurse volkswirtschaftliche Zeitbomben. Zudem kann man mit ihnen regelrechte Handelskriege führen. China etwa hält die eigene Währung seit Jahren künstlich niedrig, Chinas Waren sind dadurch für den Rest der Welt billig - was die Exporte der Volksrepublik kräftig ankurbelt. Leidtragende sind unter anderem wir Europäer. Da der Euro im Vergleich zum Renminbi stark ist, sind die Waren des Euro-Raums im Rest der Welt vergleichsweise teuer. Problematisch sind aber auch die oft erratischen Schwankungen zwischen dem Euro und dem Dollar. Die Unsicherheit über den Dollarkurs zerstört Arbeitsplätze, etwa weil Daimler sich entscheidet, die C-Klasse künftig in den USA fertigen zu lassen, um sich so vor Wechselkursschwankungen absichern zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Der Wechselkurs verkommt zu einer protektionistischen Waffe?

Bofinger: Zu einer perfiden protektionistischen Waffe. Schirmt China seine Binnenwirtschaft durch Zölle ab, greift die Welthandelsorganisation WTO ein. Verschafft sich China durch Währungsabwertung globale Wettbewerbsvorteile, ermahnt und schimpft die Welt. Zwingen kann sie China zu gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Der französische Staatschef Nicolas Sarkozy fordert deshalb eine globale Wächterinstanz, die in die Wechselkurspolitik von Staaten eingreifen kann. Wollen Sie gemeinsam mit Sarkozy den freien Devisenmarkt abschaffen?

Bofinger: Ich will die Spekulation in Verbindung mit dem sogenannten "Carry Trade" abschaffen: Spekulanten verschulden sich in Währungen mit niedrigen Zinsen und legen das Geld in Hochzins-Währungen an. Sie wertet die Währung eines schwachen Staates auf statt ab.

SPIEGEL ONLINE: Und in der Folge?

Bofinger: Wie das Beispiel von Island verdeutlicht, fließt so viel Geld in ein Land, die Banken vergeben Kredite wie Kamellen auf dem Karneval. Doch irgendwann wachen die Spekulanten auf und wollen ihr Geld zurück. Das ist aber längst in unrentablen Projekten verbraten worden, und am Ende steht das Land vor dem Bankrott.

SPIEGEL ONLINE: Hätte Island nicht einfach die eigene Währung von Anfang an abwerten können, um zu große Kapitalströme ins Land zu unterbinden?

Bofinger: Natürlich. Jedes Land kann versuchen, den Wechselkurs der eigenen Währungen so zu steuern, dass der "Carry Trade" verhindert wird. Die Notenbank in Island hätte die Aufwertung ihrer Währung stoppen und eine Abwertung gegenüber dem Euro anstreben können.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die Notenbank das nicht getan?

Bofinger: Vermutlich, weil sie gar nicht auf die Idee gekommen ist. Es ist nicht gerade geldpolitischer Konsens, die eigene Währung abzuwerten. Viele Notenbanken glauben noch immer an den freien Devisenmarkt - selbst wenn dieser der eigenen Wirtschaft massiv schadet. Ein globaler Währungswächter könnte dafür sorgen, dass Staaten stets die ökonomisch vernünftigste Entscheidung fällen müssen.

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07.03.2010 von Satiro:

Da ich bisher ich keine Ahnung hatte, wer sich hinter dieser Gesellschaft für Wissenschaft und Politik verbirgt, habe ich mal etwas gegoogelt und mit zwei Mausclicks gefunden : >>>Einer der wichtigsten [...] mehr...

07.03.2010 von Satiro:

Auch dieser famose Heribert Dieter scheint nicht zu wissen, dass die wahre Wirtschaftsleistung Griechenlands auch die von keiner Statistik erfaßte Schattenwirtschaft des Landes beinhalten müßte. Und wenn man die Spekulation, [...] mehr...

07.03.2010 von werner3: Soll die EU im Notfall einspringen?

Auf gar keinen Fall. Wenn die Griechen klug sind, lassen sie sich den Radikalsparkurs nicht aufzwingen, da er zum Kollaps ihrer ohnenhin schwachen Wirtschaft führen muß. Davon würden sie sich viele Jahre nicht erholen. Es [...] mehr...

07.03.2010 von Alka Wumm:

Aha, am besten wir legalisieren ebenfalls die Korruption. Das macht die Lage mit den Parteispenden und den Sponsoring von Parteievents wesentlich einfacher. Ist wahrscheinlich schon in Arbeit. mehr...

06.03.2010 von Deutschmichel: Kann das ein Grund sein?

Dass vor einigen Tausend Jahren dort eine - damals wie heute zweifelhafte - Demokratie ihre Wiege hatte, kann doch nicht der Grund dafür sein, einem Haufen korrupter Beamter und zahlungsunwilliger Steuersünder das weiche Bett [...] mehr...

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Zur Person

DPA
Peter Bofinger gehört seit März 2004 dem Gremium der "Fünf Wirtschaftsweisen" an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg. In seinem aktuellen Buch "Ist der Markt noch zu retten?" beschäftigt er sich mit den Konsequenzen, die die Welt aus der Finanzkrise ziehen sollte. Mehr zu Peter Bofinger auf der Themenseite...

Die fünf Wirtschaftsweisen

Peter Bofinger (seit März 2004)

Lars Feld (seit März 2011)

Wolfgang Franz (Mai 1994 bis Februar 1999 und seit März 2003, seit März 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrats)

Christoph M. Schmidt (seit März 2009)

Beatrice Weder di Mauro (seit Juni 2004)

Länderlexikon

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Offizieller Eigenname: Elliniki Dimokratia

Staatsoberhaupt: Karolos Papoulias
(seit März 2005)

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(seit November 2011)

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(seit November 2011)

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Die Maastricht-Kriterien

DPA
Die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion ist nach dem Vertrag von Maastricht an fünf Kriterien geknüpft. Sie sollen sicherstellen, dass die Euro-Länder sich wirtschaftlich so angenähert haben, dass sie reif für eine gemeinsame Währung sind:

1. Die Neuverschuldung soll nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen.

2. Für die Staatsverschuldung gilt ein Richtwert von 60 Prozent des BIP, den die Länder einhalten oder dem sie sich annähern sollen.

3. Die Inflationsrate darf nicht mehr als 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder liegen.

4. Die langfristigen Zinssätze dürfen nicht mehr als zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten EU-Länder liegen.

5. Die Währung muß sich mindestens zwei Jahre spannungsfrei und ohne Abwertung im Europäischen Währungssystem bewegt haben.


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