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09.02.2010
 

Teurer Ökostrom

Koalition verschiebt Förderkürzung für Solardächer

Von Stefan Schultz

Solarzellen: Kürzung doch erst im JuniZur Großansicht
DPA

Solarzellen: Kürzung doch erst im Juni

Die schwarz-gelbe Koalition kommt der Solarlobby entgegen: Die Förderung für Solardachanlagen wird nun doch erst zum 1. Juni gekürzt. Die Industrie steht dadurch vor einem Absatz-Boom - denn wer vor Ablauf der Frist noch Module aufs Dach schraubt, erhält weiter die aktuell gültige Förderung.

Berlin - Es sind schwierige Zeiten für Norbert Röttgen. Seit der Bundesumweltminister am 20. Januar sein Konzept zur Kürzung der Solarförderung präsentierte, stand er im Kreuzfeuer der Kritik. Um 15 Prozent wollte der CDU-Mann die Hilfen für Sonnenstrom von Dachanlagen kappen - ab dem 1. April. Dabei war die Förderung erst zu Jahresbeginn um zehn Prozent gesunken, wie es im Einspeisevergütungsgesetz vorgesehen ist.

Den Vertretern der Solarlobby ging das zu schnell: Sie warfen Röttgen vor, die deutsche Photovoltaik-Industrie "existentiell" zu gefährden und Tausende Jobs aufs Spiel zu setzen. Auch beim Koalitionspartner FDP und in der CDU regte sich zum Teil vehementer Widerstand.

So gesehen überrascht es kaum, dass Röttgens Vorschlag am Dienstag in einer Berliner Koalitionsrunde noch einmal durch die Mangel genommen worden ist. Die Solarförderung für Dachanlagen soll nun doch erst ab Juni sinken, dafür um 16 statt 15 Prozent. Auf diese Änderung - und auf andere Nachbesserungen (siehe Infobox links) - haben sich die Koalitionspartner verständigt. Mit dem späteren Termin wolle die Koalition vor allem Investoren entgegenkommen, die schon länger geplant hätten, sich eine Sonnenstromanlage auf das Dach zu setzen, sagte CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich.

Tatsächlich aber kommt die Regierung mit der Verzögerung des Termins vor allem der Solarlobby entgegen. Der größte Teil der Anlagen wird in Deutschland auf Dächern installiert - bis Juni dürften sich die Unternehmen über reißende Absätze freuen. Denn wer sich eine Anlage aufs Dach setzt, ehe die Kürzung in Kraft tritt, bekommt den aktuellen, wesentlich höheren Hilfssatz auch in den kommenden Jahren ausgezahlt.

Analysten der DZ-Bank sagten der Branche im Januar einen Nachfrage-Boom durch die zusätzliche Förderkürzung voraus. Jetzt dürfte dieser statt bis April bis Juni anhalten, und es sprechen zwei Gründe dafür, dass der Boom sich im Frühjahr noch deutlich verschärft.

Gesetzgebungsverfahren lief ohnehin bis Juni

Erstens schreckt der schneereiche Winter dann niemanden mehr vom Bau einer Anlage ab. Und zweitens haben die Unternehmen länger Zeit, Materialien zu liefern. Laut Bundesverband Solarwirtschaft konnten viele Hersteller von Wechselrichtern und Solarmodulen schon im Schlussquartal 2009 mit der sprunghaft gestiegenen Nachfrage kaum Schritt halten. Wechselrichter sind für Solaranlagen äußerst wichtig: Sie wandeln den Gleichstrom, den die Anlagen erzeugen, in Wechselstrom um. Jetzt haben die Hersteller dieser Bauteile Planungssicherheit: Da bis Juni reißende Absätze zu erwarten sind, können sie die Produktion kräftig ankurbeln.


Dass die Regierung die Solarkürzung verschiebt, hatte sich in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Röttgen hatte am 20. Januar generell Flexibilität bei einzelnen Regelungen signalisiert, solange die Kürzung im Kern unverändert bleibt. Branchenkenner schließen daher nicht aus, dass Röttgens Ankündigung Ende Januar, die Förderung zum 1. April zu kürzen, Verhandlungstaktik gewesen ist: Röttgen habe den kurzen Zeitraum vor allem als Druckmittel benutzt.

Ohnehin hätte sich die Änderung der Förderregeln bis zum Sommer hingezogen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren vor zweieinhalb Wochen folgende Termine in dem Gesetzgebungsprozess vorgesehen:

  • Kabinettsbeschluss am 24. Februar.
  • Erste Lesung im Bundestag am 22. April.
  • Zweite und dritte Lesung am 21. Mai.
  • Vorlage im Bundesrat am 4. Juni.
  • Inkrafttreten zum 1. Juli.

Die Förderkürzung wäre also erst im Juni beschlossen worden - ihr Eintritt zum 1. April hätte rückwirkend im Gesetz verankert werden müssen. Das Planungsungschaos für die Unternehmen wäre groß gewesen. Eine rückwirkende Kürzung zum 1. April schien daher schon im Vorfeld der Koalitionsrunde kaum akzeptabel. Das Bundesumweltministerium und die CDU-Fraktion haben sich zu dieser Frage bislang nicht geäußert.

Verbraucher zahlen die Zeche

Der Bau von Solaranlagen wird durch eine Umlage auf alle Verbraucher bezahlt. Die hohen Förderungen hatten zu einem Boom der Industrie geführt, Stromkunden zugleich aber mit Milliarden Euro belastet. Daher war bereits im Koalitionsvertrag eine schnelle Überprüfung der Hilfen vereinbart worden.

Trotz - oder gerade wegen - der Subventionen spielt die Sonnenenergie in der deutschen Stromversorgung noch immer keine Rolle. Ihr Anteil liegt unter einem Prozent. Würde die Förderung stärker sinken, könnte der Markt schneller wachsen - weil die Produktionskosten für Solaranlagen ebenfalls zurückgehen müssten. Ist erst einmal der Punkt erreicht, an dem Solarstrom mit Kohle und Atom konkurrieren kann, würde die Nachfrage nach Solarzellen regelrecht explodieren.

Der Umweltminister wünscht sich genau das. Er hofft, dass die Subventionen für Solaranlagen bald komplett abgebaut werden können. "Wir werden ab 2013 Haushaltsstrom zu Normalkosten herstellen", sagte Röttgen.

Experten geht das nicht schnell genug. "Wir sind schon viel weiter, als die Solarbranche zugeben will", sagt Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. In Süddeutschland könne Solarstrom schon heute so günstig sein wie Strom aus der Steckdose - und für 2010 sei ein weiterer Preisrückgang um 20 Prozent zu erwarten. "Aber die Lobbyisten denken nur an den Kampf um Subventionen."

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Details zur Solarförderkürzung

Die Förderung für Dachanlagen soll nun doch erst ab Juni sinken, dafür um 16 statt 15 Prozent.

Bei den Anlagen auf Freiflächen soll es bei der Kürzung von 15 Prozent ab Juli bleiben.

Die FDP setzte aber durch, dass auf sogenannten Konversionsflächen wie ehemaligen Truppenübungsplätzen die Kappung nur 11 Prozent beträgt. Der Bau von Solarkraftwerken ist hier teurer, da solche Flächen wie auch alte Gewerbeflächen häufig zuvor von Schadstoffen oder Munition gereinigt werden müssten.

Strittig ist noch, wie mit reinen Ackerflächen verfahren werden soll. Die CSU will sie von jeglicher Förderung ausnehmen, die CDU und Röttgen wollen sie nur deutlich zurückfahren.

Förderung ab 2011: Werden in den vergangenen 12 Monaten Solaranlagen mit einer Leistung von mehr als 3500 Megawatt installiert, greift eine zusätzliche Kürzung von zwei Prozentpunkten, ab 2012 sollen es ab diesem Wert drei Prozentpunkte sein.

Die Regelungen sollen noch im Februar im Bundeskabinett beschlossen werden. Die eigentliche Gesetzesinitiative zur Änderung des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) wird nach bisherigen Planungen dann aber über die Fraktionen von Union und FDP in den Bundestag eingebracht. Dies beschleunigt das Verfahren.

ssu


Was Solarstrom kostet

Im Jahr 2009 gingen in Deutschland Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt ans Netz. Dies entspricht 3.000.000 Kilowatt. Pro Kilowatt liegt der durchschnittliche Stromertrag - konservativ gerechnet - bei 900 Kilowattstunden im Jahr. Die Vergütung laut Erneuerbare-Energien-Gesetz ist für 20 Jahre garantiert. Sie beträgt - je nach Anlagengröße - 32 bis 43 Cent pro Kilowattstunde. Im Durchschnitt sind es rund 36 Cent.
Um die tatsächlichen Mehrkosten des Solarstroms zu ermitteln, muss man von diesem Wert den Börsenpreis für konventionellen Strom abziehen. Aktuell liegt dieser bei etwa 5 Cent pro Kilowattstunde, in den kommenden 20 Jahren dürfte er um jährlich fünf Prozent steigen. Damit ergibt sich ein durchschnittlicher Börsenpreis von 9 Cent je Kilowattstunde. Die Differenzkosten pro Kilowattstunde belaufen sich damit auf 36 Cent minus 9 Cent, also auf 0,27 Euro.
Damit lässt sich folgende Rechnung aufstellen: 3.000.000 kW * 900 kWh/kW pro Jahr * 20 Jahre * 0,27 Euro/kWh = 14,58 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Die Verbraucher müssen in den kommenden 20 Jahren mehr als 14 Milliarden Euro zahlen - wohlgemerkt: nur für die Anlagen, die 2009 ans Netz gingen. In heutigen Preisen entspricht dies einer Summe von 10,4 Milliarden Euro (bei einer großzügigen Abzinsung von jährlich vier Prozent).
Die entscheidende Größe ist dabei der Zubau neuer Solaranlagen im Jahr 2009, also 3000 Megawatt. Setzt man statt dieser tatsächlich erreichten Menge den Wert ein, den der Bundesverband Solarwirtschaft in seinen bisherigen Planungen angegeben hat - nämlich 682 Megawatt -, so ergeben sich abgezinste Gesamtkosten von lediglich 2,4 Milliarden Euro. Das heißt: Im Vergleich zur ursprünglichen Prognose müssen die Verbraucher gut viermal mehr zahlen.

Was sind Solarschulden?

Der Preis

Wer eine Solaranlage betreibt, darf seinen Strom unabhängig vom tatsächlichen Bedarf jederzeit ins Netz einspeisen. Die Vergütung wird durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt, im Jahr 2009 liegt sie für Dachanlagen bei rund 43 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Konventioneller Strom kostet an der Energiebörse rund acht Cent. Die Differenz, also die Mehrkosten, tragen die Verbraucher über ihre Stromrechnung.

Die Laufzeit

Die Kosten

Der Schuldenberg





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