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02.03.2010
 

Geförderte Billigkonkurrenz

Top-Grüner will Solareinfuhren aus China bremsen

Von Stefan Schultz

Dezhou: Die Solarstadt in China
Fotos
REUTERS

Billigware aus Asien setzt die deutsche Solarindustrie unter Druck - der grüne Spitzenpolitiker Boris Palmer will deshalb den Import chinesischer Konkurrenzware drastisch beschränken. Die Ökohersteller aus dem Ausland kassieren Jahr für Jahr deutsche Fördermittel in Milliardenhöhe.

Hamburg - Der grüne Spitzenpolitiker Boris Palmer will die deutsche Solarindustrie stärker vor Billigkonkurrenz aus dem Ausland schützen - und regt dabei auch protektionistische Maßnahmen an. Solarexporte von China nach Deutschland will er eindämmen, "indem man nur den Anteil an Einfuhren in Europa zulässt, den China auch am Weltinstallationsmarkt hat", sagt Palmer. Als Oberbürgermeister von Tübingen zählt er zu den Nachwuchshoffnungen der Grünen.

Sein Vorstoß bedeutet: Wenn in China fünf Prozent aller Solarmodule weltweit installiert werden, dürfen chinesische Importe auch nur fünf Prozent des deutschen Marktes ausmachen. "Die Chinesen würden so gezwungen, im eigenen Land einen größeren Markt für Photovoltaikanlagen zu schaffen, anstatt ihre Module in die Bundesrepublik auszuführen und mit der deutschen Solarindustrie um Kunden zu konkurrieren", sagt Palmer.

Die Förderung von Sonnenstrom kostet die deutschen Energieverbraucher jährlich viele Milliarden Euro. Doch das Geld kommt immer öfter Unternehmen in anderen Staaten zugute: Zwei von drei in Deutschland installierten Modulen kamen 2008 aus dem Ausland - sie finden in der Bundesrepublik aufgrund ihrer niedrigeren Preise reißenden Absatz. "Deutsche Hersteller bieten ihre Solarmodule für 1,60 Euro pro Watt an. Chinesische kosten 1,30 bis 1,40 Euro", sagte Stuart Brannigan, Europa-Chef des chinesischen Herstellers Yingli Green Energy, kürzlich im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Neben der Billigkonkurrenz macht den deutschen Herstellern auch die zusätzliche Kürzung der Sonnenstromförderung zu schaffen. Die Koalition plant, die Hilfen für Solardachanlagen zum 1. Juli um 16 Prozent abzusenken, die für Freiflächenanlagen um elf Prozent (siehe Infobox links).

"45 Milliarden Euro verschenkt"

"Wenn es so kommt, hat Deutschland mit Anlaufinvestitionen der Stromkunden von bis zu 45 Milliarden Euro die Solarindustrie aufgebaut, um im entscheidenden Moment des Take-off die wirtschaftlichen Vorteile der Fertigung an die Chinesen zu verschenken", sagt Palmer. Modulherstellung in Deutschland werde es dann schon in wenigen Jahren nicht mehr geben, fürchtet der grüne Oberbürgermeister. Der Großteil der Arbeitsplätze und der Wertschöpfung würden nach Asien abwandern.

Dabei profitiere vor allem China vom deutschen Solarboom. "Während Deutschland mit den Geldern der Stromkunden die Hälfte des Weltmarkts für Photovoltaik schafft, werden nur fünf Prozent der Anlagen weltweit in China installiert." Chinas Industrie könnte also ohne das Deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht existieren, schlussfolgert Palmer. "Wir könnten die Importe aus China morgen auch auf null bringen, wenn wir die Einspeisevergütung streichen."

Der Schutz der heimischen Industrie sei zu rechtfertigen. "Frankreich oder die USA hätten solche Maßnahmen schon längst durchgesetzt, wenn sie die Weltmarktführerschaft einer vergleichbaren Schlüsselbranche gegen unfaire Konkurrenz verteidigen müssten", sagt Palmer.

CDU fordert mehr Investitionen in Forschung

In der Regierung erhält Palmers Protektionismusvorschlag dagegen wenig Zuspruch: Er sei "realitätsfern", sagt CDU-Energieexperte Joachim Pfeiffer. "Eine solche Regelung würde gegen Regeln der Welthandelsorganisation WTO verstoßen." Deutschland als eine der größten Exportnationen setze sich immer für einen freien Handel ein und sei von fairen Handelsbedingungen abhängig.

Auch die FDP zeigt sich skeptisch. "Als Exportnation sind wir auf freie und offene Märkte angewiesen", sagt Michael Kauch, der energiepolitische Sprecher der Liberalen. "Beschränkungen an dieser Stelle können zu negativen Auswirkungen auf andere deutsche Exportbranchen führen."


Der sozialdemokratische Solarexperte Ulrich Kelber lehnt Protektionismus ebenfalls ab. Wettbewerb müssten die deutschen Solarfirmen verkraften können, sagt der Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Maßnahmen wie Strafzölle seien nur angebracht, wenn es Belege gäbe, dass chinesische Hersteller unfaire Wettkampfmethoden anwenden würden. Doch dafür gebe es bislang keinen Beweis.

Der Bundesverband Solarwirtschaft spricht sich ebenfalls gegen Einfuhrbeschränkungen aus. "Wir setzen uns für einen fairen Wettbewerb ein", teilte ein Sprecher mit. "Die Herausforderung für die deutsche Solarwirtschaft besteht darin, auch in Zukunft immer mindestens einen Schritt schneller zu sein als die Wettbewerber. Die rund 50 Institute für Solarforschung in Deutschland und der führende deutsche Maschinen- und Anlagenbau bieten dafür eine ausgezeichnete Grundlage."

CDU-Energieexperte Pfeiffer ist allerdings gerade in diesem Punkt skeptisch: "Der Bundesverband der Solarwirtschaft beziffert die Aufwendungen seiner Unternehmen für Forschung und Entwicklung mit gerade 1,7 Prozent des Umsatzes", moniert Pfeiffer. In Hightech-Unternehmen liege der Anteil bei bis zu zwölf Prozent, in der traditionellen Elektroindustrie bei fünf Prozent. Um gegen die Billig-Konkurrenz zu bestehen, "sollte die deutschen Solarindustrie mehr Geld in Forschung investieren".

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Eckpunkte der Solarförderung

Die Koalition hat sich auf ein Paket geeinigt, mit dem die Förderung von Solarstrom gekürzt werden soll - die Eckpunkte im Überblick (Stand: 24 April 2010)

Dachanlagen

Eigenverbrauch

Ackerflächen

Freiflächen

Deckelung ab 2011

Deckelung ab 2012


Was Solarstrom kostet

Im Jahr 2009 gingen in Deutschland Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt ans Netz. Dies entspricht 3.000.000 Kilowatt. Pro Kilowatt liegt der durchschnittliche Stromertrag - konservativ gerechnet - bei 900 Kilowattstunden im Jahr. Die Vergütung laut Erneuerbare-Energien-Gesetz ist für 20 Jahre garantiert. Sie beträgt - je nach Anlagengröße - 32 bis 43 Cent pro Kilowattstunde. Im Durchschnitt sind es rund 36 Cent.
Um die tatsächlichen Mehrkosten des Solarstroms zu ermitteln, muss man von diesem Wert den Börsenpreis für konventionellen Strom abziehen. Aktuell liegt dieser bei etwa 5 Cent pro Kilowattstunde, in den kommenden 20 Jahren dürfte er um jährlich fünf Prozent steigen. Damit ergibt sich ein durchschnittlicher Börsenpreis von 9 Cent je Kilowattstunde. Die Differenzkosten pro Kilowattstunde belaufen sich damit auf 36 Cent minus 9 Cent, also auf 0,27 Euro.
Damit lässt sich folgende Rechnung aufstellen: 3.000.000 kW * 900 kWh/kW pro Jahr * 20 Jahre * 0,27 Euro/kWh = 14,58 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Die Verbraucher müssen in den kommenden 20 Jahren mehr als 14 Milliarden Euro zahlen - wohlgemerkt: nur für die Anlagen, die 2009 ans Netz gingen. In heutigen Preisen entspricht dies einer Summe von 10,4 Milliarden Euro (bei einer großzügigen Abzinsung von jährlich vier Prozent).
Die entscheidende Größe ist dabei der Zubau neuer Solaranlagen im Jahr 2009, also 3000 Megawatt. Setzt man statt dieser tatsächlich erreichten Menge den Wert ein, den der Bundesverband Solarwirtschaft in seinen bisherigen Planungen angegeben hat - nämlich 682 Megawatt -, so ergeben sich abgezinste Gesamtkosten von lediglich 2,4 Milliarden Euro. Das heißt: Im Vergleich zur ursprünglichen Prognose müssen die Verbraucher gut viermal mehr zahlen.




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