Wirtschaft


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14.03.2010
 

Robuster Arbeitsmarkt

Deutsche Wirtschaft übertrumpft den Rest Europas

Von Friederike Ott

Wirtschaft in Europa: Deutschland und seine Nachbarn
Fotos
REUTERS

Die Konjunktur stockt, die Zahl der Arbeitslosen steigt - die deutsche Wirtschaft macht einen desolaten Eindruck, aber im Vergleich zum Rest der EU ist sie Spitze. SPIEGEL ONLINE analysiert, wie Deutschland zum Wachstumsmotor Europas geworden ist.

Hamburg - Das überdimensional große Zahnrad in der Mitte ist Deutschland. Rundherum drehen sich viele andere Zahnräder, sie sind erheblich kleiner: Frankreich, Spanien, Großbritannien, Italien. Es ist das Titelbild der aktuellen Ausgabe des "Economist". Die Botschaft der einflussreichen Wirtschaftszeitschrift aus Großbritannien: Deutschland ist der Motor Europas.

Motor Europas? Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Die deutsche Wirtschaft ist mit fünf Prozent 2009 so stark geschrumpft wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Die Schulden sind auf 1,7 Billionen Euro gestiegen. Damit steckt das Land so tief in den Miesen wie noch nie. Die im Maastricht-Vertrag und im Grundgesetz festgeschriebene Schuldengrenze scheint auf lange Sicht nicht einhaltbar.

Dennoch steht Deutschland vergleichsweise gut da. Ein Grund ist der robuste Arbeitsmarkt. Im Jahr 2009 lag die Erwerbslosenquote bei 7,5 Prozent. Manch einen europäischen Nachbarn hat es erheblich schlimmer getroffen. In Spanien etwa ist die Arbeitslosigkeit auf 19,3 Prozent gestiegen. In Frankreich liegt die Quote bei 10,1 Prozent, in Polen bei 8,4 (siehe Bildergalerie).

Dass sich der deutsche Arbeitsmarkt so robust zeigt, hat viele Ökonomen überrascht. Noch vor einem Jahr malten sie Horrorszenarien, warnten vor massiv steigender Arbeitslosigkeit. Auf dem Höhepunkt der Krise gingen einige Experten von einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf 4,5 Millionen aus.

Überraschend positive Entwicklung

Mittlerweile ist Entwarnung angesagt. Das IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit hat seine Prognose radikal heruntergeschraubt und geht für 2010 von 3,5 Millionen Erwerbslosen aus. Das wären trotz Krise nur 120.000 mehr als im vergangenen Jahr.

Noch optimistischer ist das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Nach Schätzungen der Experten wird sich der Arbeitmarkt auch auf längere Sicht erholen. Für das kommende Jahr erwarten sie eine Erwerbslosenzahl von 3,4 Millionen.

Was ist der Grund für diese überraschend positive Entwicklung? Warum schneidet Deutschland besser ab als seine Nachbarn?

Da ist zum einen die demografische Entwicklung in Deutschland. Die Bevölkerung schrumpft, und so strömen auch weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. "Pro Jahr gehen in Deutschland etwa 100.000 Menschen mehr in Rente, ohne dass unten Nachschub kommt", sagt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. "Das senkt die Arbeitslosenquote um etwa 0,2 Prozentpunkte."

Andere europäische Länder, wie etwa Spanien, haben wachsende Bevölkerungszahlen. Das verstärkt die Krise am Arbeitsmarkt, der ohnehin unter dem massiven Einbruch der personalintensiven Bauwirtschaft leidet. Spanien hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa. Nur Lettland liegt mit 20,9 Prozent noch darüber.

Hinzu kommt: Der deutsche Arbeitsmarkt wurde entlastet, weil Arbeitsplätze - viele davon Teilzeit - im öffentlichen Sektor im Bereich Pflege und Erziehung geschaffen wurden. Im Dezember 2009 gab es in Deutschland 270.000 Teilzeitstellen mehr als noch im Dezember des Vorjahres.

Starker Euro, starkes Deutschland

Außerdem hat die Industrie verhältnismäßig wenig Arbeitsplätze abgebaut. Ein Grund sind die moderaten Tarifabschlüsse der Gewerkschaften. Und viele Unternehmen nutzen das Instrument der Kurzarbeit, für das die Bundesagentur für Arbeit 2009 fast fünf Milliarden Euro ausgab. Agenturchef Frank-Jürgen Weise schätzt, dass dadurch im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Arbeitsplätze erhalten geblieben sind.

Entlastet wurden die Unternehmen außerdem dadurch, dass die Lohnstückkosten in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern weniger stark gestiegen sind. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreichs stiegen sie zwischen 2000 und 2005 in Deutschland um 0,4 Prozent und zwischen 2005 und 2010 um 0,7 Prozent. Der Gesamtdurchschnitt aller 27 EU-Staaten zeigt ein anderes Bild: Zwischen 2000 und 2005 sind die Lohnstückkosten um 2,1 Prozent gestiegen, zwischen 2005 und 2010 um zwei Prozent (siehe Bildergalerie).

Ein weiterer Grund für die Stärke Deutschlands ist der Euro. Der "Economist" schreibt in seiner aktuellen Titelgeschichte: "Man muss bedenken, dass Deutschland einen Teil seines Erfolgs auf Kosten der Nachbarstaaten gemacht hat." Tatsächlich hat Deutschland wie kaum ein anderes Land vom Euro profitiert.

Der Grund: Die deutsche Wirtschaft hängt stark am Export. Fast 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden 2009 durch Warenexporte generiert. Das ist deutlich mehr als in Polen, Italien, Frankreich oder Spanien (siehe Bildergalerie).

Vor Einführung des Euro hatte Deutschland einen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen europäischen Ländern. Die Deutsche Mark war im Vergleich zu anderen Währungen tendentiell stark. Das machte deutsche Produkte im Ausland teuer.

Mit der gemeinsamen Währung ist das jetzt anders. Deutsche Produkte haben sich tendentiell verbilligt, während Waren aus anderen Ländern, die früher Weichwährungen hatten, mehr kosten.

mit Material von Reuters

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Die Maastricht-Kriterien

DPA
Die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion ist nach dem Vertrag von Maastricht an fünf Kriterien geknüpft. Sie sollen sicherstellen, dass die Euro-Länder sich wirtschaftlich so angenähert haben, dass sie reif für eine gemeinsame Währung sind:

1. Die Neuverschuldung soll nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen.

2. Für die Staatsverschuldung gilt ein Richtwert von 60 Prozent des BIP, den die Länder einhalten oder dem sie sich annähern sollen.

3. Die Inflationsrate darf nicht mehr als 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder liegen.

4. Die langfristigen Zinssätze dürfen nicht mehr als zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten EU-Länder liegen.

5. Die Währung muß sich mindestens zwei Jahre spannungsfrei und ohne Abwertung im Europäischen Währungssystem bewegt haben.






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