Berlin - Geringverdiener und Rentner könnten in den kommenden Jahren Opfer einer neuen Wohnungsknappheit in Deutschland zu werden - davor warnen Bauwirtschaft, Mieterbund und Gewerkschaften. In ihrem Auftrag hat das Forschungsinstitut Prognos eine Studie zur Zukunft des Wohnraums erstellt. Das Ergebnis: 2025 soll es in drei Viertel aller deutschen Regionen einen Mangel geben. Die Folge wären steigende Mieten vor allem bei Ein-Personen-Haushalten.
Die Verbände hinter der Studie haben sich zu der Initiative "Impulse für den Wohnungsbau" zusammengeschlossen und verlangen vom Staat, Neubauten mit Steuererleichterungen und Krediten zu fördern. Abseits dieser politischen Forderungen ist die Studie aber interessant, weil die Ergebnisse klarmachen, in welchen Regionen Wohnraum am knappsten ist. Die Studie unterscheidet zwischen Gegenden mit vielen Haushalten mit überdurchschnittlichem Nettoeinkommen und solchen mit unterdurchschnittlichem Einkommen:
Der Mieterbund warnt angesichts der Ergebnisse vor einer Ghettoisierung der Städte in arme und reiche Viertel und einem Anstieg der Kriminalität. Jährlich würden nur 175.000 Wohnungen gebaut - 200.000 zu wenig, sagte Bundesdirektor Lukas Siebenkotten. Am Ende drohten deutlich steigende Mieten und "Unbezahlbarkeit angemessenen Wohnraums" für immer mehr Menschen. Der soziale Wohnungsbau sei "nahezu vollständig zum Erliegen gekommen", es mangele vor allem an altersgerechten Wohnungen.
Dass es in Deutschland bald zu wenig Wohnungen gibt, ist unter Experten allerdings umstritten. "Das ganze Gerede von Wohnungsknappheit ist Unsinn", sagt Harald Simons vom Forschungsinstitut Empirica. In Wahrheit gebe es ein Gleichgewicht zwischen Neubauten und Nachfrage. "Der von wenigen Ausnahmeregionen abgesehen insgesamt ausgeglichene Wohnungsmarkt dürfte Forderungen nach neuen Wohnungsbausubventionen chancenlos bleiben lassen", schreibt Simons in einem Gutachten.
Aktuell werden außerdem erstmals seit dem Wegfall der Eigenheimzulage 2007 wieder mehr Wohnungen gebaut. Das Statistische Bundesamt teilte mit, im Vergleich zu 2008 sei die Zahl der Baugenehmigungen 2009 um 1,9 Prozent auf 178.000 gestiegen. Von den 178.000 genehmigten Wohnungen im vergangenen Jahr waren 154.100 Neubauten; im Rest sind unter anderem Umbauten an bestehenden Häusern oder Anbauten enthalten.
Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt dagegen veranschlagt den jährlichen Bedarf auf mindestens 250.000 - und argumentiert mit Problemen für den Arbeitsmarkt. Gewerkschaftschef Klaus Wiesehügel beklagt, dass die Förderung von Neubauten gekappt wurde: "Durch den dramatischen Rückgang der Zahl der fertiggestellten Wohnungen sind in den vergangenen Jahren Zehntausende Arbeitsplätze weggefallen."
cte/dpa/apn
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