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23.03.2010
 

Brutale neue Arbeitswelt

Charme und Schande der Kurzfrist-Jobs

Von Hannes Koch

Arbeitsvertrag (Symbolbild): Fast jeder Zweite bekommt nur einen befristeten JobZur Großansicht
DPA

Arbeitsvertrag (Symbolbild): Fast jeder Zweite bekommt nur einen befristeten Job

Millionen Deutsche hangeln sich von Job zu Job: Die Zahl der befristeten Arbeitsverträge steigt rapide, sichere Stellen sind in manchen Branchen Luxus geworden. Wie fühlen sich die Betroffenen? Was sagen Personalchefs? SPIEGEL ONLINE hat mit beiden Seiten gesprochen.

Berlin - Die Arbeitswelt ändert sich rasant, meist zu Lasten der Beschäftigten. Fast jeder zweite Arbeitnehmer, der eine neue Stellen antritt, bekommt nur noch einen befristeten Vertrag. Insgesamt arbeiten rund 2,7 Millionen Menschen in Deutschland in zeitlich begrenzten Jobs. Deren Anteil an allen Arbeitsplätzen beträgt schon knapp neun Prozent, 1991 waren es erst 5,7 Prozent.

Als das IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit und das Statistische Bundesamt diese Zahlen in der vergangenen Woche veröffentlichten, war die öffentliche Empörung groß. Doch was heißen die nackten Zahlen für die Betroffenen? Warum treten sie befristete Jobs an - und warum sind die Unternehmen so begeistert?

Viele Beschäftigte klagen, angesichts der beruflichen Unsicherheit weder ihren Kinderwunsch verwirklichen noch an ihre finanzielle Lebensplanung denken zu können. Andere Beschäftigte sind mit der neuen Lage aber auch zufrieden - in Agenturen und Designbüros ist befristete Beschäftigung völlig normal. Die Unternehmen wiederum preisen die Vorteile: Beschäftigte mit einem befristeten Arbeitsvertrag wird man leichter los. Und sie verursachen weniger Kosten.

Dabei plant die Bundesregierung sogar, die befristete Beschäftigung weiter auszudehnen. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, ein Gesetz ist in Vorbereitung. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) betont bei jeder Gelegenheit, die Flexibilität der Arbeitnehmer trage dazu bei, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Experten wie Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, warnen allerdings: Wenn dieses Modell "zum Standard wird, ist das für die Entwicklung unserer Gesellschaft verheerend".

Wie verheerend, berichten Betroffene auf SPIEGEL ONLINE. Sie erzählen, wie ihre Jobs aussehen und wie sie mit der Unsicherheit umgehen. Aber auch die Arbeitgeber kommen zu Wort. Sie berichten, warum sie die Flexibilität der befristeten Jobs brauchen. Für die Antworten klicken Sie hier:

Das sagen Arbeitnehmer

Kathrin Fuchss Portela, Physikerin an der Technischen Hochschule, Aachen

Die 33-jährige Physik-Doktorin Kathrin Fuchss Portela hangelt sich trotz bester Zeugnisse von einer befristeten Arbeitsstelle zur nächsten. Ihre beiden letzten Jobs: Über eine Zeitarbeitsfirma arbeitete sie befristet bei Carl Zeiss SMT AG, nun hat sie eine Stelle als Post-Doktorandin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.
Fuchss Portela hat den Eindruck, dass "die meisten Stellen für Physiker befristet sind. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung."
Die Naturwissenschaftlerin klagt, dass sie und ihr Ehemann, ein Physiker brasilianischer Nationalität, sich nicht um ihre Lebensplanung kümmern können. "Es ist schwierig, uns für Kinder zu entscheiden, den Kauf eines Hauses zu planen oder eine private Rentenversicherung abzuschließen. Wir haben keine Arbeitsplätze, auf die wir uns verlassen könnten."
Ihnen fehlt ein dauerhaftes Zuhause, die Wohnung ist nur provisorisch eingerichtet. "Wenn der nächste Arbeitsplatzwechsel samt Umzug schon wieder absehbar ist, wozu soll man dann die Bilder aufhängen?" Außerdem ist das Geld knapp: Die Bezahlung nehme von Stelle zu Stelle ab, sagt Fuchss Portela.
"Ich glaube, in Deutschland ist die Hürde des Kündigungsschutzes zu hoch", meint die Wissenschaftlerin. Viele Unternehmen würden Beschäftigte nur befristet einstellen, weil sie Angst hätten, sie im Falle wirtschaftlicher Probleme nicht kündigen zu können. In den USA, wo Fuchss Portela auf einer unbefristeten Stelle gearbeitet hat, sei das besser geregelt. Dort gebe es so gut wie keinen Kündigungsschutz, allerdings würden junge Wissenschaftler auch viel leichter unbefristete Arbeitsverträge erhalten.

Daniel Hausmann, Projektmanager bei einer Werbeagentur, Peking

Mona Frias, Betriebsrätin bei Schlecker, Berlin

Heike Lubitsch, Arbeitsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit, Freiburg

Das sagen Arbeitgeber

Christoph Humberg, Personalleiter bei MTU Maintenance, Hannover

MTU Maintenance überholt Flugzeug-Triebwerke und beschäftigt regelmäßig befristete Arbeitskräfte. Das Unternehmen stellt neue Beschäftigte zunächst als Zeitarbeiter ein, dann folgen befristete Arbeitsverträge, danach kommt es häufig zur Festanstellung.
"Die Chancen, schließlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, sind hoch", sagt Personalchef Christoph Humberg (40). In den vergangenen drei Jahren habe er rund 200 Beschäftigten, die als Zeitarbeiter angefangen hätten, feste Verträge gegeben.
MTU Maintenance nutze befristete Verträge, um flexibel zu bleiben, sagt Humberg. Es sei dann leichter möglich, die Kosten anzupassen und das Unternehmen auf die schwankende Auftragslage einzustellen. "Ich habe eine Verantwortung für den Erhalt des Standorts", begründet Humberg.
Bei MTU beruhen die befristeten Arbeitsverträge nicht nur auf dem Teilzeitgesetz, das die Befristung in der Regel auf 24 Monate begrenzt. Zusätzlich haben die Gewerkschaft IG Metall und der Arbeitgeberverband Niedersachen-Metall die gesetzliche Öffnungsklausel genutzt und einen Tarifvertrag abgeschlossen, der Kurzzeitverträge bis zu vier Jahren pro Beschäftigtem erlaubt. In der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 sollte diese Regelung helfen, Jobs zu sichern. Sie gilt jetzt allerdings weiter – auch im Aufschwung.

Holger Koch, Geschäftsführer beim Trendence Institut, Berlin

Beate Niemann, Abteilungsleiterin Personal an der TU, Berlin

Carsten Weißelberg, Technischer Geschäftsführer bei Harz Guss, Zorge

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25.04.2010 von Jordan Sokoł: OFFENER BRIEF an die Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Bereits seit 1971 wurde der Wirtschaft die Möglichkeit eingeräumt, Arbeitszeiten mit Hilfe von Leiharbeitskräften auf ein ihnen genehmes Maß auszurichten. Von den Entleihgebühren entfallen unter Berücksichtigung von [...] mehr...

12.04.2010 von britta: Flexibel für Arbeitgeber

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11.04.2010 von Diomedes: Doch welchen Sinn haben Arbeitsanreize, ohne Arbeit? II

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01.04.2010 von dirsch:

das kann vorkommen.... ...aber wen kümmert das? Den Handwerksmeister wahrscheinlich (sollte es) Bei einer großen Firma oder Aktiengesellschaft: ist doch egal, bis das auffällt, ist das Personal eh ausgedünnt, der Aktienkurs [...] mehr...

01.04.2010 von nixkapital: Hm...

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Heft 12/2010:
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Wann ist eine Kündigung gültig?

Einfach so jemanden entlassen - das geht in Deutschland nicht. Man braucht gute Gründe für eine ordentliche Kündigung. Juristen unterscheiden zwischen einer personenbedingten (etwa bei langer Krankheit), einer verhaltensbedingten (etwa bei Leistungsmängeln oder ungenehmigten Nebentätigkeiten) und einer betriebsbedingten Kündigung (etwa bei Stilllegung der Firma).

Fristlos gefeuert werden kann nur, wer sich schwere Fehler geleistet hat - zum Beispiel stiehlt oder Dienstgeheimnisse verrät.

In jedem Fall muss die Entlassung vorher mit dem Betriebsrat abgestimmt sein und schriftlich erfolgen mit leserlicher Unterschrift; SMS oder E-Mail sind ungültig. Für bestimmte Personengruppen wie Schwerbehinderte oder Schwangere gilt ein erhöhter Kündigungsschutz.





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