Von Sven Böll
Hamburg - Die Nachricht schockiert viele gesetzlich Versicherte: Erstmals seit Einführung des Gesundheitsfonds haben zwei Krankenkassen eingestanden, dass ihnen die Insolvenz droht. Die Betriebskrankenkassen BKK Heilberufe und die City BKK haben dem Bundesversicherungsamt eine mögliche Überschuldung in diesem Jahr gemeldet.
Was dramatisch klingt, hat für die fast 300.000 Versicherten beider Kassen erst einmal keine unmittelbaren Folgen. "Die Meldung ans Bundesversicherungsamt ist Teil eines Frühwarnsystems", sagt die Sprecherin des Verbands der Betriebskrankenkassen Christine Richter SPIEGEL ONLINE.
In der Tat: Die Behörde muss nun prüfen, ob der Liquiditätsengpass heilbar ist oder die Existenz der Kassen tatsächlich gefährdet. Denn gesetzliche Versicherungen dürfen keine Schulden machen. "Im Fall der Fälle würden aber andere Kassen mit Finanzhilfen einspringen oder es käme zu Fusionen", sagt Richter. Der Versicherungsschutz der Mitglieder sei nicht bedroht. Sie könnten sich auch nach der möglichen Einleitung eines Insolvenzverfahrens auf jeden Fall problemlos eine neue Versicherung suchen.
Versicherte in Städten sind teurer als auf dem Land
Alles gut also? Nein, leider nicht. Das mögliche Aus für die City BKK und die BKK Heilberufe verdeutlicht zwei zentrale Probleme des deutschen Gesundheitswesens.
Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass sich das Angebot problemlos seine Nachfrage schafft: Je mehr Ärzte und Krankenhäuser es gibt, desto mehr Patienten kommen, und desto höher sind die Kosten. Außerdem scheinen sich viele Versicherte ihre Kasse inzwischen vorwiegend nach dem Preis und nicht nach den Leistungen auszuwählen.
Die City BKK ist eigentlich eine Krankenkasse, die für den Gesundheitsfonds wie gemacht ist. Bei ihr sind überdurchschnittlich viele Rentner versichert, also Patienten, die häufig medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Und weil im deutschen Gesundheitswesen nicht Gesund-, sondern Kranksein belohnt wird - die Kassen bekommen einen Teil der Zuweisungen aus dem Fonds entsprechend der Krankheiten ihrer Versicherten - , müsste die City BKK vom System profitieren.
Dass sie es nicht tut, lässt sich so begründen: Die City BKK hat zwar die richtigen Patienten, allerdings am falschen Ort. Das Gros ihrer Mitglieder lebt in Berlin und Hamburg. In den beiden größten deutschen Städten gibt es allerdings an jeder Ecke einen Arzt, zig Krankenhäuser - und auch sonst noch allerlei sogenannte Leistungserbringer, die um Patienten buhlen.
Zweifel, ob sich Investitionen lohnen
Entsprechend verursachen die Versicherten in Städten mehr Kosten als in ländlichen Regionen. Die City BKK bekommt aber für alle Patienten mit Bluthochdruck den gleichen Betrag - egal, wo sie wohnen. "Wenn unsere Mitglieder vorwiegend in Mecklenburg-Vorpommern leben würden, wären wir wohl nicht von Finanzproblemen bedroht", heißt es denn auch bei der Krankenkasse.
Die integrierte Versorgung gilt als eine vielversprechende Lösung für das Problem, dass immer mehr Leistungserbringer immer mehr Patienten behandeln und somit die Kosten stets steigen. Denn dann gäbe es eine engere Verzahnung von Ärzten und Krankenhäusern. Überflüssige Doppeluntersuchungen etwa fielen weg. Allerdings ist der Aufbau entsprechender Programme für die Versicherungen teuer. Und bei dem einen oder anderen Kassenmanager dürften inzwischen Zweifel aufkommen, ob sich Investitionen in Innovationen wirklich lohnen.
Das legt zumindest das Schicksal der BKK Heilberufe nahe. Zwar erheben inzwischen mehrere Krankenkassen einen Zusatzbeitrag in Höhe von acht Euro, die Betriebskrankenkasse geht in ihrer finanziellen Not allerdings weiter, sie verlangt von ihren Mitgliedern seit Anfang des Jahres einen Beitrag in Höhe von einem Prozent ihres Bruttoeinkommens. Wer gut verdient, muss deshalb bis zu 37,50 Euro zusätzlich zahlen. Monat für Monat.
Die Mini-Kopfpauschale macht die Kosten transparent
Dass der ein oder andere Versicherte der Kasse aufgrund der Mehrkosten den Rücken kehren wird, damit hatten die Verantwortlichen durchaus gerechnet. Nicht aber damit, dass ihnen ein Exodus bevorsteht: Von den rund 170.000 Mitgliedern Ende 2009 verließen im ersten Quartal rund 50.000 die Versicherung. Das entspricht einem Drittel der einstigen Beitragszahler. Offenbar gilt bei der Krankenversicherung ein ähnliches Aldi-Prinzip wie bei der Milch: Der Preis macht's.
Das Beispiel BKK Heilberufe lehrt aber noch etwas Anderes: Es macht für die Versicherten offenbar einen gewaltigen Unterschied, ob sich der prozentuale Beitrag zur Krankenkasse (derzeit 14,9 Prozent) erhöht oder die Versicherung einen monatlichen Zusatzbeitrag erhebt. Denn der prozentuale Betrag wird anonym vom Arbeitgeber eingezogen. Widerstand ist zwecklos. Verlangt die Kasse allerdings eine Mini-Kopfpauschale, muss sie ihre Mitglieder anschreiben, und diese müssen einen Dauerauftrag einrichten. Jeden Monat werden die Mehrkosten damit sichtbar. Da ist die Schmerzgrenze schneller erreicht.
Weil es das erklärte Ziel der schwarz-gelben Regierung ist, einen immer größeren Teil des Arbeitnehmerbeitrags in eine Kopfpauschale umzuwandeln, dürften die Kosten der Krankenversicherung künftig transparenter werden. Das könnte für die Kassen möglicherweise fatale Folgen haben.
Im kommenden Jahr wird der gesetzlichen Krankenversicherung wahrscheinlich ein zweistelliger Milliardenbetrag fehlen. Anbieter, die angesichts ihrer Versichertenstruktur von dem Defizit stärker betroffen sind, müssten dann wohl schnell eine Kopfpauschale erheben, die bei mehr als 30 Euro pro Monat liegen dürfte. Dann könnte ihnen ebenfalls ein Versicherten-Exodus bevorstehen.
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Na dann erzählen Sie mal wieviel Sie einzahlen. Vermutlich hatte ich in meiner aktiven Zeit wesentlich mehr eingezahlt. mehr...
Quatsch,die Ärzte streiken nicht für den Erhalt der Hausverträge, denn die will niemand abschaffen. Die Ärzte streiken dagegen, dass die Honorare in den Hausarztverträgen nicht stärker steigen sollen als die allgemeine [...] mehr...
Das ist doch gar nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, dass von Ärzteseite ständig suggeriert wird, die Kassenärzte müssten in vielen Regionen mit weniger Honorar auskommen als vor der Reform 2009. Tatsächlich [...] mehr...
wenn es den Ärzten so schlecht geht, warum studieren dann so viele für diesen Beruf?? Niemand zwingst sie. Wenn nicht die Bevölkerung in Jahrzehnten so erzogen worden wäre, bei jeder Kleinigkeit [...] mehr...
Natürlich ist er das nicht, aber was sagen Sie den Krankenschwestern? Geht es denen anders? Erzählen Sie DENEN mal was von 90.000€! Richtig! Deswegen haben Sie auch Verantwortung - den Menschen gegenüber. Genauso wie die [...] mehr...
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