Von Stefan Schultz
Hamburg - Politiker von Union und FDP werfen in der Atomdebatte gerne mit Jahreszahlen um sich: Was wäre, wenn Deutschlands Kernkraftwerke vier, acht oder 28 Jahre länger laufen? Das Forschungsinstitut Prognos, das Energiewissenschaftliche Institut an der Universität Köln und die Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung arbeiten zurzeit entsprechende Szenarien für das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium aus.
Tatsächlich sind die Jahreszahlen vor allem eins: Augenwischerei. Was genau eine Laufzeitverlängerung um ein Jahr eigentlich bedeutet, ist gut zwei Wochen, bevor die Institute der Regierung ihren ersten Zwischenbericht vorlegen müssen, noch immer nicht erkennbar.
Klar ist bislang nur, dass die Verlängerung der Laufzeiten auf der Basis sogenannter Jahresvolllaststunden berechnet werden dürfte. Man gehe von "dieser Regelung aus", teilte die Regierung auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Bärbel Höhn vom 9. März mit. Jahresvolllaststunden sind eine idealtypische Größe. Sie geben an, wie viele Stunden ein Atommeiler mit voller Kraft laufen müsste, um seine Jahresenergieproduktion zu erreichen. Seit der Reform des Atomgesetzes im Jahre 2002 werden die Restlaufzeiten von Kraftwerken so berechnet.
Derzeit laufen Deutschlands Meiler im Durchschnitt mit 8000 Jahresvolllaststunden - Tendenz sinkend. Denn Ökostrom hat in deutschen Netzen Vorfahrt. Die Netzbetreiber müssen den Erzeugern von Wind- und Solarstrom ihre Elektrizität bevorzugt abnehmen, ehe sie Atom- oder Kohlestrom durch die Leitungen lassen. Mit anderen Worten: Je mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, desto stärker wird die Kernkraft verdrängt.
Ob die Regierung die Verdrängung des Atomstroms durch Ökoenergien in ihren Berechnungen berücksichtigt, ist nicht bekannt. Täte sie es aber nicht, würde sie also pro Jahr Laufzeitverlängerung 8000 Jahresvolllaststunden gewähren. Würde sich an der gesetzlichen Absicherung, dass Ökostrom Vorfahrt hat, nichts ändern, wären die Kraftwerke laut ISUSI-Berechnungen wesentlich länger am Netz als offiziell angegeben:
Die Berechnungen des ISUSI basieren auf der Annahme, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien wesentlich schneller voranschreitet als die Bundesregierung vermutet. Das Umweltministerium geht in seinem sogenannten Leitszenario 2009 davon aus, dass bis 2030 etwas mehr als 100 Gigawatt Leistung aus erneuerbaren Energien erzeugt werden. Das ISUSI dagegen glaubt, dass es bis 2030 gut 162 Gigawatt Leistung sind.
| Regierungsprognose zum Ausbau Erneuerbarer Energien (2009)* | |||||
| Jahr | 2007 | 2020 | 2030 | 2040 | 2050 |
| Wind | 22,2 | 41,9 | 59,7 | 71,5 | 76,0 |
| davon Onshore | 22,2 | 32,9 | 35,9 | 38,0 | 39,0 |
| davon Offshore | 0,0 | 9,0 | 23,8 | 33,5 | 37,0 |
| Wasser | 4,7 | 5,1 | 5,2 | 5,2 | 5,2 |
| Geothermie | 0,0 | 0,3 | 1,0 | 2,3 | 5,3 |
| Photovoltaik | 3,8 | 23,2 | 28,4 | 30,5 | 34,0 |
| Bioenergie | 4,0 | 7,9 | 8,5 | 8,7 | 8,7 |
| EE gesamt | 33,9 | 78,3 | 102,6 | 118,3 | 129,3 |
Quelle: Leistungsszenario des Bundesumweltministeriums; *Angaben in Gigawatt |
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Tatsächlich sind die Berechnungen der Regierung teils sehr konservativ. So rechnet sie damit, dass bis 2030 Windräder mit rund 59,7 Gigawatt Leistung installiert sein werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) dagegen geht in einer aktuellen Prognose davon aus, dass dieses Ziel schon 2020 fast erreicht sein wird. Zudem soll zudem die Leistung der Offshore-Windparks massiv steigen, denn die Regierung will den Ausbau riesiger Hochsee-Windparks stark vorantreiben. Der BWE geht davon aus, dass bis 2030 Offshore-Windräder mit einer Leistung von 25 Gigawatt ans Netz gehen.
Den Ausbau der Photovoltaik hat die Regierung schon in der Vergangenheit mehrfach unterschätzt. Erst kürzlich musste sie sich erneut korrigieren: Im Leitszenario ging das Umweltministerium noch davon aus, dass bis 2030 Solaranlagen mit einer Leistung von 28,4 Gigawatt installiert werden. In einer Formulierungshilfe für den Entwurf zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes schreibt die Regierung nun, dass bis 2030 zusätzlich Solaranlagen mit 65 Gigawatt Leistung ans Netz gehen.
Inwieweit die Regierung solch aktualisierte Prognosen in der Diskussion zur Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken berücksichtigt, ist ebenfalls unklar. Man könne "im Hinblick auf den laufenden Arbeitsprozess dazu nicht Stellung nehmen", teilte der Parlamentarische Staatssekretär Ernst Burgbacher (FDP) auf Anfrage der Grünen mit.
Der Grünen-Abgeordnete Fell dagegen wirft der Regierung Konzeptlosigkeit vor. "Schwarz-Gelb scheint noch immer nicht begriffen zu haben, dass der Ausbau erneuerbarer Energien und die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken nicht zusammenpassen", sagt er.
Ernster volkswirtschaftlicher Schaden
Klar ist allerdings schon jetzt: Eine Lösung für die wachsende Konkurrenz von Atom- und Ökostrom muss rasch her. Bereits heute konkurrieren die Energien in den deutschen Netzen.
Am 25. Dezember 2009 etwa ließen orkanartige Böen Deutschlands Windkraftanlagen auf Hochtouren laufen. Da die Kraftwerke nicht schnell genug heruntergeregelt werden konnten, war auf einmal mehr Strom verfügbar als nachgefragt wurde. An der deutschen Strombörse in Leipzig hatte das absurde Folgen: Der Strompreis drehte ins Minus. Abnehmer von Elektrizität verdienten zeitweise bis zu 230 Euro pro Megawattstunde. Insgesamt konnten Stromkäufer gut 14 Millionen Euro auf ihren Konten gutschreiben.
Ein solches Überangebot gibt es in letzter Zeit immer öfter: Zwischen September und Anfang März sind die Strompreise an 29 Tagen in den negativen Bereich abgedriftet.
Schuld daran ist die unkoordinierte Energiepolitik der Regierung. Denn während der Ausbau erneuerbarer Energien rasch zunimmt, werden die Stromnetze nur langsam modernisiert. Es fehlen Leitungen, intelligente Netzschaltungen und vor allem Anlagen, die in der Lage wären, Ökostrom zu speichern, um ihn zu wind- und sonnenarmen Zeiten wieder ins Netz zu speisen. Volkswirtschaftlich notwendig ist der Netzausbau trotzdem, sonst wird es in den kommenden Jahren immer öfter ein Stromüberangebot geben - mit entsprechenden Verlusten für die Energieerzeuger.
Die ISUSI-Berechnungen belegen das eindrucksvoll: Das Institut hat Wetterdaten für das komplette Jahr 2007 zusammengetragen, unter anderem die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten und die Stärke der Sonneneinstrahlung für jede Stunde des Jahres (siehe Grafiken oben). Diese Daten nutzte das ISUSI als Schablone: Angenommen, das Wetter wäre 2030 genauso wie 2007 und gut 162 Gigawatt Leistung würden aus erneuerbaren Energien produziert - wie viel Atom- und Kohlestrom bräuchte man dann überhaupt noch an den jeweiligen Tagen?
Das Ergebnis: Zwar wäre Atomenergie 2030 noch nicht überflüssig - doch die Nachfrage nach ihr wäre bereits drastisch gesunken. Und an besonders wind- und sonnenreichen Tagen könnte man theoretisch schon alle Atommeiler abschalten.
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Was hat Leonardo da Vinci mit dieser Debatte zu tun? Antwort: zum Glück wenig ... Denn hätte dieser geniale Erfinder *15.04.1452 - + 02.05.1519 zufällig auch die Atomkraft entdeckt, hätte das zwar für die Zeit von [...] mehr...
Sie wissen inzwischen, dass das falsch ist und widerholen es trotzdem. Das kann man nicht mehr Unwissenheit sondern nur noch Lüge nennen. mehr...
Was die 'Einkommensschwachen' alles finanzieren - auf der ganzen Welt - das muss man Ihnen nicht erklären? Z.B. allein in DE 25 Mia. € Rekordgewinne in 2009 der 4 EVU-Fürstentümer - und damit sagenhafte Gehälter der [...] mehr...
..die einkommensschwachen finanzieren über die EE Umlage die Geldanlagen der gut verdienenden Windpark und Solardachbesitzer. Hatten wir alles schon. Was ist denn nun mit dem Strom aus Erdgaskraftwerken? Wir haben also 2050 [...] mehr...
- Indirekt garnix - was Sie hier verlinken, hat mit den Fragen nicht die Spur zu tun! . 1. Weisen Sie nach oder Ihr Atomikerfreund Cabona, dass Italien 85% seines Strombedarfs einführt? 2. Sie zitieren gewollt ein [...] mehr...
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