Von Stefan Schultz
Hamburg - Stand der große Knall im Weltfinanzsystem Anfang Mai unmittelbar bevor? Die Europäische Zentralbank (EZB) skizziert in ihrem aktuellen Monatsbericht ein Horrorszenario. Die europäische Finanzwelt ist nur knapp an einem Zusammenbruch vorbeigeschrammt, steht in der Analyse (siehe PDF links). Den Anleihen-, Interbanken-, Aktien- und Devisenmärkten habe der Kollaps gedroht.
An manchen dieser Märkte sei die Situation im Mai 2010 gar schlimmer gewesen als nach dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, dem Auftakt zur weltweiten Finanzkrise. Nur das beherzte Eingreifen der EZB habe Anfang Mai das Schlimmste verhindert - schreibt die EZB.
Das bedeutet zunächst einmal: Europas mächtigste Zentralbank liefert nachträglich eine umfassende Begründung für ihr unkonventionelles Vorgehen in den vergangenen Wochen. Um Griechenland zu helfen, hatte sie eine eherne Regel gebrochen, der zufolge sie nur Staatsanleihen mit einem befriedigenden Rating kauft. Nun plötzlich nahm die EZB auch griechische Anleihen mit Ramschstatus (siehe Kasten links) in Milliardenhöhe - und EZB-Chef Jean-Claude Trichet stand schlagartig im Kreuzfeuer der Kritik.
Die Maßnahme schade der Glaubwürdigkeit der Notenbank, sagte EZB-Experte Michael Schubert von der Commerzbank. Bundesbank-Präsident Axel Weber, selbst EZB-Ratsmitglied, kritisierte den riskanten geldpolitischen Schwenk. Manche sahen in dem Schritt eine Warnung, dass Schlimmeres dräut: "Die EZB hat eines ihrer hehren Prinzipien über Bord geworfen", sagte seinerzeit Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital. "Das zeigt, dass die Lage sehr, sehr ernst ist."
"Schwere Störung der Märkte"
Der EZB-Monatsbericht untermauert nun genau dies. Von einer "schweren Störung der Märkte" ist die Rede. "Wenngleich sich diese Verwerfungen aus einer anderen Konstellation von Schocks ergaben als die verstärkten Spannungen nach der Insolvenz von Lehman Brothers, lassen sich in mancherlei Hinsicht Parallelen ziehen", schreibt die EBZ. "Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Geschwindigkeit, mit der die Stimmung umschlug, sowie mit Blick auf die jähe Flucht der Finanzinvestoren in sichere Anlagen."
Am Bankenmarkt drohte der EZB zufolge eine dramatische Kettenreaktion. "So stieg die Wahrscheinlichkeit eines gleichzeitigen Zahlungsausfalls von zwei oder mehr großen Banken des Eurogebiets sprunghaft an und überschritt die nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers beobachteten Werte", steht in dem Papier. Welche Banken akut pleitegefährdet waren, teilte die Bank nicht mit - bekannt ist, dass vor allem die deutsche Hypo Real Estate und einige französische Banken Anfang Mai viele Griechen-Anleihen in ihren Portfolios hatten.
Der Bericht liest sich untypisch dramatisch. Das oberste Gebot einer Zentralbank ist, Ruhe in die Märkte zu bringen. Angesichts der scharfen Kritik am geldpolitischen Kurs der EZB drängt sich also die Frage auf, ob sie die Ereignisse Anfang Mai in einem besonders dramatischen Licht erscheinen lässt, um die eigenen Aktionen nachträglich zu rechtfertigen. Die Bank weist das zurück, und auch unabhängige Experten halten den Monatsbericht nicht für übertrieben. "Die Nervosität an den Märkten ist seit September 2008 erhöht", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim. "Störungen wie das griechische Drama lassen die Angst der Anleger schnell auf ein Niveau emporschnellen, das für die Märkte bedrohlich werden kann. Am 7. und 8. Mai war dieses Niveau erreicht."
Mehrere Parallelen zum Lehman-Crash
Für die EZB-Einschätzung spricht außerdem, dass auch die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) Anfang Mai reagierten - sie legten am Wochenende des 8. und 9. Mai in einer Hauruckaktion den Grundstein für einen 750-Milliarden-Euro-Rettungsfonds, der in Not geratene EU-Staaten künftig kurzfristig auffangen kann. Angetrieben wurden sie von der Angst, dass Montagnacht bei Öffnung der asiatischen Aktienmärkte ein beispielloses Börsenbeben passiert. Die Politik wollte ein starkes Signal an die Märkte schicken, damit der Kollaps verhindert wird.
Die EZB liefert dafür in ihrem Bericht viele Belege dafür, das die Befürchtungen begründet waren. Sie stützt sich auf Indikatoren, die nicht sie selbst erhebt, sondern unabhängige Finanzexperten:
Die Folgen der Finanzturbulenzen von Anfang Mai sind bis heute spürbar. Und auch sie ähneln den Folgen des Lehman-Crashs: Die Aktien- und Devisenmärkte haben sich zwar schon wieder erholt, aber der Interbankenmarkt hat noch enorme Probleme. Viele Institute legen ihre überschüssigen Euros mittlerweile wieder bei der EZB an. "Wir haben erneut die Situation, dass sich die Banken untereinander nicht vertrauen", sagte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark kürzlich der "Zeit".
Mit deutlichen Worten hat an diesem Freitag auch Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia vor neuen Risiken für die Banken gewarnt: Vor allem in Griechenland und Spanien könnten einige Institute in Schwierigkeiten geraten. Um Klarheit über die Situation der Geldhäuser und am Ende wieder Vertrauen herzustellen, hat die EU in einem einmaligen Schritt beschlossen, Stresstests der Institute zu veröffentlichen - in diesen Analysen werden die Unternehmen auf Belastbarkeit untersucht.
Vieles spricht dafür, dass Europa Anfang Mai gerade noch einen Kollaps der Märkte verhindert hat - aber die Gefahr ist nicht gebannt. Die Frage bleibt, ob die beschlossenen Hilfspakete tatsächlich eine neue Bankenkrise verhindern können. Wenn nein, müssen die ohnehin verschuldeten Regierungen vielleicht schon bald wieder eingreifen - und die Geldinstitute retten.
Auf anderen Social Networks posten:
Wen die USA aufhören im Ausland (bis hin zum Krieg) ihre Interessen durchzuziehen, und sich um ihr eigenes Land und dessen Prosperität kümmern, inklusive der Partnerschaft eines echten Verteigigungsbündnis, welches nicht so [...] mehr...
Und ? Wären Sie dann glücklich und zufrieden ? (Ach ja : "untergehen" tun die USA deshalb trotzdem nicht...zu schade, nicht wahr ?) mehr...
Aber es hat auch noch eine andere Seite, die eher noch von den Oligarchen der kapitalistischen Systeme gefürchtet werden. Schließlich ist China auf diesem Weg zu einem Wirtschaftsimperium herangereift, das im Export alle anderen [...] mehr...
„...China-hype ist doch von der old ökonomy gemacht...“ Aus deren Perspektive war mein Beitrag auch gedacht ("China wird hierzulande leidenschaftlich als ultrakapitalistisches Pharaonenreich......"). Ein [...] mehr...
Wann biden sich übertriebene Spekulationsblasen?? Wenn sich eine extreme Ungleichheit in der Einkommensentwicklung bildet und die Arbeitserträge vieler sich bei Einzelnen zu stark sammeln. Deren immer grüßer werdende Gier verläßt [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Europäische Zentralbank | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH